Berachot — Blatt 8a
1Es heißt: ich richte mein Gebet zu dir, o Herr, zur Zeit des Wohlwollens, die Zeit des Wohlwollens ist die Stunde, in der die Gemeinde betet.
2R. Jose b. R. Ḥanina entnimmt dies aus folgendem: So spricht der Herr, zur Zeit des Wohlwollens habe ich dich erhört.
3R. Aḥa b. R. Ḥanina entnimmt dies aus folgendem: Fürwahr, Gott verachtet die Mächtigen nicht. Ferner heißt es: er erlöste meine Seele in Frieden aus dem Ansturm gegen mich, denn Viele waren mit mir.
4Desgleichen wird gelehrt: R. Nathan sagte: Woher, daß der Heilige, gepriesen sei er, das Gebet der Menge nicht verachtet? Es heißt: Gott verachtet die Mächtigen nicht. Ferner heißt es: er erlöste meine Seele in Frieden aus dem Ansturm gegen mich &c. Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Wer sich mit der Tora und Liebeswerken befaßt und mit der Gemeinde betet, dem rechne ich es an, als hätte er mich und meine Kinder von den weltlichen Völkern erlöst.
5Reš Laqiš sagte: Wer in einer Stadt ein Bethaus hat und nicht in dieses beten geht, heißt ein böser Nachbar, denn es heißt: so spricht der Herr: Über all meine bösen Nachbarn, die das Erbteil antasten, das ich meinem Volke Jisraél zugeteilt habe. Und noch mehr, er verursacht auch Verbannung sich und seinen Kindern, denn es heißt: siehe, ich reiße sie aus ihrem Lande heraus, und das Haus Jehudas reiße ich aus ihrer Mitte.
6Man erzählte R. Joḥanan, daß es in Babylonien Greise gäbe. Dies wunderte ihn, und er sprach: Es heißt ja: auf daß sich mehren euere Tage und die Tage euerer Kinder im Lande, nicht aber außerhalb des Landes. Als man ihm aber sagte, daß sie früh morgens und spät abends im Bethause verweilen, sprach er: Das ist es, was ihnen dazu verhilft.
7So sagte auch R. Jehošua͑ b. Levi zu seinen Söhnen: Geht ins Bethaus morgens früh und [verweilet da] abends spät, damit ihr lange lebet. R. Aḥa b. R. Ḥanina sagte: Hierauf deutet folgender Schriftvers: Heil dem Menschen, der auf mich hört, Tag für Tag an meinen Türen zu wachen, zu wahren die Pfosten meiner Türen, und darauf folgt: denn wer mich gefunden, hat Leben gefunden.
8R. Ḥisda sagte: Stets trete man zwei Türen in das Bethaus ein. – ‘Zwei Türen’, wie ist dies zu verstehen? – Sage vielmehr: zwei Türen weit, dann bete er.
9Darob bete jeder Fromme zu dir, zur Zeit des Findens. R. Ḥanina sagte: Zur Zeit des Findens, dies bezieht sich auf das Weib, denn es heißt: wer ein Weib gefunden, hat Gutes gefunden.
10Wenn jemand im Westen ein Weib heimführte, pflegte man ihn folgendes zu fragen: ‘Gefunden’ oder ‘ich finde’? ‘Gefunden’, denn es heißt: wer ein Weib gefunden, hat Gutes gefunden, er wird des Herrn Wohlwollen erzielen; ‘ich finde’, denn es heißt: ich finde, daß das Weib bitterer ist als der Tod.
11R. Nathan erklärte: Zur Zeit des Findens, dies bezieht sich auf die Tora, denn es heißt: wer mich findet, findet Leben.
12R. Naḥman b. Jiçḥaq erklärte: Zur Zeit des Findens, dies bezieht sich auf den Tod, denn es heißt: für den Tod sind (Ausgänge) [gefunden].
