Berachot — Blatt 58a

1R. Jirmeja b. Elea͑zar sagte: Als Babel verflucht wurde, wurden auch seine Nachbarn verflucht; als Šomron verflucht wurde, wurden seine Nachbarn gesegnet. Als Babel verflucht wurde, wurden auch seine Nachbarn verflucht, denn es heißt: ich mache sie zum Besitztum des Stachelschweines und zu wässerigen Sümpfen. Als Šomron verflucht wurde, wurden seine Nachbarn gesegnet, denn es heißt: ich mache Šomron zu Trümmerhaufen des Feldes und zu Weinbergpflanzungen &c.

2Ferner sagte R. Hamnuna: Wer Scharen von Jisraéliten sieht, spreche: ‘Gepriesen sei der Allweise der Geheimnisse’; wer Scharen von den Völkern der Welt sieht, spreche: ‘Beschämt ist euere Mutter, zu Schanden, die euch geboren hat’.

3Die Rabbanan lehrten: Wer Scharen von Jisraéliten sieht, spreche: ‘Gepriesen sei der Allweise der Geheimnisse’; denn das Wesen des einen gleicht nicht dem des anderen, und das Gesicht des einen gleicht nicht dem des anderen. Ben Zoma sah eine Schar auf der Höhe des Tempelberges, da sprach er: ‘Gepriesen sei der Allweise der Geheimnisse’ und ‘Gepriesen sei er, der sie alle erschaffen hat, um mich zu bedienen’.

4Dieser pflegte zu sagen: Wie viel Mühe hatte Adam der Urmensch bis er Brot zum Essen erhielt. Er pflügte, säete, mähete, band Garben, drosch, worfelte, siebte, mahlte, beutelte, knetete und buk, dann erst aß er; ich aber stehe morgens auf und finde all dies vor mir zubereitet. Und wie viel Mühe hatte Adam der Urmensch bis er ein Kleid zum Anziehen erhielt. Er schor, wusch, hechelte, spann und webte, dann erst erhielt er ein Kleid zum Anziehen; ich aber stehe morgens auf und finde all dies vor mir zubereitet. Alle Völker bestreben sich und kommen zur Tür meines Hauses, und wenn ich morgens aufstehe, finde ich diese alle vor mir.

5Dieser pflegte zu sagen: Was spricht ein guter Gast? Wie viel Mühe gab sich der Hausherr meinetwegen; wie viel Fleisch setzte er mir vor, wie viel Wein setzte er mir vor, wie viele Semmeln setzte er mir vor, und alle Mühe, die er sich gab, geschah nur meinetwegen. Was spricht aber ein schlechter Gast? Welche Mühe gab sich der Hausherr meinetwegen? Ein Brot aß ich, ein Stück [Fleisch] aß ich, einen Becher trank ich; und alle Mühe, die sich dieser Hausherr gab, geschah nur seiner Frau und seiner Kinder wegen.

6Vom guten Gaste spricht er: Denke, daß du seine Tat lobest, soweit Menschen schauen. Vom schlechten Gaste heißt es: Darum fürchten ihn die Menschen &c.

7Und der Mann war in den Tagen Šaúls alt, er kam mit Menschen. Raba sagte, manche sagen, R. Zebid, manche sagen, R. Oša͑ja: das ist Jišaj, der Vater Davids, der mit einer Schar auszog, mit einer Schar einging und vor einer Schar vortrug. U͑la sagte: Es ist uns erhalten, daß es in Babylonien keine Schar gibt. Es wird gelehrt: Eine Schar hat nicht weniger als sechzig Myriaden.

8Die Rabbanan lehrten: Wer Weise von Jisraél sieht, spreche: ‘Gepriesen sei er, der von seiner Weisheit denen, die ihn fürchten, mitgeteilt hat’. Wer Weise von den weltlichen Völkern [sieht], spreche: ‘Gepriesen sei er, der von seiner Weisheit an [Menschen aus] Fleisch und Blut gegeben hat’. Wer Könige von Jisraél sieht, spreche: ‘Gepriesen sei er, der von seiner Herrlichkeit denen, die ihn fürchten, mitgeteilt hat’. Wer Könige von den weltlichen Völkern [sieht], spreche: ‘Gepriesen sei er, der von seiner Herrlichkeit an [Menschen aus] Fleisch und Blut gegeben hat’.

9R. Joḥanan sagte: Der Mensch bemühe sich stets, Königen von Jisraél entgegenzueilen. Aber nicht nur Königen von Jisraél, sondern auch Königen der weltlichen Völker, denn wenn es ihm beschieden ist, wird er unterscheiden können zwischen den Königen von Jisraél und den Königen der weltlichen Völker.

10R. Šešeth war blind, und als alle Welt den König empfangen ging, machte sich auch R. Šešeth auf und ging mit. Da traf ihn ein Minäer und sprach zu ihm: Die Krüge zum Flusse, aber wohin Scherben!? Jener erwiderte ihm: Komm und siehe, daß ich besser weiß als du. Als die erste Schar vorüberzog und Gedröhn machte, sprach der Minäer: Der König kommt. Da erwiderte R. Šešeth: Er kommt noch nicht. Als die zweite Schar vorüberzog und Gedröhn machte, sprach der Minäer: Nun kommt der König. Da erwiderte R. Šešeth: Der König kommt noch nicht. Als die dritte Schar vorüberzog und es still war, sprach R. Šešeth: Jetzt kommt der König bestimmt.

