Berachot — Blatt 34b
1der Hochpriester am Ende eines jeden Segensspruches, und der König am Anfang eines jeden Segensspruches und am Ende eines jeden Segensspruches.
2R. Jiçḥaq b. Naḥmani sagte: Mir wurde von R. Jehošua͑ b. Levi erklärt: Der Gemeine [bücke sich], wie wir bereits gesagt haben, der Hochpriester am Anfang eines jeden Segensspruches, und der König, sobald er sich gebückt hat, richte sich nicht wieder auf, denn es heißt: und als Šelomo zu beten beendet hatte [&c.], erhob er sich vor dem Altar des Herrn, von seinem Knien (auf den Knieen).
3Die Rabbanan lehrten: ‘Bücken’ mit dem Gesicht [zur Erde], wie es heißt: Bath-Šeba͑ bückte sich mit dem Gesicht zur Erde; ‘Knien’, auf den Knieen liegen, wie es heißt: von seinem Knien (auf den Knieen); ‘Sichhinstrecken’, Hände und Füße ausstrecken, wie es heißt: sollen wir etwa kommen, ich, deine Mutter und deine Brüder, uns vor dir zur Erde hinzustrecken!?
4R. Ḥija, Sohn R. Honas, erzählte: Ich sah Abajje und Raba, sich [bloß] seitwärts neigen.
5Eines lehrt, wer beim Danksegen kniet, sei lobenswert, und ein Anderes lehrt, er sei tadelnswert!? –
6Das ist kein Widerspruch; das Eine, wenn am Anfang, das Andere, wenn am Ende.
7Raba pflegte beim Danksegen am Anfang und am Ende zu knien. Die Rabbanan sprachen zu ihm: Weshalb tut dies der Meister? Er erwiderte ihnen: Ich habe R. Naḥman knien sehen, auch habe ich R. Šešeth so verfahren sehen. –
8Es wird ja aber gelehrt, wer beim Danksegen kniet, ist tadelnswert!? –
9Da handelt es sich um den Danksegen des Lobliedes. –
10Es wird ja aber gelehrt, wer beim Danksegen oder beim Danksegen des Lobliedes kniet, sei tadelnswert!? –
11Jene Lehre bezieht sich auf den Danksegen des Tischsegens.
12WER BEIM BETEN SICH IRRT, FÜR DEN IST ES EIN BÖSES ZEICHEN; GESCHIEHT ES DEM VORBETER, SO IST DIES EIN BÖSES ZEICHEN FÜR SEINE AUFTRÄGER, DENN DER BEAUFTRAGTE DES MENSCHEN GLEICHT DIESEM SELBER. MAN ERZÄHLT VON R. ḤANINA B. DOSA, DASS ER, WENN ER FÜR KRANKE BETETE, ZU SAGEN PFLEGTE, DIESER WERDE LEBEN, JENER WERDE STERBEN. MAN FRAGTE IHN: WOHER WEISST DU DIES? ER ERWIDERTE: IST MIR MEIN GEBET IM MUNDE GELÄUFIG, SO WEISS ICH, DASS ES ANGENOMMEN, WENN NICHT, SO WEISS ICH, DASS ES GEWIRRT WURDE.
13GEMARA. Worauf bezieht sich dies?
14R. Ḥija erwiderte im Namen R. Saphras im Namen Eines aus der Schule Rabbis: Auf den Vätersegen.
15Manche beziehen dies auf folgende Barajtha: Der Betende muß bei allen [Segenssprüchen] seine Gedanken andächtig stimmen; kann er dies nicht bei allen, so muß er bei einem seine Gedanken andächtig stimmen. Auf welchen?
16R. Ḥija erwiderte im Namen R. Saphras im Namen Eines aus der Schule Rabbis: Auf den Vätersegen.
17MAN ERZÄHLT VON R. ḤANINA &C. Woher dies? R. Jehošua͑ b. Levi erwiderte: Die Schrift sagt: er schafft die Rede der Lippen; Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen, spricht der Herr; ich werde ihn heilen.
18R. Ḥija b. Abba sagte im Namen R. Joḥanans: Sämtliche Propheten haben geweissagt nur über den, der seine Tochter mit einem Schriftgelehrten vermählt, der für den Schriftgelehrten das Geschäft betreibt, und der den Schriftgelehrten von seinen Gütern genießen läßt; von den Schriftgelehrten selber aber [heißt es:] es hat außer dir, o Gott, kein Auge geschaut, was er denen tut, die auf ihn harren.
19Ferner sagte R. Ḥija b. Abba im Namen R. Joḥanans: Sämtliche Propheten haben geweissagt nur über die messianischen Tage; von der zukünftigen Welt aber [heißt es:] es hat außer dir, o Gott, kein Auge geschaut.
