Berachot — Blatt 32b

1R. Elea͑zar sagte: Größer ist das Gebet als gute Taten, denn du hast ja keinen größeren in guten Taten als unseren Meister Moše, dennoch wurde er nur durch das Gebet erhört, wie es heißt: fahre nicht fort, weiter zu mir zu reden, und darauf folgt: steige hinauf auf den Gipfel des Pisga.

2Ferner sagte R. Elea͑zar: Größer ist das Fasten als Almosengaben. Weshalb? — Jenes [übt er] mit seinem Körper, dieses mit seinem Gelde.

3Ferner sagte R. Elea͑zar: Größer ist das Gebet als die Opfer, denn es heißt: wozu mir die Menge euerer Schlachtopfer, und es heißt ferner: auch wenn ihr euere Hände ausbreitet.

4(R. Joḥanan sagte: Ein Priester, der einen Menschen erschlagen hat, erhebe seine Hände nicht, denn es heißt: Euere Hände sind voll Blut.)

5Ferner sagte R. Elea͑zar: Seit dem Tage, da das Heiligtum zerstört worden ist, sind die Pforten des Gebetes verschlossen, wie es heißt: auch wenn ich schreie und wehklage, verschloß er mein Gebet. Obgleich aber die Pforten des Gebetes verschlossen sind, die Pforten der Tränen sind nicht verschlossen, denn es heißt: erhöre mein Gebet, o Herr, horche auf mein Wehklagen, zu meinen Tränen wirst du ja nicht schweigen.

6Raba pflegte an einem wolkigen Tage kein Fasten anzuordnen, weil es heißt: du hast dich mit einer Wolke bedeckt, daß kein Gebet durchdringe.

7Ferner sagte R. Elea͑zar: Seit dem Tage, da das Heiligtum zerstört worden ist, ist die eiserne Wand zwischen Jisraél und seinem Vater im Himmel durchbrochen, denn es heißt: und du nimm eine eiserne Pfanne und laß sie eine eiserne Wand sein zwischen dir und der Stadt.

8R. Ḥanin sagte im Namen R. Ḥaninas: Wer sein Gebet lange ausdehnt, dem kehrt das Gebet nicht unerfüllt zurück. Woher uns dies? — Von unserem Meister Moše, denn es heißt: ich betete zum Herrn, sodann folgt: und der Herr erhörte mich auch diesmal. —

9Dem ist ja nicht so, R. Ḥija b. Abba sagte ja im Namen R. Joḥanans, wer sein Gebet lange ausdehnt und [auf Erfüllung] sinnt, bekomme endlich Herzweh, denn es heißt: hingezogenes Hoffen macht das Herz weh. — Weiches Mittel gibt es für ihn? — Er befasse sich mit der Tora, denn es heißt: aber ein Baum des Lebens ist der erfüllte Wunsch, und nichts anderes ist ein Baum des Lebens als die Tora, denn es heißt: ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten. — Das ist kein Widerspruch; dieses, wenn er es lange ausdehnt und [auf Erfüllung] sinnt, jenes, wenn er es lange ausdehnt und nicht darauf sinnt.

10R. Ḥama b. R. Ḥanina sagte: Wenn jemand sieht, daß er gebetet und nicht erhört worden ist, so wiederhole er und bete nochmals, denn es heißt: hoffe auf den Herrn, sei stark, dein Herz fasse Mut, und hoffe auf den Herrn.

11Die Rabbanan lehrten: Vier Dinge benötigen der Stärkung, und zwar: die Tora, die guten Werke, das Gebet und die Berufstätigkeit.

12Woher dies von der Tora und den guten Werken? —Es heißt: nur sei stark und sehr fest, zu beobachten und zu üben, wie die ganze Tora; stark: in der Tora, fest: in den guten Werken.

13Woher dies vom Gebete? — Es heißt: hoffe auf den Herrn, sei stark, dein Herz fasse Mut, und hoffe auf den Herrn. —

14Woher dies von der Berufstätigkeit? — Es heißt: sei stark und laß uns stark sein für unser Volk &c.

15Und Çijon sprach: Verlassen hat mich der Herr, der Herr hat mich vergessen! Verlassen ist ja dasselbe, was vergessen!? Reš Laqiš erklärte: Die Gemeinschaft Jisraél sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, wenn ein Mann ein Weib nach seinem ersten Weibe heiratet, so gedenkt er der Taten seines ersten Weibes, du aber hast mich verlassen und vergessen: Vergißt ein Weib ihren Säugling?

