Berachot — Blatt 55a
1wer sein Gebet lange ausdehnt und [auf Erfüllung] sinnt, bekomme endlich Herzweh, denn es heißt: hingezogenes Hoffen macht das Herz weh!? Auch sagte R. Jiçḥaq: Drei Dinge bringen die Sünden des Menschen in Erinnerung, und zwar: eine sich neigende Wand, das Nachsinnen beim Gebete, und wenn man seinen Nächsten beim Himmel anklagt. –
2Das ist kein Widerspruch; dies, wenn man [auf Erfüllung] sinnt, jenes, wenn man nicht darauf sinnt. – Wie mache man dies? – Man lese viel Gebete.
3«Wenn man lange bei Tisch verweilt.» Vielleicht kommt ein Armer, dem man etwas geben kann. Es heißt: der Altar war aus Holz, drei Ellen hoch, und darauf heißt es: er sprach zu mir: Das ist der Tisch vor dem Herrn. Er beginnt mit ‘Altar’ und schließt mit ‘Tisch’; R. Joḥanan und R. Elea͑zar sagten beide: Solange das Heiligtum bestand, pflegte der Altar für Jisraél zu sühnen, jetzt aber sühnt der Tisch des Menschen für ihn.
4Ist es denn was Gutes, lange im Aborte zu verweilen, es wird ja gelehrt, zehn Dinge bringen dem Menschen Unterleibsschmerzen: wenn man Rohrlaub, Weinlaub, Weinranken, das papillose Fleisch des Viehes, das Rückgrat des Fisches, oder einen nicht genügend gekochten gesalzenen Fisch ißt, wenn man Weinhefe trinkt, wenn man sich mit Kalk oder einer Scherbe oder mit einer Scholle, die sein Nächster benutzt hat, abwischt, und manche sagen, auch wenn man mehr als nötig im Aborte kauert!? –
5Das ist kein Widerspruch; dieses, wenn man sich lange kauernd aufhält, jenes, wenn man sich lange nicht kauernd aufhält.
6So sagte auch eine Matrone zu R. Jehuda b. R. Elea͑j: Dein Gesicht gleicht dem der Schweinezüchter und Wucherer. Da sprach er zu ihr: Bei meiner Treu, beides ist mir verboten, aber vierundzwanzig Aborte habe ich von meiner Wohnung bis zum Lehrhause, und wenn ich gehe, versuche ich mich in jedem.
7Ferner sagte R. Jehuda: Drei Dinge verkürzen die Tage und Jahre des Menschen: wenn man einem das Torabuch zum Lesen vorlegt, und er nicht liest, wenn man einem den Becher des Tischsegens vorsetzt, daß er den Segen spreche, und er ihn nicht spricht, und wenn einer sich herrisch gebärdet.
8«Das Torabuch zum Lesen und er nicht liest», denn es heißt sie ist dein Leben und die Verlängerung deiner Tage. «Den Becher des Tischsegens, daß er den Segen spreche, und er ihn nicht spricht», denn es heißt : ich werde segnen, die dich segnen. «Wer sich herrisch gebärdet», denn R. Ḥama b. Ḥanina sagte, Joseph starb deshalb früher als seine Brüder, weil er sich herrisch gebärdete.
9Ferner sagte R. Jehuda im Namen Rabhs: Drei benötigen der Barmherzigkeit: ein guter König, ein gutes Jahr und ein guter Traum. Ein guter König, denn es heißt: gleich Wasserflüssen ist das Herz des Königs in der Hand des Herrn. Ein gutes Jahr, denn es heißt: die Augen des Herrn, deines Gottes, sind stets darauf gerichtet, vom Anfang des Jahres &c. Ein guter Traum, denn es heißt: laß mich träumen und laß mich leben.
10R. Joḥanan sagte: Drei Dinge ruft der Heilige, gepriesen sei er, selbst aus, und zwar: Hungersnot, Sattheit und einen guten Gemeindeverwalter. Hungersnot, denn es heißt : der Herr hat die Hungersnot herbeigerufen &c. Sattheit, denn es heißt : ich will das Getreide herbeirufen und es vermehren. Einen [guten] Gemeindeverwalter, denn es heißt: der Herr sprach zu Moše: Siehe, ich habe Beçalél mit Namen berufen &c.
