Berachot — Blatt 55b
1und damals war seine Mutter nicht mehr.
2R. Levi sagte: Bis zweiundzwanzig Jahren hoffe der Mensch stets auf die Erfüllung eines guten Traumes. Woher dies? – Von Joseph. Es heißt: das ist die Geschlechtsfolge Ja͑qobs; Joseph war siebzehn Jahre alt &c.; ferner: Joseph war dreißig Jahre alt, als er vor dem Pareo stand &c. Von siebzehn bis dreißig sind dreizehn; dazu die sieben Überflußjahre und zwei der Hungerjahre, das sind zweiundzwanzig.
3R. Hona sagte: Einen guten Menschen läßt man keinen guten Traum sehen, einen schlechten Menschen läßt man keinen schlechten Traum sehen.
4Desgleichen wird auch gelehrt: In seinem ganzen Leben sah David keinen guten Traum, und in seinem ganzen Leben sah Aḥitophel keinen schlechten Traum. –
5Es heißt ja aber : dir wird nichts Böses begegnen, was R. Ḥisda im Namen des R. Jirmeja b. Abba erklärte: weder schlechte Träume noch böse Gedanken werden dich erschrecken!? – Vielmehr, er selbst sieht einen solchen nicht, wohl aber sehen andere über ihn. –
6Ist es denn was Gutes, wenn man selber keinen sieht, R. Zeéra sagte ja, wer sieben Tage ohne einen Traum übernachtet, werde ein Böser genannt, denn es heißt: wer gesättigt übernachtet, ohne bedacht zu werden, ist ein Böser, und man lese nicht sabea͑ [gesättigt], sondern šeba͑ [sieben]!? – Vielmehr, er meint es wie folgt: er sieht wohl, weiß aber nicht, was er gesehen.
7R. Hona b. Ami sagte im Namen R. Pedaths im Namen R. Joḥanans: Wenn jemand einen Traum sieht und seine Seele betrübt ist, so gehe er und lasse ihn vor dreien deuten. – Deuten, R. Ḥisda sagte ja, ein ungedeuteter Traum sei wie ein ungelesener Brief!? – Sage vielmehr: vor dreien zum Guten auslegen. Er lasse drei [Personen] kommen und spreche vor ihnen: Ich habe einen guten Traum gesehen. Jene erwidern: Gut ist er, gut möge er sein, und der Allbarmherzige möge ihn zum Guten wenden; siebenmal beschließe man über dich im Himmel, daß er gut sein möge, und er wird gut sein. Sodann lesen sie drei ‘Verwandlungen, drei Erlösungen’ und drei ‘Frieden’.
8Drei ‘Verwandlungen’: Du hast mir mein Klagen in Tanz verwandelt, du hast meinen Sack gelöst und mich mit Freude umgürtet. Dann freut sich die Jungfrau im Tanze, Jünglinge und Greise zusammen; ich werde ihre Trauer in Jubel verwandeln &c. Und der Herr, dein Gott, wollte auf Bilea͑m nicht hören, er verwandelte &c.
9Drei ‘Erlösungen’, (es heißt:) Er erlöste meine Seele in Frieden, aus dem Andrang gegen mich &c. Die Erlösten des Herrn kehren zurück &c. Und das Volk sprach zu Šaúl: Soll Jonathan sterben, der die Rettung vollbracht hat &c., [und das Volk erlöste &c.].
10Drei ‘Frieden’, (es heißt:) Er erschafft die Sprache der Lippen; Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen, spricht der Herr; ich werde ihn heilen. Und ein Geist kam über A͑masaj, den Hauptmann &c. [Friede]. Und sprechet. So für das Friede mit dir und Friede mit deinem Hause &c.
11Amemar, Mar Zuṭra und R. Aši saßen beisammen. Sie sprachen: Ein jeder von uns sage etwas, das seinem Genossen nicht bekannt war. Da begann einer von ihnen und sprach: Wer einen Traum gesehen und nicht mehr weiß, was er gesehen hat, trete vor die Priester, wenn sie ihre Hände ausbreiten, und spreche folgendes: ‘Herr der Welt, ich bin dein und meine Träume sind dein; ich habe einen Traum geträumt und weiß nicht, was er bedeute. Sei es, daß ich über mich selbst geträumt, sei es, daß meine Genossen über mich geträumt, und sei es, daß ich über Fremde geträumt. Sind sie gut, so stärke sie und befestige sie, wie die Träume Josephs; wenn sie aber einer Heilung bedürfen, so heile sie wie das Wasser zu Mara durch Moše, wie Mirjam von ihrem Aussatze, wie Ḥizqijahu von seiner Krankheit und wie das Wasser zu Jeriḥo durch Eliša͑. Und wie du den Fluch des ruchlosen Bilea͑m verwandelt hast zum Segen, so verwandele mir alle meine Träume zum Guten’. Er beendige dies gleichzeitig mit den Priestern, damit die Gemeinde Amen antworte. Wenn nicht dies, so spreche er folgendes: ‘Allherrlichster in der Höhe, in Kraft Thronender, du bist Friede und dein Name ist Friede; möge es dein Wille sein, über uns Frieden zu verhängen’.