20Er streitet gegen Šemuél, denn Šemuél sagte, zwischen dieser Welt und den messianischen Tagen gebe es keinen anderen Unterschied als die Knechtschaft der Regierungen, denn es heißt: nie wird der Dürftige im Lande aufhören.
21Ferner sagte R. Ḥija b. Abba im Namen R. Joḥanans: Sämtliche Propheten haben geweissagt nur über die Bußfertigen, von den vollkommen Gerechten aber [heißt es:] es hat außer dir, o Gott, kein Auge geschaut.
22Er streitet gegen R. Abahu, denn R. Abahu sagte, wo die Bußfertigen stehen, vermögen auch die vollkommen Gerechten nicht zu stehen, denn es heißt: Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen, zuerst dem Fernen, nachher dem Nahen. –
23Und R. Joḥanan? – Er kann dir erwidern: ‘Fernen’ heißt, der seit jeher von der Sünde fern war, und ‘Nahen’ heißt, der der Sünde nahe war und sich ihr jetzt entfernt hat.
24Was heißt: kein Auge hat geschaut? R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Das ist der seit den sechs Schöpfungstagen in seinen Trauben aufbewahrte Wein, R. Šemuél b. Naḥmani sagte: Das ist der E͑den, der dem Auge irgendeines Geschöpfes nie ausgesetzt war.
25Wenn du vielleicht einwendest, wo denn Adam, der Urmensch, weilte, – im Garten.
26Entgegnest du aber, der Garten sei ja identisch mit E͑den, so heißt es: und ein Strom ging von E͑den aus, den Garten zu tränken: der Garten besonders, E͑den besonders.
27Die Rabbanan lehrten: Einst erkrankte der Sohn R. Gamliéls und er sandte zwei Schriftgelehrte zu R. Ḥanina b. Dosa, daß er für ihn um Erbarmen flehe. Als dieser sie sah, stieg er auf den Söller und flehte für ihn um Erbarmen. Beim Herabsteigen sprach er zu ihnen: Gehet, das Fieber hat ihn verlassen. Da sprachen sie zu ihm: Bist du denn ein Prophet? Er erwiderte: weder bin ich ein Prophet, noch der Sohn eines Propheten; allein so ist es mir überliefert: ist mir das Gebet im Munde geläufig, so weiß ich, daß es angenommen, wenn nicht, so weiß ich, daß es gewirrt wurde. Hierauf ließen sie sich nieder und schrieben die Stunde genau auf, und als sie zu R. Gamliél kamen, sprach er zu ihnen: Beim Kult, weder habt ihr vermindert noch vermehrt: genau dann geschah es, in jener Stunde verließ ihn das Fieber, und er bat uns um Wasser zum Trinken.
28Abermals ereignete es sich mit R. Ḥanina b. Dosa, daß er zu R. Joḥanan b. Zakkaj die Tora studieren ging, und da gerade der Sohn des R. Joḥanan b. Zakkaj erkrankte, sprach dieser zu ihm: Ḥanina, mein Sohn, flehe doch für ihn um Erbarmen, daß er genese! Da legte er sein Haupt zwischen seine Kniee und flehte für ihn um Erbarmen; und jener genas. Hierauf sprach R. Joḥanan b. Zakkaj: Hätte der Sohn Zakkajs den ganzen Tag seinen Kopf zwischen seine Kniee geschlagen, man würde ihn nicht beachtet haben. Da sprach seine Frau zu ihm: Ist denn Ḥanina bedeutender als du? Er erwiderte ihr: Nein; allein, er ist wie ein Diener vor dem König, ich aber wie ein Fürst vor dem König.
29Ferner sagte R. Ḥija b. Abba im Namen R. Joḥanans: Man bete nur in einem Raume, in dem Fenster vorhanden sind, denn es heißt: und die Fenster in seinem Söller waren gen Jerušalem geöffnet.
30R. Ja͑qob b. Idi sagte im Namen R. Joḥanans: Wer für seinen Nächsten um Erbarmen bittet, braucht dessen Namen nicht zu erwähnen. – Woher dies? – Von unserem Meister Moše, denn es heißt: o Gott, heile sie doch; er erwähnte jedoch nicht den Namen Mirjams. R. Kahana sagte: Frech ist mir derjenige, der in einer [freien] Ebene betet.
31Ferner sagte R. Kahana: Frech ist mir derjenige, der seine Sünde nennt, denn es heißt: Heil dem, dessen Fehler verdeckt, dessen Sünde verborgen ist.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.