Berachot — Blatt 63a

1bezüglich des Tempelberges, wo Schuhe verboten sind, sollte man es von den Schuhen folgern, und bezüglich des Bethauses, wo Schuhe erlaubt sind, sollte man es, statt von den Schuhen zu folgern, daß es erlaubt ist, vom Durchgehen folgern, daß es verboten ist.

2Vielmehr, sagte Raba, wie bei seinem eigenen Hause; wie man in seinem Hause den Durchgang verbietet, nicht aber das Ausspeien und [das Anhaben von] Schuhen, so ist auch im Bethause nur der Durchgang verboten, das Ausspeien und [das Anhaben von] Schuhen aber erlaubt.

3ALLE, DIE IM TEMPEL DEN SEGEN BEENDIGTEN &C.

4Warum dies alles? – Weil man im Tempel nicht Amen antwortet. – Woher, daß man im Tempel nicht Amen antwortet? – Es heißt: stehet auf, preiset eueren Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ferner: sie sollen deinen herrlichen Namen preisen, der über allen Segen und alles Lob erhaben ist.

5Man könnte glauben, alle Segenssprüche haben nur ein Lob, so heißt es: erhaben über allen Segen und alles Lob; für jeden Segen gib ihm ein besonderes Lob.

6SIE ORDNETEN AUCH AN, DASS MAN SEINEN NÄCHSTEN GRÜSSE &C. Wozu das ‘ferner’? –

7Man könnte glauben, Boa͑z habe es aus eigenem Ermessen getan, so heißt es: der Herr sei mit dir, tapferer Held. Wolltest du erwidern, zu Gideo͑n habe es der Engel gesprochen, so heißt es: verachte nicht deine Mutter, daß sie alt geworden ist;

8ferner: da es galt, für den Herrn zu wirken, brachen sie deine Lehre. Raba sagte: Diesen Vers kann man vom Anfang zum Schlusse auslegen und vom Schlüsse zum Anfang auslegen.

9Man kann ihn vom Anfang zum Schlüsse auslegen: es galt für den Herrn zu wirken, weil sie deine Lehre brachen; man kann ihn vom Schlüsse zum Anfang auslegen: sie brachen deine Lehre, weil es galt, für den Herrn zu wirken.

10Es wird gelehrt: Hillel der Ältere sagte: Wenn aufgesammelt wird, streue du aus, wenn ausgestreut wird, sammle du auf. Wenn du ein Zeitalter siehst, dem die Tora lieb ist, so streue du aus, denn es heißt: mancher streut aus und wird noch reicher, und wenn du ein Zeitalter siehst, dem die Tora nicht lieb ist, so sammle, denn es heißt: da es galt, für den Herrn zu wirken, brachen sie deine Lehre.

11Bar Qappara trug vor: Ist es billig, so sammle und kaufe davon. Wo kein Mann ist, sei du ein Mann. Abajje sagte: Hieraus entnehme man: Wo ein Mann ist, tritt nicht als Mann auf. –

12Selbstverständlich!? – In dem Falle, wenn beide gleich sind.

13Bar Qappara trug vor: Welches ist ein kleiner Abschnitt in der Tora, von dem alle Bestandteile der Tora abhängen? – in all deinen Wegen achte auf ihn, und er wird deine Pfade ebnen. Raba sagte: Selbst bei einer Übertretung. R. Papa sagte: Das ist es, was die Leute sagen: Auch der Dieb beim Einbruche ruft den Allbarmherzigen an.

14Bar Quappara trug vor: Stets lehre der Mensch seinen Sohn ein reines und leichtes Handwerk. – Welches ist dies? R. Ḥisda sagte: Nadelstickerei.

15Es wird gelehrt: Rabbi sagte: Der Mensch mehre nicht Freunde in seinem Hause, denn es heißt: ein Mann von Freunden ist zum Zerbrechen.

16Es wird gelehrt: Rabbi sagte: Der Mensch setze keinen Verwalter in sein Haus ein, denn hätte Poṭiphar nicht Joseph zum Verwalter in sein Haus eingesetzt, so wäre es nicht zu jener Sache gekommen.

17Es wird gelehrt: Rabbi sagte: Der Abschnitt vom Nazir ist dem Abschnitte von der Ehebruchsverdächtigten deshalb angereiht worden, um dir zu sagen: wer die Ehebruchsverdächtigte in ihrer Besudelung sieht, entziehe sich dem Weine.

