Berachot — Blatt 59a

1wie ein nachschleifendes Anhängsel. Er geht ihm deshalb nach, weil er zu ihm spricht: Gib mir meine Kinder. Als nämlich der Heilige, gepriesen sei er, die Sintflut über die Welt bringen wollte, nahm er zwei Sterne aus dem Kima fort und brachte hierdurch die Sintflut über die Welt; und als er sie wieder absperren wollte, nahm er zwei Sterne aus dem A͑jiš und sperrte sie ab. –

2Sollte er jene zurückbringen!? – Die Grube wird von ihrem eigenen Schutt nicht voll. Oder auch, der Ankläger kann nicht Verteidiger werden. –

3Sollte er jenem zwei neue Sterne erschaffen!? – Nichts Neues gibt es unter der Sonne. R. Naḥman sagte: Dereinst wird der Heilige, gepriesen sei er, sie ihm wiedergeben, denn es heißt: A͑jiš wird sich über seine Kinder trösten.

4BEBEN. Was heißt Beben? R. Qaṭṭina erwiderte: Eine Erderschütterung. R. Qaṭṭina befand sich einst unterwegs, und als er an die Tür des Hauses eines Totenbeschwörers herankam und eine Erderschütterung entstand, sprach er: Weiß der Totenbeschwörer, was diese Erderschütterung ist? Da rief ihm dieser zu: Qaṭṭina, Qaṭṭina, weshalb sollte ich dies nicht wissen!? Zur Zeit, da der Heilige, gepriesen sei er, seiner Kinder gedenkt, die im Elend unter den weltlichen Völkern weilen, läßt er zwei Tränen in das große Meer fallen, und der Schall wird von einem Ende der Welt bis zum anderen Ende der Welt gehört; das ist eine Erderschütterung.

5Da sprach R. Qaṭṭina: Der Totenbeschwörer ist ein Lügner und seine Worte sind lügenhaft; wenn dem so wäre, so sollte ja der Erschütterung eine [zweite] Erschütterung folgen. Dies ist aber nichts; tatsächlich folgt auch der Erschütterung eine [zweite] Erschütterung, er stimmte ihm aber deshalb nicht zu, damit sich nicht alle Welt von ihm verleiten lasse.

6R. Qaṭṭina selbst erklärte: [Gott] schlägt seine Hände zusammen, wie es heißt: auch ich werde Hand an Hand schlagen, und meinen Grimm stillen. R. Nathan erklärte: Er stößt einen Seufzer aus, wie es heißt: ich habe an ihnen meinen Grimm gestillt und mich beruhigt. Die Rabbanan erklärten: Er stampft gegen den Himmel, wie es heißt: einen Jubelruf, gleich dem der Weintreter, wird er allen Bewohnern der Erde zurufen. R. Aḥa b. Ja͑qob erklärte: Er stößt seine Füße unter den Thron der Herrlichkeit, wie es heißt: so spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße.

7DONNER. Was ist ein Donner? Šemuél erwiderte: Die Wolken am Himmelskreise, wie es heißt: bei der Stimme deines Donners im Kreise erhellten Blitze das Weltall, die Erde zitterte und bebte. Die Rabbanan erklärten: Es sind Wolken, die aufeinander Wasser gießen, wie es heißt: bei dem Geräusche, wenn er das Wasser im Himmel rauschen läßt. R. Aḥa b. Ja͑qob erklärte: ein starker Blitz, der in den Wolken leuchtet und die Hagelklumpen zerschlägt. R. Aši erklärte: Die Wolken erbeben, und ein Wind kommt und bläst gegen ihre Öffnungen, wie wenn ein Wind gegen die Öffnung eines Fasses bläst. Am wahrscheinlichsten ist [die Erklärung] des R. Aḥa b. Ja͑qob, denn zuerst leuchtet der Blitz, dann dröhnen die Wolken, dann kommt der Regen.

