Berachot — Blatt 61a

1zum Guten sei!?

2Ferner sagte R. Hona im Namen Rabhs im Namen R. Meírs: Die Worte des Menschen vor dem Heiligen, gepriesen sei er, sollen stets wenig sein, denn es heißt: überstürze dich nicht mit deinem Munde, und dein Herz eile nicht, vor Gott Worte auszustoßen; denn Gott ist im Himmel, und du bist auf Erden, darum mögen deine Worte wenig sein.

3R. Naḥman b. R. Ḥisda trug vor: Es heißt: und der Herr, Gott, bildete den Menschen; [das Wort vajjiçer] hat zwei Jod, weil der Heilige, gepriesen sei er, [im Menschen] zwei Triebe schuf, einen guten Trieb und einen bösen Trieb.

4R. Naḥman b. Jiçḥaq wandte ein: Demnach hat das Vieh, bei dem [das Wort] vajjiçer nicht geschrieben steht, keinen [bösen] Trieb, und wir sehen ja aber, daß es Schaden anrichtet, beißt und ausschlägt!? Dies ist vielmehr nach R. Šimo͑n b. Pazi zu erklären, denn R. Šimo͑n b. Pazi sagte: Wehe mir vor meinem Schöpfer [joçri] und wehe mir vor meinem Trieb [jiçri].

5Oder auch nach R. Jirmeja b. Elea͑zar, denn R. Jirmeja b. Elea͑zar sagte: Zwei Gesichter hatte der Heilige, gepriesen sei er, Adam dem Urmenschen erschaffen, wie es heißt: hinten und vorn hast du mich gebildet.

6Und der Herr, Gott, baute die Rippe.

7Rabh und Šemuél [streiten hierüber]; einer sagt, es war ein Gesicht, der andere sagt, es war ein Schwanz. –

8Einleuchtend ist es nach demjenigen, welcher sagt, es war ein Gesicht, daß es heißt: hinten und vorn hast du mich gebildet, wieso aber heißt es: hinten und vorn hast du mich gebildet, nach demjenigen, welcher sagt, es war ein Schwanz!? – Dies nach R. Ami, denn R. Ami sagte: Als Hintersten beim Schöpfungswerke und als Vordersten bei der Vergeltung. –

9Allerdings als Hintersten beim Schöpfungswerke, denn er wurde erst am Vorabend des Šabbaths erschaffen; wieso aber als Vordersten bei der Vergeltung? Bei welcher Vergeltung: wollte man sagen, bei der Vergeltung [beim Ereignisse mit] der Schlange, so wird ja gelehrt: Rabbi sagte: Bei einer Würde beginnt man mit dem Größten und bei einem Fluche beginnt man mit dem Kleinsten.

10Bei einer Würde beginnt man mit dem Größten, denn es heißt: und Moše sprach zu Ahron und zu Elea͑zar und Ithamar, seinen am Leben gebliebenen Söhnen, nehmet &c.; bei einem Fluche beginnt man mit dem Kleinsten, denn zuerst wurde die Schlange verflucht, nachher wurde Ḥava verflucht und nachher wurde Adam verflucht!? –

11Vielmehr ist hier die Vergeltung bei den Sintflut gemeint, wie es heißt: und er vernichtete alles Bestehende, das auf der Oberfläche der Erde war, von Mensch bis Vieh; zuerst den Menschen, dann das Vieh. –

12Erklärlich ist es nach demjenigen, welcher sagt, es war ein Gesicht, daß [das Wort] vajjiçer mit zwei Jod geschrieben ist, warum aber heißt es vajjiçer nach demjenigen, welcher sagt, daß es ein Schwanz war!? –

13Dies nach R. Šimo͑n b, Pazi, denn R. Šimo͑n b. Pazi sagte: Wehe mir vor meinem Schöpfer [joçri] und wehe mir vor meinem Trieb [jiçri]. –

14Erklärlich ist es nach demjenigen, welcher sagt, es war ein Gesicht, daß es heißt: Mann und Weib schuf er sie, wieso aber heißt es: Mann und Weib schuf er sie, nach demjenigen, welcher sagt, es war ein Schwanz!? – Dies nach R. Abahu, denn R. Abahu wies auf einen Widerspruch hin. Es heißt: Mann und Weib schuf er sie, dagegen heißt es: im Ebenbilde Gottes erschuf er den Menschen!? Dies ist wie folgt zu erklären: zuerst war es sein Wille, zwei zu erschaffen, schließlich aber wurde nur einer erschaffen. –

15Erklärlich ist es nach demjenigen, welcher sagt, es war ein Gesicht, daß es heißt: er schloß Fleisch an ihre Stelle, wieso aber heißt es: er schloß Fleisch an ihre Stelle, nach demjenigen, welcher sagt, es war ein Schwanz!? R. Jirmeja, manche sagen, R. Zebid, und manche sagen, R. Naḥman b. Jiçḥaq, erwiderte: Dies bezieht sich nur auf die Schnittstellen. –

16Erklärlich ist es nach demjenigen, welcher sagt, es war ein Schwanz, daß es er baute heißt, wieso aber heißt es er baute nach demjenigen, welcher sagt, es war ein Gesicht!? –

17Dies nach R.Šimo͑n b. Menasja, denn R.Šimo͑n b. Menasja trug vor: Es heißt: der Herr baute die Rippe; dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, die Ḥava flocht und sie zu Adam dem Urmenschen brachte, denn in den überseeischen Städten nennt man das Geflecht ‘Gebäude’.

