Berachot — Blatt 5b
1und wer seine Kinder begräbt, dem vergibt man all seine Sünden.
2R. Joḥanan sprach zu ihm: Zugegeben sei dies von der Tora und den Liebeshandlungen, denn es heißt: durch Gnade und Wahrheit wird die Sünde verziehen; ‘Gnade’, das sind Liebeshandlungen, denn es heißt: wer nach Freigiebigkeit und Gnadenerweisung strebt, findet Leben, Recht und Ehre. ‘Wahrheit’, das ist die Tora, denn es heißt: Wahrheit erwirb und verkaufe nicht; woher dies aber von dem, der seine Kinder begräbt?
3Da lehrte es ein Greis im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Dies folgt aus [dem Worte] Sünde; hier heißt es: durch Liebe und Wahrheit wird die Sünde verziehen, und dort heißt es: er zahlt heim die Sünde der Väter in den Schoß ihrer Kinder.
4R. Joḥanan sagte: Aussatz und Kinderlosigkeit sind keine Züchtigungen der Liebe. –
5Ist es denn der Aussatz nicht, es wird ja gelehrt, daß wenn einem eine der vier Aussatzerscheinungen anhaftet, dies ein Altar der Sühne sei!?
6Es ist wohl ein Altar der Sühne, Züchtigungen der Liebe aber nicht.
7Wenn du willst, sage ich: dies für uns, jenes für sie.
8Wenn du aber willst, sage ich auch: dies bei unsichtbaren und jenes bei sichtbaren.
9Kinderlosigkeit ist es nicht: in welchem Falle, wollte man sagen, wenn er welche hatte und sie gestorben sind, so sagte ja R. Joḥanan: das ist ein Knochen von [meinem] zehnten Sohn!? – Vielmehr, dies, wenn er keine hatte, jenes, wenn er welche hatte, und sie gestorben sind.
10R. Ḥija b. Abba erkrankte, und R. Joḥanan besuchte ihn. Da sprach er zu ihm: Sind dir die Züchtigungen lieb? Dieser erwiderte: Weder sie noch ihre Belohnung. Da sprach er zu ihm: Reiche mir deine Hand. Er reichte sie ihm, und jener richtete ihn auf.
11R. Joḥanan erkrankte, und R. Ḥanina besuchte ihn. Da sprach er zu ihm: Sind dir die Züchtigungen lieb? Dieser erwiderte: Weder sie noch ihre Belohnung. Da sprach er zu ihm: Reiche mir deine Hand. Er reichte sie ihm, und jener richtete ihn auf.
12Wozu dies, sollte R. Joḥanan selber sich aufrichten!?
13Ich will dir sagen, der Gefangene kann sich nicht selber aus dem Gefängnis befreien.
14R. Elie͑zer erkrankte, und R. Joḥanan besuchte ihn. Da fand er ihn in einem dunklen Zimmer liegen und entblößte seinen Arm, aus welchem Licht hervorstrahlte. Als er R. Elie͑zer weinen sah, sprach er zu ihm: Warum weinst du: wenn etwa, weil du dich nicht viel mit der Tora befaßt hast, so haben wir ja gelernt: ob viel oder wenig, wenn man nur seine Gedanken auf den Himmel richtet; wenn etwa wegen Nahrungssorgen, so sind nicht jedem beide Tische beschieden; und wenn wegen der Kinderlosigkeit, so ist hier ein Knochen von meinem zehnten Sohn.
15Dieser erwiderte: Ich weine über diese Schönheit, die einst in der Erde modern soll. Da sprach jener: Darüber weinst du mit Recht. Sie weinten dann beide.
16Währenddessen fragte er ihn: Sind dir die Züchtigungen lieb? Dieser erwiderte: Weder sie noch ihre Belohnung. Da sprach er zu ihm: Reiche mir deine Hand. Er reichte sie ihm, und jener richtete ihn auf.
17R. Hona wurden vierhundert Fässer Wein sauer. Da besuchte ihn R. Jehuda, Bruder R. Sala des Frommen, und die Rabbanan, manche sagen, R. Ada b. Ahaba und die Rabbanan, und sie sprachen zu ihm: Möge der Meister seine Taten prüfen.
18Er erwiderte ihnen: Bin ich in eueren Augen verdächtig? Sie entgegneten: Ist denn etwa der Heilige, gepriesen sei er, verdächtig, eine Strafe ohne Recht zu verhängen?
19Da erwiderte er ihnen: Wenn jemand etwas über mich gehört, so möge er es sagen.
20Da sprachen sie zu ihm: Dies haben wir gehört, der Meister gäbe seinem Gärtner keine Weinranken. Er erwiderte ihnen: Läßt er mir etwa davon etwas übrig, er stiehlt sie mir ja ganz. Da sprachen sie zu ihm: Das ist es, was die Leute sagen: Stiehl vom Diebe, und du empfindest den Geschmack. Hierauf sprach er zu ihnen: Ich nehme auf mich [die Verpflichtung], sie ihm zu geben. Manche sagen, der Essig wurde wieder Wein, und manche sagen, der Essig wurde so teuer, daß er zum Weinpreise verkauft wurde.
21Es wird gelehrt: Abba Binjamin sagte: Um zwei Dinge war ich in meinem ganzen Leben besorgt: daß mein Gebet vor meinem Bette verrichtet werde, und daß mein Bett in der Richtung von Norden nach Süden gesetzt werde. «Daß mein Gebet vor meinem Bette verrichtet werde.» Was heißt vor meinem Bette, wollte man sagen, wirklich vor meinem Bette, so sagte ja R. Jehuda im Namen Rabhs, nach anderen, R. Jehošua͑ b. Levi: Woher, daß nichts den Betenden von der Wand trennen darf? – denn es heißt: Ḥizqijahu kehrte sein Gesicht zur Wand und betete!? – Sage nicht: vor meinem Bette, sondern: nahe meinem Bette.
22«Und daß mein Bett in der Richtung von Norden nach Süden gesetzt werde.»
23R. Ḥama b. R. Ḥanina sagte nämlich im Namen R. Jiçḥaqs: Wer sein Bett in der Richtung von Norden nach Süden setzt, bekommt männliche Kinder, denn es heißt: durch deinen Norden machst du voll ihren Leib, sie werden Söhne in Fülle haben.
24R. Naḥman b. Jiçḥaq sagte: Auch gebärt dessen Frau keine Fehlgeburt; hier heißt es: durch deinen Norden machst du voll ihren Leib, und dort heißt es: und ihre Tage voll zum Gebären, siehe da, Zwillinge in ihrem Leibe.
25Es wird gelehrt: Abba Binjamin sagte: Wenn zwei zum Beten eintreten, und einer von ihnen zuerst mit dem Gebete fertig wird und hinausgeht, ohne auf den anderen zu warten, so fetzt man ihm sein Gebet vor seinem Gesicht, denn es heißt: er fetzt seine Seele vor seinem Gesicht; soll um deinetwillen die Erde verlassen werden?
26Und noch mehr, er veranlaßt auch, daß die Göttlichkeit von Jisraél weiche, denn es heißt: es wurde entrückt der Fels von seinem Orte, und unter ‘Fels’ ist kein anderer, als der Heilige, gepriesen sei er, zu verstehen, denn es heißt: den Fels, der dich gezeugt, vergißt du.
27Was ist seine Belohnung, wenn er wartet?
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.