18Ḥizqija, Sohn des R. Parnakh, sagte im Namen R. Parnakhs im Namen R. Joḥanans: Der Abschnitt von der Ehebruchsverdächtigten ist dem Abschnitte von den Heben und den Zehnten deshalb angereiht worden, um dir zu sagen, wer Heben und Zehnte [zu entrichten] hat und sie dem Priester nicht gibt, benötige endlich des Priesters in Sachen seiner Frau. Es heißt nämlich: ein Mann, der seine heiligen Gaben für sich [zurückbehält], und darauf folgt: dem Mann, dessen Frau untreu wird; ferner: und es bringe der Mann seine Frau &c. Und nicht nur das, vielmehr wird er schließlich derselben bedürftig, denn es heißt: ein Mann, der seine heiligen Gaben für sich [nötig] hat.

19R. Naḥman b. Jiçḥaq sagte: Wenn er sie aber entrichtet, wird er schließlich reich, denn es heißt: der Mann, der dem Priester gibt, wird haben; er wird viel Geld haben.

20R. Hona b. Berekhja sagte im Namen des R. Elea͑zar Haqappar: Wer den Namen des Himmels mit seiner Not verbindet, dem verdoppelt man seinen Erwerb, denn es heißt: wenn der Allmächtige bei deiner Not sein wird, so wird doppeltes Silber dein eigen sein.

21R. Šemuél b. Naḥmani sagte: Sein Erwerb fliegt ihm wie ein Vogel zu, denn es heißt: so wird fliegendes Silber dein eigen sein.

22R. Ṭabi sagte im Namen des R. Jošija: Wer in der Tora erschlafft, hat keine Kraft, am Tage der Not bestehen zu können, denn es heißt: warst du erschlafft, so ist am Tage der Not deine Kraft gesunken. R. Ami b. Mathna sagte im Namen Šemuéls: Sogar wenn bei einem einzigen Gebote, denn es heißt: warst du erschlafft, in jedem Falle.

23R. Saphra sagte: R. Abahu erzählte folgendes: Als R. Ḥananja, Bruderssohn R. Jehošua͑s, sich zur Diaspora begab und daselbst, außerhalb des Landes, Schaltjahre einsetzte und die Monate festsetzte,

24schickte man ihm zwei Schriftgelehrte nach, R. Jose b. Kipper und den Sohnessohn des Zekharja b. Qebuṭal. Als er sie sah, sprach er zu ihnen: Wozu seid ihr hergekommen? Sie erwiderten: Wir sind hergekommen, die Tora zu studieren. Da ließ er bekanntmachen: Diese Männer gehören zu den Größten des Zeitalters, ihre Vorfahren haben im Heiligtum den Dienst versehen. Wir haben nämlich gelernt: Zekharja b. Qebuṭal erzählte: Oft habe ich [dem Hochpriester] aus dem Buche Daniél vorgelesen.

25Als es [später] dazu kam, daß er als unrein erklärte und jene als rein erklärten, daß er verbot und jene erlaubten, ließ er von ihnen bekanntmachen: Diese Männer sind lügenhaft, sie sind nichtig. Sie sprachen zu ihm: Du hast ja bereits gebaut und kannst nicht mehr niederreißen, du hast bereits umzäunt und kannst nicht mehr durchbrechen.

26Da fragte er sie: Warum sprechet ihr rein, was ich unrein spreche? Warum erlaubt ihr, was ich verbiete? Sie erwiderten: Weil du außerhalb des Landes Schaltjahre einsetzest und die Monate festsetzest.

27Da entgegnete er: Auch A͑qiba b. Joseph setzte außerhalb des Landes Schaltjahre ein und setzte die Monate fest. Sie erwiderten: Laß R. A͑qiba, der im Jisraélland seinesgleichen nicht hinterlassen hat. Da sprach er: Auch ich habe im Jisraélland meinesgleichen nicht hinterlassen. Sie erwiderten: Die Böcklein, die du hinterlassen hast, sind gehörnte Ziegenböcke geworden; diese sandten uns zu dir und sprachen zu uns folgendermaßen: Gehet hin und sagt es ihm in unserem Namen; gehorcht er, so ist es gut, wenn nicht, so sei er im Bann.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.