Berachot — Blatt 62b
1Es wird gelehrt: Ben A͑zaj sagte: Auf jedes Lager lege dich hin, nur nicht auf den Erdboden; auf jeden Sitz setze dich hin, nur nicht auf einen Balken. Šemuél sagte: Der Schlaf am Morgen ist wie das Stählen für das Eisen; die Entleerung am Morgen ist wie das Stählen für das Eisen.
2Bar Qappara verkaufte Sprüche um Denare: Iß, solange du Hunger hast. Trinke, solange du Durst hast. Solange dein Topf heiß ist, entleere ihn. Ertönt das Horn in Rom, so verkaufe, Sohn des Feigenhändlers, die Feigen deines Vaters.
3Abajje sprach zu den Rabbanan: Wenn ihr durch die Gäßchen von Mahoza geht, um aufs Feld zu gelangen, so schauet weder nach der einen Seite, noch nach der anderen Seite; es könnten da Frauen sitzen, und es ist ja nicht schicklich, sie zu betrachten.
4Einst war R. Saphra in den Abort hineingegangen, und als R. Abba kam und sich an der Tür räusperte, rief jener: Möge der Meister eintreten. Als er herauskam, sprach dieser zu ihm: Bis jetzt hast du den Bock nicht hineingebracht, und nun hast du die Weise des Bockes gelernt. Wir haben ja folgendes gelernt: Eine Flamme war dort und ein Abort der Ehrbarkeit. Seine Ehrbarkeit bestand darin: fand man ihn zu, so wußte man, daß jemand darin ist; fand man ihn offen, so wußte man, daß niemand darin ist. Demnach ist dies nicht anständig!
5Jener aber dachte, dies ist gefährlich. Es wird nämlich gelehrt: R. Šimo͑n b. Gamliél sagte: Die zurückgehaltene Säule bringt den Menschen zur Wassersucht, der zurückgehaltene Strahl bringt den Menschen zur Gelbsucht.
6R. Elea͑zar trat in einen Abort ein, und ein Römer kam und stieß ihn fort; da stand R. Elea͑zar auf und ging hinaus. Hierauf kam ein Drache und riß jenem den Mastdarm heraus. Da las R. Elea͑zar über ihn: ich gebe einen Menschen statt deiner; lies nicht Adam [Menschen], sondern Edom .
7Er sagte, dich zu erschlagen, aber sie schonte deiner.
8‘Er sagte’, es müßte ja heißen: ich sagte; ‘sie schonte’, es müßte ja heißen: ich schonte. Hierüber sagte R. Elea͑zar: David sprach zu Šaúl wie folgt: Dem Gesetze nach bist du ein Mann des Todes, denn du bist ein Verfolger, und die Tora sagt, will jemand dich töten, so komm ihm zuvor und töte ihn; die Züchtigkeit aber, die an dir war, hat dich geschützt. –
9Worin bestand sie? – Es heißt: er kam zu den Umzäunungen der Schafe auf dem Wege, und daselbst war eine Höhle; da ging Šaúl hinein, seine Füße zu bedecken. Hierzu wird gelehrt: Ein Zaun hinter einem Zaun, eine Höhle innerhalb einer Höhle. Zu bedecken; hierzu sagte R. Elea͑zar: Dies lehrt daß er sich wie mit einer Decke bedeckt hat.
10Und David stand auf und schnitt leise einen Zipfel vom Gewande Šaúls. R. Jose b. R. Ḥanina sagte: Wer Kleider mißachtet, hat später von ihnen keinen Nutzen, wie es heißt: der König David ward alt und betagt; und sie bedeckten ihn mit Kleidern, aber es wurde ihm nicht warm.
11Wenn dich der Herr gegen mich aufgereizt hat, so wird er eine Opfergabe riechen. R. Elea͑zar sagte: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu David: Du hast mich Aufreizer genannt; ich werde dich an einer Sache straucheln lassen, die sogar Schulkinder kennen. Es heißt: wenn du die Zahl der Kinder Jisraél aufnimmst, so gebe ein jeder ein Sühnegeld für seine Seele. (Alsbald: da erhob sich ein Widersacher gegen Jisraél.) Ferner heißt es: und er reizte David gegen sie auf, indem er sprach: Gehe und zähle Jisraél. Und als er sie zählte, nahm er von ihnen kein Sühnegeld. Ferner heißt es: und der Herr brachte eine Seuche über Jisraél, vom Morgen bis zur bestimmten Zeit. –
12Was heißt: bis zur bestimmten Zeit? Šemuél, der Greis, Schwiegersohn R. Ḥaninas, erklärte im Namen R. Ḥaninas: Von der Schlachtstunde des beständigen Opfers bis zur Stunde des Blutsprengens. R. Joḥanan sagte: Bis Mittag.
