Berachot — Blatt 60b
1Wer in den Abort tritt, spreche: Gehabt euch, ihr Geehrten, Heilige, Diener des Allerhöchsten; gebet Ehre dem Gott Jisraéls, und verlasset mich, bis ich eingetreten bin, mein Vorhaben vollbracht habe und zu euch wieder komme. Abajje sagte: Der Mensch spreche nicht so; sie könnten ihn wirklich verlassen und fortgehen. Er sage vielmehr: Bewachet mich, bewachet mich, helfet mir, helfet mir; stützet mich, stützet mich, wartet auf mich, wartet auf mich, bis ich hineingegangen und herausgekommen bin, denn dies ist einmal die Art der Menschenkinder. Wenn er herauskommt, spreche er: Gepriesen sei er, der in Weisheit den Menschen gebildet und in ihm Öffnung an Öffnung, Höhlung an Höhlung erschaffen hat. Offenbar und bekannt ist es vor deinem Throne der Herrlichkeit, daß, wenn eine von ihnen geöffnet würde, oder eine von ihnen verschlossen würde, es unmöglich wäre, sich zu erhalten und vor dir zu bestehen. –
2Wie schließe er? Rabh erwiderte: ‘Der die Kranken heilt’. Šemuél sprach: Abba betrachtet also die ganze Welt als Kranke!? [Man sage] vielmehr: ‘Der alles Fleisch heilt’. R. Šešeth sagte: Der Wunderbares tut’. R. Papa sprach: Man sage daher beides: ‘Der alles Fleisch heilt und Wunderbares tut’.
3Wer sich ins Bett schlafen legt, lese von ‘Höre Jisraél’ bis ‘Wenn ihr hören werdet’; sodann spreche er: Gepriesen sei er, der die Bande des Schlafes auf meine Augen und den Schlummer auf meine Lider fallen läßt, und dem Augapfel Licht gewährt. Möge es dein Wille sein, o Herr, mein Gott, daß du mich zum Frieden hinlegen lassest, und gib mir Anteil an deiner Tora. Gewöhne mich zu gottgefälligen Handlungen und gewöhne mich nicht zur Übertretung, laß mich nicht zur Sünde kommen noch zur Versuchung noch zur Schmach. Laß den bösen Trieb mich nicht beherrschen, und schütze mich vor bösem Begegnis und vor bösen Krankheiten. Mögen schlechte Träume und böse Gedanken mich nicht beunruhigen, mein Lager sei makellos vor dir, und erleuchte meine Augen, damit ich nicht des Todes entschlafe. Gepriesen seist du, o Herr, der die ganze Welt mit seiner Herrlichkeit erleuchtet.
4Wenn man aufwacht, spreche man: Mein Gott, die Seele, die du mir gegeben, ist rein; du hast sie gebildet, du hast sie mir eingehaucht und du bewahrst sie in mir; du wirst sie einst von mir nehmen, und du wirst sie mir in Zukunft wiedergeben. Solange die Seele in mir ist, danke ich dir, o Herr, mein Gott und Gott meiner Väter, Gebieter aller Welten und Herr aller Seelen. Gepriesen seist du, o Herr, der den toten Körpern die Seele wiedergibt.
5Wenn man das Krähen des Hahnes hört, spreche man: Gepriesen sei er, der dem Hahne Verstand verliehen, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden. Wenn man die Augen öffnet, spreche man: Gepriesen sei er, der die Blinden sehend macht. Wenn man sich aufrichtet und hinsetzt, spreche man: Gepriesen sei er, der die Gefesselten löst. Wenn man sich ankleidet, spreche man: Gepriesen sei er, der die Nackten bekleidet. Wenn man sich hinstellt, spreche man: Gepriesen sei er, der die Gebeugten aufrichtet. Wenn man den Boden betritt, spreche man: Gepriesen sei er, der die Erde auf dem Wasser ausspannt. Wenn man einen Schritt macht, spreche man: Gepriesen sei er, der die Schritte des Menschen richtet. Wenn man die Schuhe anzieht, spreche man: Gepriesen sei er, der mir all meinen Bedarf gewährt. Wenn man sich den Gürtel umlegt, spreche man: Gepriesen sei er, der Jisraél mit Stärke umgürtet. Wenn man das Tuch um das Haupt windet, spreche man: Gepriesen sei er, der Jisraél mit Herrlichkeit krönt.
