Berachot — Blatt 59b
1Die Rabbanan lehrten: Wer die Sonne in ihrer Wende, den Mond in seiner Stärke, die Sterne in ihren Bahnen und die Sternbilder in ihrer Ordnung sieht, spreche: ‘Gepriesen sei er, der das Schöpfungswerk vollbracht hat’. Wann geschieht dies? Abajje erwiderte: Alle achtundzwanzig Jahre, wenn der Zyklus wiederkehrt und die Jahreszeitwende des Nisan in den Saturn fällt, in der Nacht von Dienstag zu Mittwoch.
2R. JEHUDA SAGT, WER DAS GROSSE MEER SIEHT &C. In welchen Zwischenräumen heißt es ‘zeitweise’? Rami b. Abba sagte im Namen R. Jiçḥaqs: Bis zu dreißig Tagen.
3Ferner sagte Rami b. Abba im Namen R. Jiçḥaqs: Wer den Euphrat an der Brücke von Babylonien sieht, spreche: ‘Gepriesen sei er, der das Schöpfungswerk vollbracht hat’. Jetzt aber, wo die Perser ihn geändert haben, [spreche man, wenn man ihn sieht,] von Be Sapor aufwärts. R. Joseph sagte: Von Ihi Daqira aufwärts. Ferner sagte Rami b. Abba: Wer den Tigris bis zur Brücke von Šebistana sieht, spreche: ‘Gepriesen sei er, der das Schöpfungswerk vollbracht hat’.
4Was bedeutet Ḥiddeqel? R. Aši erwiderte: Dessen Wasser reißend [ḥad] und leicht [qal] ist. Was bedeutet Perath? – Dessen Wasser anwachsend [parim] und sich vermehrend ist.
5Auch sagte Raba: Daß die Einwohner von Maḥoza scharfsinnig sind, kommt daher, weil sie das Wasser des Tigris trinken; daß sie hochrot sind, kommt daher, weil sie am Tage den Beischlaf ausüben; und daß sie mit den Augen zwinkern, geschieht daher, weil sie in finsteren Häusern wohnen.
6ÜBER DEN REGEN &C. Spricht man denn über den Regen ‘Der Gute und Gütige’, folgendes sagte ja R. Abahti, und wie manche sagen, wurde es in einer Barajtha gelehrt: Den Segen über den Regen spreche man erst dann, wenn der Bräutigam der Braut entgegenkommt.
7Was spreche man? R. Jehuda sagte: ‘Wir danken dir für jeden Tropfen, den du uns herabfallen ließest’. R. Joḥanan beendigte wie folgt: ‘Wäre unser Mund voll des Gesanges, wie das Meer, und unsere Zunge voll des Jubels, wie das Brausen seiner Wogen, und unsere Lippen voll des Lobes, wie die Weite des Himmels &c., es würde uns nicht hinreichen, dir zu danken, o Herr, unser Gott’ bis ‘bückt sich vor dir. Gepriesen seiest du, o Herr, dem die meisten Danksagungen gebühren’. –
8Die meisten Danksagungen und nicht alle Danksagungen!? Raba erwiderte: Sage also: ‘Der Gott der Danksagungen’. R. Papa sagte: Darum sage man beides: ‘Dem die meisten Danksagungen gebühren’ und ‘Gott der Danksagungen’.
9Dies ist ja ein Widerspruch!? – Das ist kein Widerspruch; das eine, wenn man es hört, das andere, wenn man ihn sieht. –
10Wenn er aber hört, so ist es ja eine gute Nachricht, und wir haben bereits gelernt, daß man über gute Nachrichten ‘Gepriesen sei der Gute und Gütige’ spreche!? –
11Vielmehr, das eine wie das andere, wenn man ihn sieht, dennoch besteht hier kein Widerspruch; das eine, wenn es wenig regnet, das andere, wenn es stark regnet. Wenn du aber willst, sage ich: das eine und das andere, wenn es stark regnet, dennoch besteht hier kein Widerspruch; das eine, wenn man Land besitzt, das andere, wenn man kein Land besitzt. –
12Aber spricht man denn, wenn man Land besitzt, ‘Der Gute und Gütige’, wir haben ja gelernt, daß, wer ein neues Haus gebaut oder neue Sachen gekauft hat, ‘Gepriesen sei er, der uns leben, bestehen und an diese Zeit heranreichen ließ’ spreche, und daß man über das, was ihm und anderen gehört, ‘Der Gute und Gütige’ spreche!? –
13Das ist kein Widerspruch; dieser hat Mitbeteiligte, jener hat keine Mitbeteiligte. Es wurde auch gelehrt: Kurz gefaßt: Über das, wovon man allein genießt, spreche man: ‘Gepriesen sei er, der uns leben und bestehen ließ’, und über das, wovon man selber und auch sein Nächster genießt, spreche man: ‘Gepriesen sei der Gute und Gütige’. –
14Aber spricht man denn, wenn kein anderer mit ihm genießt, nicht ‘Der Gute und Gütige’, es wird ja gelehrt, daß, wenn man ihm mitteilt, seine Frau habe einen Knaben geboren, er ‘Gepriesen sei der Gute und Gütige’ spreche!? – Da kommt ebenfalls noch seine Frau hinzu, die sich einen Knaben wünscht. –
15Komm und höre: Wenn einem sein Vater stirbt und er ihn beerbt, so spreche er zuerst: ‘Gepriesen sei der Richter der Wahrheit’, nachher spreche er: ‘Gepriesen sei der Gute und Gütige’!? – Da sind ebenfalls Brüder vorhanden, die mit ihm erben. –
16Komm und höre: Wegen der Änderung des Weines braucht man nicht nochmals den Segen zu sprechen, wegen der Änderung des Platzes spreche man wohl den Segen nochmals. Hierzu sagte R. Joseph b. Abba im Namen R. Joḥanans: Obgleich sie gesagt haben, daß man wegen der Änderung des Weines den Segen nicht nochmals zu sprechen brauche, so spreche man dennoch: ‘Gepriesen sei der Gute und Gütige’!? Da sind ebenfalls Tischgenossen vorhanden, die mit ihm trinken.
17WER EIN NEUES HAUS GEBAUT ODER NEUE SACHEN GEKAUFT HAT &C. R. Hona sagte: Dies lehrten sie nur von dem Falle, wenn er solche nicht hatte, wenn er aber solche hatte, braucht er den Segen nicht zu sprechen. R. Joḥanan aber sagt, auch wenn er solche hatte, müsse er den Segen sprechen.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.