13Und er sprach zu dem Engel, der im Volke würgte: Genug! R. Elea͑zar sagte: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zum Engel: Nimm den Größten unter ihnen, durch den viele ihrer Schulden gesühnt werden können. In dieser Stunde starb Abišaj b. Çeruja, der die Mehrheit des Synedriums aufwog.
14Und als er würgte, sah der Herr und bereute. Was sah er?
15Rabh sagte: Er sah unseren Vater Ja͑qob, bei dem es heißt: und Ja͑qob sprach, als er sie sah. Šemuél sagte: Er sah die Asche Jiçḥaqs, von dem es heißt: Gott wird sich das Lamm ersehen.
16R. Jiçḥaq der Schmied sagte: Er sah das Sühnegeld, wie es heißt: nimm das Sühnegeld von den Kindern Jisraél &c. R. Joḥanan sagte: Er sah das Heiligtum, wie es heißt: auf dem Berge des Herrn wird er sich sehen lassen.
17Hierüber streiten auch R. Ja͑qob b. Idi und R. Šemuél b. Naḥmani; einer sagt, er sah das Sühnegeld, und der andere sagt, er sah das Heiligtum. Wahrscheinlicher ist die Ansicht desjenigen, welcher sagt, er sah das Heiligtum, denn es heißt: daß heute noch gesagt wird: Auf dem Berge des Herrn wird er sich sehen lassen.
18MAN GEHE NICHT AUF DEM TEMPELBERGE MIT STOCK &C. Was heißt Copendaria [Durchgang]? Raba erklärte: Abgekürzter Weg, wie der Name besagt. R. Ḥana b. Ada erklärte im Namen R. Samas, des Sohnes R. Maris: Wie wenn jemand sagt: Anstatt über Straßen einen Umweg zu machen, gehe ich hier durch. R. Naḥman sagte im Namen des Rabba b. Abuha: Wer in das Bethaus tritt ohne Absicht, es als Durchgang zu benutzen, darf es [nachher] als Durchgang benutzen.
19R. Abahu sagte: War dort ein Weg von früher her, so ist es erlaubt. R. Ḥelbo sagte im Namen R. Honas: Wer in das Bethaus tritt, um da zu beten, darf es [nachher] als Durchgang benutzen, denn es heißt: und wenn das Volk des Landes an den Festtagen vor den Herrn kommt &c.
20UND VOM LEICHTEREN AUF DAS SCHWERERE [ZU SCHLIESSEN], ZUM AUSSPUCKEN. R. Bebaj sagte im Namen des R. Jehošua͑ b. Levi: Wenn man in der Jetztzeit auf dem Tempelberge ausspuckt, so ist dies ebenso, als spucke man in seinen Augapfel, denn es heißt: meine Augen und mein Herz werden dort alle Tage sein.
21Raba sagte: Das Ausspucken im Bethause ist erlaubt, wie dies bei den Schuhen der Fall ist. [Das Anhaben] der Schuhe ist ja auf dem Tempelberge verboten, im Bethause aber erlaubt, ebenso ist das Ausspeien, obgleich auf dem Tempelberge verboten, im Bethause erlaubt.
22R. Papa sprach zu Raba, manche sagen, Rabina zu Raba, und manche sagen, R. Ada b. Mathna zu Raba: Warum von den Schuhen folgern, folgere man es vom Durchgang!?
23Dieser erwiderte: Der Tanna folgert von den Schuhen, und du sagst, man sollte vom Durchgang [folgern]. – Wo dies? – Es wird gelehrt: Der Mensch gehe nicht auf dem Tempelberge mit seinem Stocke in der Hand, noch mit den Schuhen an den Füßen, noch mit Geld im Tuche gewickelt oder im Geldbeutel und über den Rücken geworfen, und man benutze ihn ferner nicht als Durchgang und zum Ausspucken. Dies ist [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere, von den Schuhen, zu folgern: [das Anhaben] der Schuhe hat ja nichts Verächtliches, dennoch ist es verboten, denn die Tora sagt: ziehe deine Schuhe von deinen Füßen ab, um wieviel mehr das Ausspucken, das Verächtliches an sich hat.
24R. Jose b. Jehuda sagte: Dies ist gar nicht nötig. Es heißt: denn man darf nicht mit einem Sacke bekleidet in das Tor des Königs kommen, und [man schließe] vom Leichteren auf das Schwerere: wenn dies vom Sacke gilt, der ja nichts Verächtliches hat, dazu noch vor [einem Menschen aus] Fleisch und Blut, wie erst vom Ausspucken, das Verächtliches an sich hat, dazu noch vor dem König aller Könige.
25Jener entgegnete: Ich meine es wie folgt: man sollte da erschwerend und dort erschwerend folgern:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.