Berachot — Blatt 57b

1R. Joḥanan sagte: Wenn jemand morgens aufsteht und ihm ein Schriftvers in den Mund kommt, so ist dies eine kleine Prophetie. Die Rabbanan lehrten: Drei Könige sind es. Wer David im Traume sieht, der hoffe auf Frömmigkeit; wer Šelomo, der hoffe auf Weisheit; wer Aḥa͑b, der befürchte Strafe.

2Drei Propheten sind es. (Wer das Buch der Könige sieht, hoffe auf Würde.) Wer Jeḥezqel [sieht], der hoffe auf Weisheit; wer Ješa͑ja, der hoffe auf Trost; wer Jirmeja, der befürchte Strafe.

3Drei große Hagiographenbücher sind es. Wer das Buch der Psalmen sieht, der hoffe auf Frömmigkeit; wer [das Buch] der Sprüche, der hoffe auf Weisheit; wer [das Buch] Ijob, der befürchte Strafe.

4Drei kleine Hagiographenbücher sind es. Wer das Lied der Lieder sieht, der hoffe auf Frömmigkeit; wer Qoheleth, der hoffe auf Weisheit; wer die Klagelieder, der befürchte Strafe. Und wer die Esterrolle, dem geschieht ein Wunder.

5Drei Weise sind es. Wer Rabbi im Traume sieht, der hoffe auf Weisheit; wer R. Elea͑zar b. A͑zarja, der hoffe auf Reichtum; wer R. Jišma͑él b. Eliša͑, der befürchte Strafe.

6Drei Schriftgelehrte sind es. Wer Ben A͑zaj im Traume sieht, der hoffe auf Frömmigkeit; wer Ben Zoma, der hoffe auf Weisheit; wer Aḥer, der befürchte Strafe.

7Alle Arten Tiere sind im Traume gutbedeutend, ausgenommen der Elefant, der Affe und die Meerkatze. – Der Meister sagte ja aber, wer einen Elefanten im Traume sieht, dem geschehe ein Wunder!? – Das ist kein Widerspruch; dies, wenn er einen Reitkorb aufhat, jenes, wenn er keinen Reitkorb aufhat.

8Alle Arten Metallgeräte sind im Traume gutbedeutend, ausgenommen die Hacke, das Hobeleisen und die Axt; dies jedoch nur dann, wenn man sie mit ihren Griffen sieht. Alle Arten Früchte sind im Traume gutbedeutend, ausgenommen die unreifen Datteln. Alle Arten Kräuter sind im Traume gutbedeutend, ausgenommen die Rübenköpfe. Rabh sagte ja aber, er sei nicht eher reich geworden, als bis er Rübenköpfe gesehen hatte!? – Die er sah, waren mit ihrem Strunke. Alle Arten Farben sind im Traume gutbedeutend, ausgenommen das Blaugrün. Alle Arten Vögel sind im Traume gutbedeutend, ausgenommen die Ohreule, die Nachteule und die Fledermaus.

9Drei Dinge kommen in den Körper, und der Körper genießt von ihnen nichts: Kirschen, schlechte Feigen und unreife Datteln. Drei Dinge kommen nicht in den Körper, und der Körper hat von ihnen einen Genuß, und zwar: das Baden, das Salben und der Beischlaf. Drei Dinge haben etwas von der zukünftigen Welt, und zwar: der Šabbath, die Sonne und der Ausfluß. –

10Welcher Ausfluß: wollte man sagen der beim Beischlaf, so magert dies ja ab!? – Vielmehr, der Ausfluß beim Bedürfnis.

11Drei Dinge regen das Gemüt des Menschen an, und zwar: die Melodie, die Ansicht und der Duft. Drei Dinge erheitern den Sinn des Menschen, und zwar: eine schöne Wohnung, eine schöne Frau und schöne Geräte.

12Fünf Dinge sind ein Sechzigstel, und zwar: das Feuer, der Honig, der Šabbath, der Schlaf und der Traum. Das Feuer ist ein Sechzigstel des Fegefeuers, der Honig ist ein Sechzigstel des Manna, der Šabbath ist ein Sechzigstel der zukünftigen Welt, der Schlaf ist ein Sechzigstel des Todes, der Traum ist ein Sechzigstel der Prophetie.

13Sechs Dinge sind ein gutes Zeichen für den Kranken, und zwar: das Niesen, der Schweiß, der Durchfall, der Samenerguß, der Schlaf und der Traum. Das Niesen, denn es heißt: sein Niesen strahlt Licht aus. Der Schweiß, denn es heißt: im Schweiße deines Angesichtes wirst du Brot essen. Der Durchfall, denn es heißt: der Unterdrückte eilt, sich loszulösen, er wird nicht hinsterben zur Grube. Der Samenerguß, denn es heißt: er wird Samen sehen und lange leben. Der Schlaf, denn es heißt: schliefe ich, so hätte ich Ruhe. Der Traum, denn es heißt: du läßt mich träumen und läßt mich leben.

