Berachot — Blatt 32a

1es heißt: und dem ich Böses getan habe.

2Auch sagte R. Ḥama b. R. Ḥanina: Wenn nicht folgende drei Schriftverse, würden die Füße (der Feinde) Jisraéls gewankt haben.

3Einer lautet: Dem ich Böses getan habe. Einer lautet: Siehe, wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand, Haus Jisraél. Und einer lautet: Ich entferne das steinerne Herz aus eurem Leibe und gebe euch ein fleischernes Herz.

4R. Papa sagte: Hieraus: Ich will meinen Geist in euch geben, und ich will machen, daß ihr in meinen Satzungen wandelt.

5Ferner sagte R. Elea͑zar: Moše hat Worte gegen oben ausgestoßen, denn es heißt: Moše flehte zu Gott; lies nicht él [zu] Gott, sondern a͑l [über] Gott.

6In der Schule des R. Elie͑zer b. Ja͑qob lesen sie nämlich das Aleph wie A͑jin und das A͑jin wie Aleph.

7In der Schule R. Jannajs sagten sie: Hieraus: Und Di-zahab,

8Was bedeutet Di-zahab? Dies erklärten sie in der Schule R. Jannajs: Folgendes sprach Moše vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, das viele Silber und Gold, das du Jisraél in Überfluß gegeben, bis sie ‘genug’ sagten, hat es veranlaßt, daß sie das Kalb machten.

9In der Schule R. Jannajs sagten sie ferner: Der Löwe brüllt nicht über einen Korb Stroh, sondern über einen Korb Fleisch.

10R. Oša͑ja sagte: Ein Gleichnis. Einst hatte jemand eine magere Kuh mit hervorstehenden Gliedern, die er mit Wicken fütterte; als sie dann nach ihm ausschlug, sprach er zu ihr: Was veranlaßte dich, nach mir auszuschlagen, wenn nicht die Wicken, womit ich dich gefüttert!?

11R. Ḥija b. Abba sagte im Namen R. Joḥanans: Ein Gleichnis. Einst hatte jemand einen Sohn, den er gebadet, gesalbt, gespeist und getränkt hat; dann hängte er ihm einen Beutel [Geld] an den Hals und setzte ihn an die Tür eines Hurenhauses. Was anderes sollte dieser Sohn tun, als sündigen?

12R. Aḥa b. R. Hona sagte im Namen des R. Šešeth: Das ist es, was die Leute sagen: Wessen Bauch voll, ist schlechter Art. So heißt es auch: Sie weideten und wurden satt, als sie satt waren, erhob sich ihr Herz; darum vergaßen sie mich. R. Naḥman b. Jiçḥaq sagte: Hieraus: Es erhebt sich dein Herz, und du vergißt den Herrn. Die Rabbanan sagten: Hieraus: Er ißt, wird satt und fett, und wendet sich ab.

13Wenn du willst, sage ich, hieraus: Ješurun wurde fett und schlug aus. R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Woher, daß der Heilige, gepriesen sei er, zurückgetreten ist und Moše zugestimmt hat? — es heißt: Silber habe ich ihr viel gegeben, auch Gold, das sie für den Baa͑l verwendete.

14Und der Herr sprach zu Moše: Geh, steig hinab. Was bedeutet: geh, steig hinab? R. Elea͑zar erklärte: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Moše: Moše, steige von deiner Würde hinab; habe ich dir doch nur um Jisraéls willen Würde verliehen, jetzt, da Jisraél gesündigt, wozu brauche ich deiner!? Sogleich erschlaffte die Kraft Mošes, und er hätte keine Kraft zum Reden. Als er aber sprach: laß ab von mir, ich will sie vertilgen, sagte Moše: Es hängt also von mir ab. Sogleich richtete er sich auf, stärkte sich im Gebete und flehte um Erbarmen.

15Ein Gleichnis. Ein König zürnte seinem Sohne und versetzte ihm wuchtige Schläge; sein Freund saß vor ihm, fürchtete aber, ihm etwas zu sagen. Dann sprach der König: Wenn nicht dieser mein Freund, vor mir säße, hätte ich dich erschlagen. Da sagte dieser: Es hängt also von mir ab. Sogleich richtete er sich auf und rettete ihn.

16Jetzt laß mich, daß mein Zorn über sie ergrimme und ich sie verzehre; ich will dich zum großen Volke machen &c. R. Abahu sagte: Wäre dies nicht ein geschriebener Schriftvers, so dürfte man es nicht aussprechen. Dies lehrt, daß Moše den Heiligen, gepriesen sei er, angefaßt hat, wie ein Mensch seinen Nächsten an seinem Gewande anfaßt, und vor ihm gesprochen hat: Herr der Welt, ich lasse dich nicht eher los, als bis du ihnen vergeben und verziehen hast!

17Ich will dich zum großen Volke machen &c. R. Elea͑zar sagte: Moše sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, wenn ein Stuhl mit drei Beinen in der Stunde deines Zornes vor dir nicht stehen kann, um wieviel weniger ein Stuhl mit einem Beine!