11R. Jiçḥaq sagte: Man setzt über die Gemeinde keinen Verwalter, als bis man sich mit der Gemeinde beraten hat, denn es heißt: siehe, ich habe Beçalél mit Namen berufen. Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Moše: Moše, ist dir Beçalél recht? Dieser erwiderte: Herr der Weit, wenn er dir recht ist, um so mehr mir. [Gott] sprach: Geh dennoch und sage es ihnen. Da ging er hin und sprach zu Jisraél: Ist euch Beçalél recht? Sie erwiderten: Wenn er dem Heiligen, gepriesen sei er, und dir recht ist, um so mehr uns.
12R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Beçalél wurde er wegen seiner Weisheit genannt. Als der Heilige, gepriesen sei er, zu Moše sprach: Geh und sage Beçalél, daß er mir eine Wohnung, eine Lade und Geräte mache, ging Moše hin und sagte es ihm verkehrt: mache eine Lade, Geräte und eine Wohnung. Da sprach jener zu ihm: Meister Moše, in der Welt ist es Brauch, daß der Mensch ein Haus zuerst baut, nachher erst bringt er Geräte hinein; du aber sprichst: mache mir eine Lade, Geräte und eine Wohnung. Wohin sollte ich die Geräte bringen, die ich anfertige!? Vielleicht aber hat der Heilige, gepriesen sei er, dir wie folgt gesagt: mache eine Wohnung, eine Lade und Geräte? Dieser erwiderte: Du warst wahrscheinlich im Schatten Gottes und hast dies erfahren.
13R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Beçalél verstand die Buchstaben zusammenzusetzen, mit denen Himmel und Erde erschaffen wurden; denn hier heißt es: und der göttliche Geist erfüllte ihn mit Weisheit, Einsicht und Erkenntnis, und dort heißt es: der Herr gründete die Erde mit Weisheit, mit Einsicht errichtet er den Himmel. Ferner: mit seiner Einsicht wurden die Tiefen gespalten.
14R. Joḥanan sagte: Der Heilige, gepriesen sei er, verleiht Weisheit nur demjenigen, der schon Weisheit besitzt, denn es heißt: er verleiht Weisheit den Weisen und Erkenntnis den Einsichtsvollen. R. Taḥlipha aus dem Westen hörte dies und sagte es vor R. Abahu; da sprach dieser zu ihm: Ihr entnehmet dies hieraus, wir entnehmen dies aus folgendem, es heißt: in das Herz jedes Weisen habe ich Weisheit getan.
15R. Ḥisda sagte: Jeder Traum [bedeutet etwas], nur nicht, wenn infolge des Fastens. Ferner sagte R. Ḥisda: Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungelesener Brief. Ferner sagte R. Ḥisda: Weder geht ein guter Traum ganz in Erfüllung, noch geht ein schlechter Traum ganz in Erfüllung. Ferner sagte R. Ḥisda: Besser ist ein schlechter Traum als ein guter Traum. Ferner sagte R. Ḥisda: Bei einem schlechten Traume genügt schon die Betrübnis, bei einem guten Traume genügt schon die Freude. R. Joseph sagte: Sogar bei mir macht die Heiterkeit den guten Traum wirkungslos. Ferner sagte R. Ḥisda: Ein schlechter Traum ist schlimmer als Geißelung, denn es heißt: Gott tat es, damit man ihn fürchte, worüber Rabba b. Bar Ḥana im Namen R. Joḥanans sagte, dies beziehe sich auf einen schlechten Traum.
16Ein Prophet, der einen Traum hat, verkünde den Traum, der aber mein Wort hat, verkünde mein Wort in Wahrheit. Was soll das Stroh beim Korn? Spruch des Herrn. Welche Bewandtnis haben Korn und Stroh zum Traume? Vielmehr, sagte R. Joḥanan im Namen des R. Šimo͑n b. Johaj: Wie kein Korn ohne Stroh möglich ist, so wenig gibt es einen Traum ohne eitle Worte.
17R. Berekhja sagte: Wenn auch der Traum teilweise in Erfüllung geht, so geht er doch nicht ganz in Erfüllung. Woher dies? – Von Joseph, denn es heißt: und siehe, die Sonne, der Mond &c.,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.