14Sechs Dinge heilen den Kranken von seiner Krankheit, und seine Heilung ist eine wirkliche Heilung, und zwar: Kohl, Mangold, getrockneter Sisinsaft, Magen, Gebärmutter und Leberanhängsel. Manche sagen: Auch kleine Fische; und nicht nur das, kleine Fische lassen auch gedeihen und kräftigen den ganzen Körper des Menschen.

15Zehn Dinge bringen den Kranken zum Rückfall in seine Krankheit, und seine Krankheit wird noch schwerer, und zwar: (wenn man ißt:) Ochsenfleisch, fettes Fleisch, gebratenes Fleisch, Geflügelfleisch, gebackenes Ei, Haarschneiden, Kresse, Milch, Käse, Baden. Manche sagen, auch Nüsse; manche sagen, auch Gurken.

16In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Sie heißen deshalb Qišuím [Gurken], weil sie für den Körper schädlich [qašim] sind, wie Schwerter. – Dem ist ja aber nicht so, es heißt ja: und Gott sprach zu ihr: Zwei Völker sind in deinem Leibe, und man lese nicht Gojim [Völker], sondern Gejim [Große]. Hierzu sagte R. Jehuda im Namen Rabhs: Das sind Antoninus und Rabbi, an deren Tafel Rettich, Lattich und Gurken nie gefehlt haben, weder im Sommer noch in der Regenzeit!? –

17Das ist kein Widerspruch; das eine gilt von großen, das andere von kleinen.

18Die Rabbanan lehrten: Ein Toter im Hause bedeutet Frieden im Hause; hat er im Hause gegessen und getrunken, so ist dies ein gutes Zeichen für das Haus; nahm er Geräte vom Hause fort, so ist dies ein schlechtes Zeichen für das Haus. R. Papa bezog dies auf Schuhe und Sandalen. Alles, was der Tote fortnimmt, ist gutbedeutend, ausgenommen Schuhe und Sandalen; alles, was der Tote gibt, ist gutbedeutend, ausgenommen Erde und Senf.

19EINEN ORT, AN DEM GÖTZENDIENST AUSGEROTTET WURDE. Die Rabbanan lehrten: Wer einen Ort sieht, an dem Götzendienst ausgerottet wurde, spreche: ‘Gepriesen sei er, der den Götzendienst aus unserem Lande ausgerottet hat; und wie er aus diesem Orte ausgerottet wurde, so möge er auch aus allen Orten Jisraéls ausgerottet werden; und lasse das Herz seiner Diener sich deinem Dienste zuwenden’. Außerhalb des Landes braucht er nicht zu sagen: ‘Und lasse das Herz seiner Diener sich deinem Dienste zuwenden’, weil hier die Mehrheit aus Nichtjuden besteht; R. Šimo͑n b. Elea͑zar sagt, auch außerhalb des Landes sage er dies, weil sie sich dereinst bekehren werden, wie es heißt: dann werde ich den Völkern eine deutliche Sprache zuwenden.

20R. Hamnuna trug vor: Wer das ruchlose Babel sieht, muß fünf Segenssprüche sprechen. Sieht er Babel, so spreche er: ‘Gepriesen sei er, der das ruchlose Babel zerstört hat’. Sieht er das Haus Nebukhadneçars, so spreche er: ‘Gepriesen sei er, der das Haus des ruchlosen Nebukhadneçar zerstört hat’. Sieht er die Löwengrube oder den Schmelzofen, so spreche er: ‘Gepriesen sei er, der unseren Vätern an diesem Orte Wunder getan hat’. Sieht er eine Merkurstatue, so spreche er: ‘Gepriesen sei er, der denen, die seinen Willen übertreten, Langmut gewährt’. Sieht er einen Ort, wo Schutt abgefahren wird, so spreche er: ‘Gepriesen sei er, der da spricht und tut, befiehlt und vollzieht’.

21Wenn Raba Esel Erde abtragen sah, klopfte er ihnen mit der Hand auf den Rücken und sprach: Laufet, ihr Gerechten, den Willen eueres Herrn zu tun. Wenn Mar, der Sohn Rabinas, nach Babylonien kam, pflegte er Erde in sein Gewand zu nehmen, und sie dann fortzuwerfen, damit erfüllt werde, was gesagt wurde: ich fege es fort mit einem Besen der Vertilgung. R. Aši sagte: Ich habe das des R. Hamnuna nicht gehört, habe aber von selbst all diese Segenssprüche gesprochen.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.