18Und nicht nur das, vielmehr schäme ich mich auch vor meinen Vätern; jetzt werden sie sagen: Sehet doch den Verwalter, den er über sie gesetzt hat; er suchte Größe für sich und flehte nicht für sie um Erbarmen.

19Und Moše betete vor dem Angesicht des Herrn. R. Elea͑zar sagte: Dies lehrt, daß Moše so lange vor dem Heiligen, gepriesen sei er, im Gebete dastand, bis er es bei ihm durchsetzte. Raba sagte: Bis er ihm sein Gelübde löste; hier heißt es: vajeḥal und dort heißt es: er löse [jeḥal] sein Wort nicht auf, worüber der Meister sagte, er selbst dürfe nicht auflösen, wohl aber dürfen ihm andere auflösen.

20Šemuél sagte: Dies lehrt, daß er sich für sie dem Tode ausgesetzt hat, denn es heißt: wenn nicht, so streiche mich aus deinem Buche.

21Raba im Namen R. Jiçḥaqs sagte: Dies lehrt, daß er die Eigenschaft des Erbarmens auf sie gewälzt hat.

22Die Rabbanan sagten: Dies lehrt, daß Moše vor dem Heiligen, gepriesen sei er, gesprochen hat: Herr der Welt, es wäre eine Entweihung für dich, dies zu tun.

23Und Moše betete vor dem Angesicht des Herrn. Es wird gelehrt: R. Elie͑zer der Große sagte: Dies lehrt, daß Moše vor dem Heiligen, gepriesen sei er, im Gebete dastand, bis ihn ein Fieber ergriff. — Was heißt Fieber? R. Elea͑zar sagte: Ein Feuer der Knochen. — Was heißt Feuer der Knochen? Abajje sagte: Knochenfieber.

24Gedenke doch deiner Knechte Abraham, Jiçḥaq und Ja͑qob, denen du bei dir geschworen hast. Was heißt: bei dir? R. Elea͑zar sagte: Moše sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, hättest du ihnen bei Himmel und Erde geschworen, so könnte man sagen: wie Himmel und Erde einst aufhören werden, so kann auch dein Schwur aufhören; du hast aber bei deinem großen Namen geschworen: wie dein großer Name in alle Ewigkeit lebt und besteht, so besteht auch dein Schwur in alle Ewigkeit.

25Du hast zu ihnen gesprochen: Ich will eueren Samen wie die Sterne des Himmels mehren; und dies ganze Land, von dem ich gesprochen habe. Wieso von dem ich gesprochen habe, es sollte ja heißen: von dem du gesprochen hast!?

26R. Elea͑zar sagte: Bis hierher sind es die Worte des Schülers, von hier ab sind es die Worte des Meisters. R. Šemuél b. Naḥmani aber sagte: Sowohl diese wie jene sind Worte des Schülers, aber Moše sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er, wie folgt: Herr der Welt, es ist dein Wort, das du zu mir gesagt hast: geh, sage es Jisraél in meinem Namen; ich ging und sagte es ihnen in deinem Namen; was aber soll ich ihnen jetzt sagen?

27Weil es außer Macht des Herrn ist. Warum ‘außer Macht’, es sollte ja heißen: [nicht] vermag der Herr!?

28R. Elea͑zar sagte: Moše sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Die Völker der Welt würden dann sagen, seine Kraft ist wie die eines Weibes erschlafft, er vermag nicht zu retten. Da sprach der Heilige, gepriesen sei er, zu Moše: Haben sie nicht bereits die Wunder und Machttaten gesehen, die ich ihnen am Meere erwiesen habe!? Moše aber erwiderte: Herr der Welt, immerhin können sie sagen: gegen einen König konnte er bestehen, gegen einunddreißig Könige kann er nicht bestehen.

29R. Joḥanan sagte: Woher, daß der Heilige, gepriesen sei er, später Moše zustimmte? — es heißt: der Herr sprach: Vergeben habe ich gemäß deinem Worte. In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Gemäß deinem Worte; die Völker der Welt werden dereinst wie folgt sagen:

30wohl dem Schüler, dem sein Meister zustimmt.

31Indeß, so wahr ich lebe. Raba sagte im Namen R. Jiçḥaqs: Dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, zu Moše sprach: Moše, du hast mich durch Worte belebt.

32R. Šamlaj trug vor: Stets trage man zuerst die Lobpreisung des Heiligen, gepriesen sei er, vor und nachher bete man. Woher dies? — Von Moše, denn es heißt: in dieser Zeit flehte ich vor dem Herrn, und es heißt: Herr, Gott, du hast begonnen deinem Knechte deine Größe und starke Hand zu zeigen. Denn wo ist ein Gott im Himmel oder auf Erden, der gleich deinen Werken und deinen Machttaten tun könnte. Nachher erst heißt es: ich möchte doch hinübergehen und das schöne Land sehen &c.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.