18Eine andere Erklärung: Er baute; hierüber sagte R. Ḥisda, und wie manche sagen, wurde es in einer Barajtha gelehrt: Dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, Ḥava nach Art eines Speichers baute; wie der Speicher oben schmal und unten breit ist, um die Früchte aufzunehmen, so ist auch die Frau oben schmal und unten breit, um das Kind aufzunehmen.

19Und er brachte sie zu Adam; R. Jirmeja b. Elea͑zar sagte: Dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, bei Adam dem Urmenschen Brautführer war. Hiermit lehrt die Tora eine Anstandsregel, daß der Vornehme beim Geringen die Brautführung übernehme und dies ihm nicht leid sei. –

20Wer ging vorwärts nach demjenigen, welcher sagt, es war ein Gesicht? R. Naḥman b. Jiçḥaq erwiderte: Es ist wahrscheinlich, daß der Mann vorwärts ging, denn es wird gelehrt: Man gehe auf dem Wege nicht hinter einer Frau, selbst wenn sie seine Ehefrau ist. Traf er sie auf einer Brücke, so lasse er sie seitwärts; und wer hinter einer Frau über einen Fluß geht, hat keinen Anteil an der zukünftigen Welt.

21Die Rabbanan lehrten: Wer von seiner Hand in die Hand einer Frau Geld zählt, um sie zu betrachten, wird, auch wenn er die Tora und gute Werke gleich unserem Meister Moše besitzt, vor dem Gerichte des Fegefeuers nicht verschont bleiben, denn es heißt: Hand zu Hand, bleibt vor Bösem nicht verschont; bleibt vom Gerichte des Fegefeuers nicht verschont.

22R. Naḥman sagte: Manoaḥ war ein Mann aus dem gemeinen Volke, denn es heißt: und Manoaḥ ging hinter seiner Frau.

23R. Naḥman b. Jiçḥaq wandte ein: Auch bei Elqana heißt es ja: und Elqana ging hinter seiner Frau; ebenso heißt es bei Eliša͑: er machte sich auf und ging hinter ihr. Ist dies denn wörtlich zu nehmen: hinter ihr? Vielmehr, nach ihren Worten und nach ihrem Rate, ebenso da nach ihren Worten und nach ihrem Rate!?

24R. Aši sagte: Nach dem, was R. Naḥman gesagt hat, hat Manoaḥ sogar in der Schule nichts gelernt. Es heißt ja: und Ribqa machte sich auf mit ihren Mägden, und sie ritten auf den Kamelen, und sie zogen hinter dem Manne; hinter dem Manne, nicht aber vor dem Manne.

25R. Joḥanan sagte: Hinter einem Löwen, aber nicht hinter einer Frau; hinter einer Frau, aber nicht hinter einem Götzen; hinter einem Götzen, aber nicht hinter einem Bethause, wenn die Gemeinde betet.

26Dies aber nur dann, wenn man nichts trägt, wenn man aber etwas trägt, ist nichts dabei. Auch nur dann, wenn keine andere Tür da ist, wenn aber eine andere Tür da ist, ist nichts dabei. Ferner nur dann, wenn man nicht auf einem Esel reitet, wenn man aber auf einem Esel reitet, ist nichts dabei. Endlich nur dann, wenn man keine Tephillin anhat, wenn man aber Tephillin anhat, so ist nichts dabei.

27Rabh sagte: Der böse Trieb gleicht einer Fliege und sitzt zwischen den beiden Öffnungen des Herzens, denn es heißt: tote Fliegen machen stinkend und gärend das würzige Öl. Šemuél sagte: Er gleicht dem Weizen, wie es heißt: vor der Tür lagert die Sünde .

28Die Rabbanan lehrten: Zwei Nieren sind im Menschen, die eine rät ihm zum Guten, und die andere rät ihm zum Bösen, und es ist wahrscheinlich, daß die gute zu seiner Rechten und die böse zu seiner Linken [sich befindet], denn es heißt: das Herz des Weisen ist zu seiner Rechten, und das Herz des Toren ist zu seiner Linken.

29Die Rabbanan lehrten: Die Nieren raten, das Herz prüft, die Zunge schneidet zurecht, der Mund vollendet, die Speiseröhre nimmt alle Arten von Speisen auf und gibt sie weiter, die Luftröhre bringt die Stimme hervor,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.