Berachot — Blatt 61b

1die Lunge saugt alle Arten von Flüssigkeiten auf, die Leber erregt Zorn, die Galle wirft in ihn einen Tropfen und beruhigt ihn, die Milz erregt Lachen, der Kropf zermalmt, der Magen erregt Schlaf, die Nase bewirkt das Erwachen. Wenn das, was Schlaf bewirkt, Erwachen bewirkte, oder das, was Erwachen bewirkt, Schlaf bewirkte, so würde man dahinsiechen. Es wird gelehrt: Sollten beide Schlaf oder beide Erwachen bewirken, so würde man sofort sterben.

2Es wird gelehrt: R. Jose Galiläer sagte: Die Gerechten richtet der gute Trieb, wie es heißt: mein Herz ist in mir erschlagen; die Ruchlosen richtet der böse Trieb, wie es heißt: es spricht der Frevel zum Ruchlosen, so denke ich in meinem Herzen, daß keine Furcht Gottes vor seinen Augen sei; die Mittelmäßigen richten dieser und jener, wie es heißt: er steht zur Rechten des Bedrückten, ihm zu helfen vor denen, die seine Seele richten.

3Raba sagte: Wir zum Beispiel sind Mittelmäßige. Da sprach Abajje zu ihm: Der Meister läßt ja keinem Geschöpfe das Leben!

4Ferner sagte Raba: Die Welt wurde nur für die vollkommen Frevelhaften oder für die vollkommen Gerechten erschaffen. Raba sagte: Jeder Mensch wisse bei sich, ob er ein vollkommen Gerechter ist oder nicht. Rabh sagte: Die Welt wurde nur für Aḥab b. O͑mri und für R. Ḥanina b. Dosa erschaffen; für Aḥab b. O͑mri diese Welt, und die zukünftige Welt für R. Ḥanina b. Dosa.

5DU SOLLST DEN HERRN, DEINEN GOTT, LIEBEN. Es wird gelehrt: R. Elie͑zer sagte: Wenn es heißt: mit deiner ganzen Seele, wozu heißt es: mit deinem ganzen Vermögen, und wenn es heißt: mit deinem ganzen Vermögen, wozu heißt es: mit deiner ganzen Seele? Allein, wenn es einen Menschen gibt, dem sein Körper lieber ist als sein Geld, so heißt es: mit deiner ganzen Seele, und wenn es einen Menschen gibt, dem sein Geld lieber ist als sein Körper, so heißt es: mit deinem ganzen Vermögen. R. A͑qiba sagte: Mit deiner ganzen Seele, sogar wenn er deine Seele nimmt.

6Die Rabbanan lehrten: Einst hatte die ruchlose Regierung einen Befehl erlassen, daß die Jisraéliten sich nicht mit der Tora befassen sollen. Da kam Papos b. Jehuda und traf R. A͑qiba, wie er öffentlich Versammlungen abhielt und sich mit der Tora befaßte. Da sprach er zu ihm: A͑qiba, fürchtest du denn nicht vor der ruchlosen Regierung?

7Dieser erwiderte: Ich will dir ein Gleichnis vortragen, womit dies zu vergleichen ist. Ein Fuchs ging einst am Ufer eines Flusses, und als er Fische sich von Ort zu Ort versammeln sah, sprach er zu ihnen: Wovor flüchtet ihr euch? Sie erwiderten: Vor den Netzen, die die Menschenkinder nach uns auswerfen. Da sprach er zu ihnen: So möge es euch belieben aufs Land zu kommen, und wir, ich und ihr, wollen beisammen wohnen, wie einst meine Vorfahren mit euren Vorfahren beisammen gewohnt haben. Darauf erwiderten ihm jene: Bist du es, von dem man sagt, er sei der klügste unter den Tieren? Du bist nicht klug, sondern dumm; wenn wir schon in der Stätte unseres Lebens fürchten, um wieviel mehr in der Stätte unseres Todes! So auch wir; wenn es schon jetzt so ist, wo wir sitzen und uns mit der Tora befassen, von der es heißt: denn sie ist dein Leben und die Verlängerung deiner Tage, um wieviel mehr erst, wenn wir gehen und uns ihr entziehen!

