Berachot — Blatt 5a
1Ist er Schriftgelehrter, so braucht er es nicht. Abajje sagte: Auch ein Schriftgelehrter hat einen Vers des Gebetes zu lesen, beispielsweise: In deine Hand befehle ich meine Seele; du, o Herr, Gott der Wahrheit, hast mich erlöst.
2R. Levi b. Ḥama sagte im Namen des R. Šimo͑n b. Laqiš: Stets erzürne der Mensch den guten Trieb gegen den bösen Trieb, denn so heißt es: zürnet und fehlet nicht. Hat er ihn besiegt, gut, wenn nicht, so befasse er sich mit der Tora, denn es heißt: sprechet in euerem Herzen. Hat er ihn besiegt, gut, wenn nicht, so lese er das Šema͑, denn es heißt: auf euerem Lager. Hat er ihn dann besiegt, gut, wenn nicht, so denke er an den Tod, denn es heißt: und schweiget, Selah.
3Ferner sagte R. Levi b. Ḥama im Namen des R. Simo͑n b. Laqiš: Es heißt: Ich will dir geben die Steintafeln, die Lehre und das Gebot, das ich geschrieben, um sie zu lehren. Die Tafeln, das sind die zehn Gebote; die Lehre, das ist die Schrift; das Gebot, das ist die Mišna; das ich geschrieben, das sind die Prophetenbücher und die Hagiographen; um sie zu belehren, das ist der Talmud. Dies lehrt, daß sie sämtlich dem Moše am Sinaj überliefert wurden.
4R. Jiçḥaq sagte: Wenn man im Bett das Šema͑ liest, so ist es ebenso, als hielte man ein zweischneidiges Schwert in der Hand, denn es heißt: die Erhabenheit Gottes in ihrer Kehle und ein zweischneidiges Schwert in ihrer Hand. – Wieso geht dies hieraus hervor? Mar Zuṭra, manche sagen, R. Aši erwiderte: Aus dem Anfang des Satzes, denn es heißt: jauchzen werden die Frommen in Ehren, jubeln werden sie auf ihren Lagern; hierauf folgt: die Erhabenheit Gottes in ihrer Kehle, und ein zweischneidiges Schwert in ihrer Hand.
5Ferner sagte R. Jiçḥaq: Von jedem, der auf seinem Bette das Šema͑ liest, weichen die Gespenster; denn es heißt: die Schwirrenden erheben sich zum Fliegen. ‘Fliegen’ deutet auf die Tora, denn es heißt: lassest du deine Blicke darüber fliegen, so ist es nicht mehr, und ‘Schwirrende’ bedeutet Gespenster, denn es heißt: verschmachtet vor Hunger und aufgezehrt von den Schwirrenden.
6R. Šimo͑n b. Laqiš sagte: Wer sich mit der Tora befaßt, dem bleiben die Züchtigungen fern, denn es heißt: die Schwirrenden erheben sich zum Fliegen; ‘Fliegen’ deutet auf die Tora, denn es heißt: lassest du deine Blicke darüber fliegen, so ist es nicht mehr, und ‘Schwirrende’ bedeutet Züchtigungen, denn es heißt: verschmachtet vor Hunger und aufgezehrt von den Schwirrenden.
7R. Joḥanan sprach zu ihm: Dies wissen ja selbst Schulkinder, denn es heißt: Er sprach: Wenn du hörest auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, tust, was recht in seinen Augen, horchest auf seine Gebote und beobachtest all seine Gesetze, so werde ich all die Krankheiten, die ich auf Miçrajim gebracht, auf dich nicht bringen, denn ich, der Herr, bin dein Arzt. Vielmehr über den, der die Möglichkeit hat, sich mit der Tora zu befassen, sich aber damit nicht befaßt, bringt der Heilige, gepriesen sei er, ekelhafte Züchtigungen, die ihn betrüben, denn so heißt es: ich wurde zum Schweigen verstummt, schwieg vom Guten, und mein Schmerz war betrübend, ‘Gut’ bedeutet nichts anderes als die Tora, denn es heißt: eine gute Belehrung habe ich euch gegeben, meine Lehre sollt ihr nicht verlassen.
8R. Zera, manche sagen, R. Ḥanina b. Papa, sagte: Komm und siehe, das Verfahren des Menschen gleicht nicht dem Verfahren des Heiligen, gepriesen sei er. Das Verfahren des Menschen: wenn ein Mensch seinem Nächsten eine Sache verkauft, so ist der Verkäufer traurig, und der Käufer freut sich; nicht so der Heilige, gepriesen sei er: er gab Jisraél die Tora und freute sich dabei, denn es heißt: eine gute Belehrung habe ich euch gegeben, meine Lehre sollt ihr nicht verlassen.