8ORKANE. Was sind Orkane? Abajje erklärte: Heftige Stürme. Ferner sagte Abajje: Es ist uns überliefert, daß nachts keine heftigen Stürme vorkommen. – Wir sehen ja aber, daß sie vorkommen!? – Sie haben schon tags begonnen. Ferner sagte Abajje: Es ist uns überliefert, daß ein heftiger Sturm keine zwei Stunden anhält, um zu bestätigen, was gesagt wird: nicht in Zweien besteht das Leid. – Wir sehen ja aber, daß er anhält!? – Er läßt zwischendurch nach.

9UND BLITZE SPRECHE MAN: ‘GEPRIESEN SEI ER, DESSEN KRAFT UND DESSEN MACHT DIE WELT VOLL IST’. Was sind Blitze? Raba sagte: Ein Glänzen. Ferner sagte Raba: Der einzelne Blitz, der weiße Blitz, der gelbe Blitz, Wolken, die in der westlichen Ecke aufsteigen und aus der südlichen Ecke kommen, und zwei Wolken, die gegeneinander aufsteigen, diese alle sind schadenbringend. –

10In welcher Hinsicht ist dies von Bedeutung? – Daß man dieserhalb um Erbarmen flehe. Dies aber nur nachts, tags dagegen haben sie keine Bedeutung.

11R. Šemuél b. Jiçḥaq sagte: Die Wolken am Morgen haben keine Bedeutung, wie es heißt: und euere Liebe ist wie eine Wolke am Morgen &c. R. Papa sprach zu Abajje: Die Leute sagen ja aber: Wenn du beim Öffnen der Tür Regen siehst, Eseltreiber, breite deinen Sack aus und schlafe!? – Das ist kein Einwand; dies, wenn [der Himmel] mit einer dicken Wolke überzogen ist, jenes, wenn er mit einer durchsichtigen Wolke überzogen ist.

12R. Alexandri sagte im Namen des R. Jehošua͑ b. Levi: Die Donner sind nur dazu geschaffen worden, um die Verstocktheit des Herzens zu entfernen, wie es heißt: dies tat Gott, damit man vor ihm fürchte. Ferner sagte R. Alexandri im Namen des R. Jehošua͑ b. Levi: Wer den Regenbogen in der Wolke sieht, muß auf sein Gesicht niederfallen, denn es heißt: wie die Erscheinung des Regenbogens, der in der Wolke &c., ich sah und fiel auf mein Gesicht. Im Westen fluchten sie darüber, weil es den Anschein hat, als bücke man sich vor dem Regenbogen. Einen Segensspruch aber muß man entschieden sprechen. – Was für einen spreche man? – ‘Gepriesen sei er, der des Bündnisses gedenkt’. In einer Barajtha wird gelehrt: R. Jišma͑él, Sohn des R. Joḥanan b. Beroqa, sagte: ‘Der seinem Bündnisse treu und bei seinem Worte beharrend ist’. R. Papa sagte: Man spreche daher beides: ‘Gepriesen sei er, der des Bündnisses gedenkt und seinem Bündnisse treu und bei seinem Worte beharrend ist’.

13ÜBER BERGE, HÜGEL. Gehören denn all jene Dinge, die bisher genannt worden sind, nicht zum Schöpfungswerke, es heißt ja: Blitze zum Regen hat er erschaffen!? Abajje erwiderte: Verbinde sie und lehre demgemäß. Raba erwiderte: Über jene spreche man zwei Segenssprüche: ‘Gepriesen sei er, dessen Kraft die Welt voll ist’ und ‘Der das Schöpfungswerk vollbracht hat’, über diesen nur ‘Der das Schöpfungswerk vollbracht hat’, nicht aber ‘Dessen Kraft die Welt voll ist’.

14R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Wer den Himmel in seiner Klarheit sieht, spreche: ‘Der das Schöpfungswerk vollbracht hat’. Abajje sagte: Dies, wenn es die ganze Nacht geregnet und morgens der Nordwind gekommen ist und den Himmel sichtbar gemacht hat.

15Er streitet gegen Raphram b. Papa im Namen R. Ḥisdas, denn Raphram b. Papa sagte im Namen R. Ḥisdas: Seit dem Tage, da das Heiligtum zerstört wurde, erschien der Himmel nicht in seiner Klarheit, denn es heißt: ich kleide den Himmel in Finsternis, einen Sack mache ich zu seinem Gewande.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.