12Darauf begann der andere und sprach: Wer in eine Stadt kommt und vor bösem Auge fürchtet, nehme den Daumen seiner rechten Hand in seine linke Hand und den Daumen seiner linken Hand in seine rechte Hand und spreche wie folgt: ‘Ich N., Sohn des N., entstamme dem Stamme Josephs, über den das böse Auge keine Macht hat’. Es heißt nämlich: ein fruchttragendes Reis ist Joseph, ein fruchttragendes Reis an einer Quelle &c., und man lese nicht a͑le-a͑jin [an einer Quelle], sondern o͑le-a͑jin [das Auge übersteigend]. R. Jose b. R. Ḥanina entnimmt dies aus folgendem: sie mögen sich fischartig auf Erden vermehren; wie die Fische im Meere das Wasser bedeckt und das böse Auge keine Macht über sie hat, so hat auch über die Kinder Josephs das böse Auge keine Macht. Wer aber vor seinem eigenen bösen Auge fürchtet, schaue auf seinen linken Nasenflügel.
13Alsdann begann der Dritte und sprach: Wenn jemand krank wird, so tue er dies am ersten Tage nicht kund, damit er seinen Glücksstern nicht gefährde; von da ab und weiter, tue er es kund. So verfuhr Raba. Wenn er krank war, tat er dies am ersten Tage nicht kund, von da ab und weiter sagte er zu seinem Diener: Geh und mache bekannt, daß Raba krank ist. Wer mir ein Freund ist, möge für mich um Erbarmen flehen; wer mir ein Feind ist, möge sich über mich freuen, und es heißt: wenn dein Feind fällt, freue dich nicht, wenn er wankt, juble dein Herz nicht; es könnte dies der Herr sehen und es könnte ihm mißfallen, und er wendet dann seinen Zorn von ihm ab.
14Wenn Šemuél einen schlechten Traum hatte, pflegte er zu sagen: Die Träume reden Nichtigkeit. Wenn er aber einen guten Traum hatte, pflegte er zu sagen: Reden [etwa] die Träume Nichtigkeit; es heißt ja: im Traume rede ich mit ihm!
15Raba wies auf einen Widerspruch hin. Es heißt: im Traume rede ich mit ihm, dagegen heißt es: die Träume reden Nichtigkeit!? Das ist aber kein Widerspruch; das eine durch einen Engel, das andere durch einen Dämon.
16R. Bizna b. Zabhda erzählte im Namen R. A͑qibas im Namen R. Pandas im Namen R. Naḥums im Namen R. Birjams im Namen eines Greises, das ist R. Banaá: Vierundzwanzig Traumdeuter waren in Jerušalem. Einst hatte ich einen Traum und ging zu allen, und was mir der eine deutete, deutete mir der andere nicht, aber alles ging mir in Erfüllung. Dies bestätigt, was gesagt wird: Alle Träume richten sich nach dem Munde. –
17Ist denn [der Spruch] ‘alle Träume richten sich nach dem Munde’ ein Schriftvers? – Freilich: dies nach R. Elea͑zar, denn R. Elea͑zar sagte: Woher, daß sich alle Träume nach dem Munde richten? – es heißt: und es geschah, wie er uns gedeutet hatte. Raba sagte: Dies nur, wenn man ihm dem Traume entsprechend deutet, wie es heißt: jedem deutete er nach seinem Traume. –
18Und der Oberbäcker sah. Woher wußte er es? R. Elea͑zar erwiderte: Dies lehrt, daß jedem sein Traum und die Deutung des Traumes seines Gefährten gezeigt wurde.
19R. Joḥanan sagte: Wenn jemand morgens auf steht und ihm ein Schriftvers in den Mund kommt, so ist dies eine kleine Prophezeiung.
20Ferner sagte R. Joḥanan: Drei Träume gehen in Erfüllung: ein Morgentraum, ein Traum, den sein Genosse über ihn träumte, und ein Traum, der im Traume selbst gedeutet wurde. Manche sagen, auch ein Traum, der sich wiederholt hat, wie es heißt : und wegen der Wiederholung des Traumes &c.
21R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Man zeigt dem Menschen nur das, woran sein Herz denkt, denn es heißt: du, o König, deine Gedanken stiegen dir auf dem Lager auf. Wenn du aber willst, hieraus: die Gedanken deines Herzens wirst du wissen. Raba sagte: Du kannst es sehen; man zeigt niemandem eine goldene Palme, noch einen Elefanten, der durch ein Nadelöhr geht.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.