8Man erzählt, kaum waren wenige Tage verstrichen, da nahm man R. A͑qiba fest und sperrte ihn ins Gefängnis. Als man auch Papos b. Jehuda festnahm und ihn mit jenem einsperrte, sprach er zu ihm: Papos, was brachte dich hierher? Dieser erwiderte: Heil dir, R. A͑qiba, daß du festgenommen worden bist wegen Worte der Tora, wehe aber dem Papos, der festgenommen worden ist wegen eitler Dinge.

9Die Stunde, da man R. A͑qiba zur Hinrichtung führte, war gerade die Zeit des Šema͑lesens, und man riß sein Fleisch mit eisernen Kämmen; er aber nahm das Joch der himmlischen Herrschaft auf sich. Seine Schüler sprachen zu ihm: Meister, so weit!? Er erwiderte ihnen: Mein ganzes Leben grämte ich mich über den Schriftvers: mit deiner ganzen Seele, sogar, wenn er deine Seele nimmt, indem ich dachte: wann bietet sich mir die Gelegenheit, und ich will es erfüllen, und jetzt, wo sie sich mir darbietet, sollte ich es nicht erfüllen!? Er dehnte so lange [das Wort] einzig, bis ihm die Seele bei einzig ausging. Da ertönte eine Hallstimme und sprach: Heil dir, R. A͑qiba, daß deine Seele bei einzig ausging!

10Die Dienstengel sprachen vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Ist das die Tora und das ihre Belohnung? Von den Sterblichen, von deiner Hand, o Herr; von den Sterblichen!? Er erwiderte ihnen: Ihr Anteil ist im Leben. Darauf ertönte eine Hallstimme und sprach: Heil dir, R. A͑qiba, du bist für das Leben der zukünftigen Welt bestimmt.

11DER MENSCH BENEHME SICH NICHT LEICHTFERTIG VOR DEM OSTTORE [DES TEMPELS], WEIL ES SICH GENAU GEGENÜBER DEM ALLERHEILIGSTEN BEFINDET &C. R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Dies sagten sie nur von Çophim ab nach einwärts, und zwar, wenn man freie Aussicht hat. Desgleichen wurde auch gelehrt: R. Abba, Sohn des R. Ḥija b. Abba, sagte: Folgendes sagte R. Joḥanan: Dies sagten sie, nur von Çophim ab nach einwärts, und zwar, wenn man freie Aussicht hat, wenn kein Zaun vorhanden ist, und zur Zeit, wenn die Göttlichkeit dort wohnt.

12Die Rabbanan lehrten: Wer in Judäa seine Notdurft verrichtet, tue dies nicht [in Richtung] nach Osten oder Westen, sondern nach Norden oder Süden; in Galiläa tue man dies nur [in Richtung] nach Osten oder Westen. R. Jose erlaubt dies, denn R. Jose sagte, sie haben es nur dann verboten, wenn man freie Aussicht hat, wenn kein Zaun vorhanden ist, und wenn die Göttlichkeit dort wohnt. Die Weisen aber verbieten dies.

13Die Weisen sagen ja dasselbe, was der erste Tanna!? – Ein Unterschied besteht zwischen ihnen, ob dies seitwärts erlaubt ist.

14Ein Anderes lehrt: Wer in Judäa seine Notdurft verrichtet, tue dies nicht [in der Richtung] nach Osten oder Westen, sondern nach Norden oder Süden; in Galiläa ist es [in der Richtung] nach Norden oder Süden verboten, nach Osten oder Westen erlaubt. R. Jose erlaubt dies, denn R. Jose sagte, sie haben es nur dann verboten, wenn man freie Aussicht hat. R. Jehuda sagte: Wenn das Heiligtum besteht, ist es verboten, wenn das Heiligtum nicht besteht, ist es erlaubt. R. A͑qiba verbietet es überall. –

15R. A͑qiba sagt ja dasselbe, was der erste Tanna!? – Ein Unterschied besteht zwischen ihnen außerhalb des Landes.

16Für Rabba legte man Ziegelsteine hin [in der Richtung] nach Osten oder Westen. Einst ging Abajje und legte sie um [in der Richtung] nach Norden oder Süden; da ging Rabba, legte sie zurecht, indem er sprach: Wer ist es, der mich ärgert? Ich bin der Ansicht R. A͑qibas, welcher sagt, daß es überall verboten ist.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.