6Wenn man sich in das Çiçithgewand hüllt, spreche man: Gepriesen sei er, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns geboten hat, sich in die Çiçith zu hüllen. Wenn man die Tephillin an den Arm anlegt, spreche man: Gepriesen sei er, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns Tephillin anzulegen befohlen hat. [Wenn man die Tephillin] an sein Haupt anlegt, spreche man: Gepriesen sei er, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns das Tephillingebot anbefohlen hat. Wenn man die Hände wäscht, spreche man: Gepriesen sei er, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns das Händewaschen befohlen hat. Wenn man das Gesicht wäscht, spreche man: Gepriesen sei er, der Schlaf von meinen Augen und Schlummer von meinen Lidern entfernt. Möge es auch dein Wille sein, o Herr, mein Gott, daß du mich an deine Tora gewöhnest; laß mich an deiner Tora und an deinen Geboten festhalten. Laß mich nicht zur Vergehung kommen, noch zur Versuchung, noch zur Schmach, und beuge meinen Trieb, sich dir zu unterwerfen. Halte mich fern von bösen Menschen und böser Gesellschaft; laß mich festhalten an dem guten Trieb und an guter Gesellschaft; laß mich heute und jeden Tag Gunst, Wohlwollen und Erbarmen finden in deinen Augen und in den Augen aller, die mich sehen; und laß mir (gute) Wohltaten angedeihen. Gepriesen seist du, o Herr, der seinem Volke Jisraél gütiges Wohlwollen angedeihen läßt.
7DER MENSCH MUSS &C PREISEN. Was heißt: muß für das Schlechte ebenso preisen, wie er für das Gute preist? Wollte man sagen, wie man über das Gute ‘Der Gute und Gütige’ spricht, so spreche man ‘Der Gute und Gütige’ auch über das Schlechte, so haben wir ja gelernt, über gute Nachrichten spreche man ‘Der Gute und Gütige’, und über schlechte Nachrichten spreche man ‘Gepriesen sei der Richter der Wahrheit’!? Raba erwiderte: Das besagt nur, daß man es mit Freuden hinnehme.
8R. Aḥa sagte im Namen R. Levis: Hierauf deutet folgender Schriftvers: Gnade und Recht will ich singen, dir, o Herr, lobsingen; ob Gnade, will ich singen, ob Recht, will ich singen.
9R. Šemuél b. Naḥmani entnimmt dies aus folgendem: Mit dem Herrn will ich preisen das Wort, mit Gott will ich preisen das Wort. Mit dem Herrn will ich preisen das Wort, dies ob des Maßes der Güte; mit Gott will ich preisen das Wort, dies ob des Maßes der Vergeltung.
10R. Tanḥum entnimmt dies aus folgendem: Erhebe ich einen Becher des Heiles, so rufe ich den Namen des Herrn an; widerfährt mir Leid und Trauer, so rufe ich den Namen des Herrn an.
11Die Rabbanan entnehmen dies aus folgendem: Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gepriesen.
12R. Hona sagte im Namen Rabhs im Namen R. Meírs, und ebenso wurde es im Namen R. A͑qibas gelehrt: Der Mensch pflege stets zu sagen: Alles, was der Allbarmherzige tut, tut er zum Guten.
13So befand sich R. A͑qiba einst auf der Reise, und als er in eine Stadt kam und um Beherbergung bat, gewährte man sie ihm nicht. Da sprach er: Alles, was der Allbarmherzige tut, tut er zum Guten. Hierauf ging er und übernachtete auf dem Felde. Er hatte bei sich einen Hahn, einen Esel und eine Kerze; da kam ein Wind und löschte die Kerze aus, dann kam eine Katze und fraß den Hahn, und endlich kam ein Löwe und fraß den Esel. Da sprach er wiederum: Alles, was der Allbarmherzige tut, ist zum Guten. In derselben Nacht kam ein Trupp und nahm die [Leute der] Stadt gefangen. Hierauf sprach er zu ihnen: Habe ich euch nicht gesagt, daß alles, was der Heilige, gepriesen sei er, tut,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.