11Der Minäer fragte ihn: Woher weißt du dies? Jener erwiderte: Die Königschaft auf Erden gleicht der Königschaft im Himmel. Es heißt nämlich: geh hinaus und tritt an den Berg vor den Herrn, und siehe, der Herr zieht vorüber, und ein großer und mächtiger Wind, Berge zerreißend und Felsen zertrümmernd, kommt vor dem Herrn, aber nicht im Winde kommt der Herr; und nach dem Winde ein Getöse, aber nicht im Getöse kommt der Herr; und nach dem Getöse ein Feuer, aber nicht im Feuer kommt der Herr; und nach dem Feuer ein stilles sanftes Säuseln.

12Als der König herankam, begann R. Šešeth und sprach über ihn den Segen. Da sprach der Minäer zu ihm: Du sprichst ja den Segen über einen, den du nicht siehst! – Was geschah mit jenem Minäer? – Manche sagen, seine Genossen stachen ihm die Augen aus; manche sagen, R. Šešeth richtete auf ihn sein Auge, und er ward ein Knochen häuf en.

13R. Šila geißelte einen Mann, der eine Nichtjüdin beschlafen hatte; da ging dieser Mann und verleumdete ihn beim König, indem er sprach: Es gibt unter den Juden einen Mann, der ohne Genehmigung des Königs richtet. Da schickte er nach ihm einen Beamten, und als er kam, sprachen sie zu ihm: Warum hast du diesen gegeißelt? Er erwiderte: Er hat eine Eselin beschlafen. Jene sprachen: Hast du Zeugen? Er erwiderte: Ja. Da kam Elijahu, der ihnen wie ein Mensch erschien, und bezeugte dies. Jene sprachen: Wenn dem so ist, so verdient er ja den Tod. Er erwiderte: Seitdem wir aus dem Lande vertrieben wurden, haben wir keine Freiheit, zu töten; ihr aber, tut mit ihm, was ihr wollt.

14Während sie das Urteil erwogen, begann R. Šila und sprach: Dein, o Herr, ist die Größe und die Macht &c. Jene fragten ihn: Was sprichst du da? Er erwiderte: Folgendes sprach ich: Gepriesen sei der Allbarmherzige, der die Regierung auf Erden eingerichtet hat, wie die Regierung im Himmel, und euch Macht und Gerechtigkeitsliebe verliehen hat. Hierauf sprachen sie: Er schätzt ja so sehr die Majestät der Regierung. Da übergaben sie ihm einen Stab und sprachen zu ihm: Sprich Recht.

15Nachdem er fortgegangen war, sprach ein Mann zu ihm: Der Allbarmherzige läßt also den Lügnern Wunder geschehen! Er erwiderte: Ruchloser, werden sie denn nicht Esel genannt!? Es heißt ja: deren Fleisch dem Fleische der Esel gleicht. Als er ihn hinausgehen sah, um ihnen zu erzählen, daß er sie Esel genannt habe, sprach er: Dieser ist ja ein Verfolger, und die Tora sagt: Will jemand dich töten, so komm ihm zuvor und töte ihn. Da schlug er ihn mit dem Stabe und tötete ihn.

16Nun sprach er: Da mir durch jenen Vers ein Wunder geschah, so will ich ihn auslegen. Dein, o Herr, ist die Größe, das ist das Schöpfungswerk, wie es heißt: er tut Großes, das nicht zu erforschen ist. Und die Macht, das ist der Auszug aus Miçrajim, wie es heißt: und Jisraél sah die mächtige Hand &c. Und die Herrlichkeit, das sind Sonne und Mond, die für Jehošua͑ stehen geblieben sind, wie es heißt: und die Sonne stand still und der Mond blieb stehen &c. Und der Sieg, das ist der Fall Roms, wie es heißt: er spritzte ihren Sieg auf mein Gewand &c. Und die Schönheit, das ist der Krieg an den Bächen von Arnon, wie es heißt: daher heißt es in dem Buche von den Kämpfen des Herrn: Gegeben in Supha &c. Denn alles im Himmel und auf Erden, das ist der Krieg mit Sisra, wie es heißt: vom Himmel herab stritten sie, die Sterne aus ihren Bahnen &c. Dein, o Herr, ist das Reich, das ist der Krieg mit A͑maleq, wie es heißt: denn die Hand am Throne Gottes &c. Der Erhabene, das ist der Krieg von Gog und Magog, wie es heißt: siehe, ich wende mich zu dir Gog, Fürst von Roš, Mešekh und Tubal. Das Haupt über alles. Hierüber sagte R. Ḥanan b. Raba im Namen R. Joḥanans: Selbst ein Zisternenaufseher wird vom Himmel eingesetzt.

17In einer Barajtha wird im Namen R. A͑qibas gelehrt: Dein, o Herr, ist die Größe, das ist die Spaltung des Schilfmeeres; und die Macht, das ist die Plage der Erstgeborenen; und die Herrlichkeit, das ist die Gesetzgebung; und der Sieg, das ist Jerušalem; und die Schönheit, das ist das Heiligtum.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.