16Der Heilige, gepriesen sei er, sprach sodann zu ihr: Meine Tochter, zwölf Sternbilder erschuf ich an der Himmelswölbung; jedem Sternbilde erschuf ich dreißig Heere, jedem Heere erschuf ich dreißig Legionen, jeder Legion erschuf ich dreißig Rotten, jeder Rotte erschuf ich dreißig Cohorten, jeder Cohorte erschuf ich dreißig Castren und jedem Castrum habe ich dreihundertfünfundsechzigtausend Myriaden Sterne angehängt, entsprechend den Tagen des Sonnenjahres; sie alle erschuf ich nur deinetwegen, und du sagst: verlassen hast du mich und vergessen!

17Vergißt ein Weib ihren Säugling? Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Kann ich denn die Brandopfer, Widder und Erstgeborenen vergessen, die du mir in der Wüste dargebracht hast!? Sie sprach dann zu ihm: Herr der Welt, da es keine Vergessenheit vor dem Throne deiner Herrlichkeit gibt, so vergißt du mir vielleicht auch das Ereignis mit dem Kalb nicht? Er erwiderte ihr: auch diese werden vergessen.

18Sie sprach dann vor ihm: Herr der Welt, wenn es eine Vergessenheit vor dem Throne deiner Herrlichkeit gibt, so vergißt du mir vielleicht auch das Ereignis am Sinaj? Er erwiderte ihr: Ich aber vergesse deiner nicht.

19Das ist es, was R. Elea͑zar im Namen R. Oša͑jas sagte: Es heißt: auch diese werden vergessen; dies bezieht sich auf das Ereignis mit dem Kalb; ich aber vergesse deiner nicht, dies bezieht sich auf das Ereignis am Sinaj.

20DIE FRÜHEREN FROMMEN PFLEGTEN EINE STUNDE ZU VERWEILEN.

21Woher dies? R. Jehošua͑ b. Levi erwiderte: Die Schrift sagt: Heil denen, die in deinem Hause weilen.

22Ferner sagte R. Jehošua͑ b. Levi: Der Betende soll eine Stunde nach seinem Gebete verweilen, denn es heißt: wahrlich, die Gerechten werden deinem Namen danken, und die Redlichen werden vor deinem Angesichte weilen.

23Desgleichen wird gelehrt: Der Betende soll eine Stunde vor seinem Gebete und eine Stunde nach seinem Gebete verweilen. — Woher, daß vor seinem Gebete? — Es heißt: Heil denen, die in deinem Hause weilen. — Woher, daß nach seinem Gebete? — Es heißt: wahrlich, die Gerechten werden deinem Namen danken und die Redlichen werden vor deinem Angesichte weilen.

24Die Rabbanan lehrten: Die früheren Frommen pflegten eine Stunde zu verweilen, eine Stunde zu beten, dann wiederum eine Stunde zu verweilen. Wenn sie aber neun Stunden täglich mit ihrem Gebete verbrachten, wieso wurde ihr Studium bewahrt, und wie wurde ihre Arbeit verrichtet!? —

25Doch, da sie Fromme waren, wurde ihr Studium bewahrt und ihre Arbeit gesegnet.

26SELBST WENN EINEN DER KÖNIG GRÜSST, ERWIDERE MAN IHM NICHT.

27R. Joseph sagte: Dies haben sie nur in Bezug auf Könige Jisraéls gelehrt, bei Königen der weltlichen Völker unterbreche man wohl.

28Man wandte ein: Wenn jemand betet und einen Gewalttäter auf sich zukommen sieht, einen Wagen auf sich zukommen sieht, so unterbreche er nicht, sondern kürze ab und gehe weiter!? —

29Das ist kein Widerspruch, wenn man kürzen kann, kürze man, wenn nicht, unterbreche man.

30Die Rabbanan lehrten: Einst ereignete es sich mit einem Frommen, daß er auf der Reise betete, und als ein Hegemon herankam und ihn grüßte, erwiderte er ihm den Gruß nicht. Dieser wartete, bis er sein Gebet beendete, und nachdem er sein Gebet beendet hatte, sprach er zu ihm: Wicht, heißt es nicht in euerer Tora: nur hüte dich und bewahre deine Seele; ferner heißt es: hütet euch sehr für euere Seelen!? Warum hast du, nachdem ich dich gegrüßt, mir den Gruß nicht erwidert? Wenn ich dein Haupt mit einem Schwerte abschlagen würde, wer würde dein Blut von meiner Hand fordern!?

31Jener erwiderte: Warte etwas, ich will dich mit Worten besänftigen. Er sprach zu ihm: Wenn du vor einem König von Fleisch und Blut stündest und dein Freund käme und dich grüßte, würdest du

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.