9Raba, nach anderen, R. Ḥisda sagte: Sieht jemand, daß Züchtigungen über ihn kommen, so untersuche er seine Handlungen, denn es heißt: wir wollen unseren Wandel untersuchen und prüfen, wir wollen uns dem Herrn zuwenden.
10Hat er untersucht und nichts gefunden, so schreibe er sie der Vernachlässigung der Tora zu, denn es heißt: heil dem Manne, den du züchtigst, o Herr, und ihn aus deiner Tora belehrst. Hat er auch dazu keinen Grund gefunden, so sind es sicherlich Züchtigungen der Liebe, denn es heißt: wen der Herr liebt, den züchtigt er.
11Raba sagte im Namen R. Seḥoras im Namen R. Honas: An wem der Heilige, gepriesen sei er, Wohlgefallen hat, den drückt er durch Züchtigungen nieder, wie es heißt: und der Herr hatte Wohlgefallen [an ihm], er drückte ihn durch Krankheit nieder.
12Man könnte glauben, auch wenn er sie nicht aus Liebe aufnimmt, so heißt es: wenn seine Seele sich als Schuldopfer hingibt; wie das Schuldopfer gutwillig [dargebracht wird], so auch die Züchtigungen, wenn gutwillig.
13Was ist, wenn er sie [in Liebe] aufgenommen, seine Belohnung? – er wird Nachkommenschaft sehen und lange leben. Und noch mehr, auch sein Studium bleibt ihm erhalten, wie es heißt: und der Wille Gottes wird ihm gelingen.
14R. Ja͑qob b. Idi und R. Aḥa b. Ḥanina streiten hierüber. Einer sagt, Züchtigungen der Liebe seien solche, durch die [das Studium] der Tora nicht vernachlässigt wird, denn es heißt: Heil dem Manne, den du züchtigst, o Herr, und ihn aus deiner Lehre belehrst.
15Der andere aber sagt, Züchtigungen der Liebe seien solche, durch welche das Gebet nicht vernachlässigt wird, denn es heißt: gepriesen sei der Herr, der mein Gebet und seine Gnade von mir nicht weichen ließ.
16R. Abba, Sohn des R. Ḥija b. Abba, sprach zu ihnen: So sagte R. Ḥija b. Abba im Namen des R. Joḥanan: Sowohl diese, als auch jene sind Züchtigungen der Liebe, denn es heißt: wen der Herr liebt, den züchtigt er.
17Wieso aber heißt es: und aus deiner Tora belehrst du ihn? – lies nicht: belehrst du ihn, sondern: belehrst du uns.
18Du lehrst uns dies aus deiner Tora durch [einen Schluß vom] Leichteren auf das Schwerere, von Zahn und Auge: Zahn und Auge sind ja nur einzelne Glieder des Menschen, dennoch geht ein Sklave ihrethalben in Freiheit aus, um wie viel mehr bewirken dies Züchtigungen, die den ganzen Körper des Menschen aufreiben.
19Dies ist es, was R. Šimo͑n b. Laqiš sagte, denn R. Šimo͑n b. Laqiš sagte: Beim Salz heißt es Bündnis und bei den Züchtigungen heißt es Bündnis. Beim Salz heißt es Bündnis, denn es heißt: du sollst nicht fehlen lassen das Bündnis des Salzes, und bei den Züchtigungen heißt es Bündnis, denn es heißt: dies sind die Worte des Bündnisses. Wie das Salz, wobei es Bündnis heißt, das Fleisch schmackhaft macht, ebenso läutern die Züchtigungen, wobei es Bündnis heißt, alle Sünden des Menschen.
20Es wird gelehrt: R. Šimo͑n b. Joḥaj sagte: Drei gute Gaben schenkte der Heilige, gepriesen sei er, Jisraél; alle aber wurden nur durch Züchtigungen erworben. Und zwar: die Tora, das Jisraélland und die zukünftige Welt.
21Woher dies von der Tora? – es heißt: Heil dem Manne, den du züchtigst, o Herr, und ihn aus deiner Lehre belehrst.
22Vom Jisraélland? – denn es heißt: wie ein Mensch seinen Sohn züchtigt, so züchtigt dich der Herr, dein Gott, und hierauf folgt: denn der Herr, dein Gott, bringt dich in ein gutes Land.
23Von der zukünftigen Welt? – denn es heißt: denn eine Leuchte ist das Gebot und ein Licht die Lehre; ein Weg zum Leben sind die Züchtigungen.
24Ein Schüler rezitierte vor R. Joḥanan: Wer sich mit der Tora und mit Liebeshandlungen befaßt,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.