13Desgleichen wird gelehrt: Neunhundertdrei Todesarten sind in der Welt erschaffen worden, denn es heißt: für den Tod sind Toçaoth [Ausgänge] vorhanden; ‘Toçaoth’ hat diesen Zahlenwert. Die schwerste unter allen ist die Bräune, die leichteste unter allen ist der Kuß[tod]. Die Bräune gleicht einem Dornstrauch in einem Bündel Wolle, den man rückwärts herauszieht. Manche sagen, einem Schiffstau in der Schlundöffnung. Der Kuß[tod], wie man ein Haar aus der Milch zieht.
14R. Joḥanan erklärte: Zur Zeit des Findens, dies bezieht sich auf das Begräbnis. R. Ḥanina sagte: Hierauf deutet folgender Schriftvers: die mit Frohlocken sich gefreut, sind froh, wenn sie ein Grab finden. Rabba b. R. Šilo sagte: Das ist es, was die Leute sagen: Der Mensch bete um Frieden, selbst bis zum letzten Spaten[stich].
15Mar Zuṭra erklärte: Zur Zeit des Findens, dies bezieht sich auf den Abort. Im Westen sagten sie: Die Erklärung Mar Zuṭras ist die beste von allen.
16Raba sprach zu Raphram b. Papa: Möge uns doch der Meister einen von den schönen Aussprüchen sagen, die er im Namen des R. Ḥisda im Betreff des Bethauses gesagt hat.
17Dieser erwiderte: Folgendes sagte R. Ḥisda: Es heißt: der Herr liebt die Pforten Çijons vor allen Wohnungen Ja͑qobs; der Herr liebt die Pforten, die ausgezeichnet sind, durch die Halakha, mehr als die Bet- und Lehrhäuser.
18Das ist es, was R. Ḥija b. Ami im Namen U͑las gesagt hat: Seit dem Tage, an dem das Heiligtum zerstört wurde, hat der Heilige, gepriesen sei er, in seiner Welt nichts weiter, als die vier Ellen der Halakha.
19Abajje sagte: Anfangs pflegte ich zu Hause zu lernen und im Bethause zu beten, nachdem ich aber das gehört, was R. Ḥija b. Ami im Namen U͑las gesagt hat, seit dem Tage, an dem das Heiligtum zerstört wurde, habe der Heilige, gepriesen sei er, in seiner Welt nichts weiter, als die vier Ellen der Halakha, bete ich nur da, wo ich lerne.
20R. Ami und R. Asi beteten, obgleich sie in Ṭiberias dreizehn Bethäuser hatten, dennoch nirgends anders als zwischen den Säulen, wo sie zu lernen pflegten.
21Ferner sagte R. Ḥija b. Ami im Namen U͑las: Größer ist, der von seiner Arbeit genießt, als der Gottesfürchtige. Vom Gottesfürchtigen heißt es: Heil dem Manne, der den Herrn fürchtet, von dem aber, der von seiner Arbeit genießt, heißt es: wenn du von deiner Hände Arbeit issest, Heil dir und wohl dir, Heil dir in dieser Welt, und wohl dir in der zukünftigen Welt; von dem Gottesfürchtigen heißt es nicht: und wohl dir.
22Ferner sagte R. Ḥija b. Ami im Namen U͑las: Stets wohne der Mensch im Wohnorte seines Lehrers, denn während der ganzen Zeit, da Šimi? b. Gera lebte, heiratete Šelomo nicht die Tochter des Pareo͑. –
23Es wird ja aber gelehrt, man wohne nicht!? –
24Das ist kein Einwand; das eine, wenn er sich seinem Lehrer unterwirft, das andere, wenn er sich ihm nicht unterwirft.
25R. Hona b. Jehuda sagte im Namen R. Menaḥems im Namen R. Amis: Es heißt: Die den Herrn verlassen, werden zugrunde gehen. Dies bezieht sich auf den, der die Torarolle liegen läßt und hinausgeht.
26R. Abahu ging zwischen Mann und Mann hinaus.
27R. Papa fragte: Ist es zwischen den Versen [erlaubt]?
28Dies bleibt unentschieden.
29R. Šešeth wandte sein Gesicht ab und lernte, indem er sagte: wir mit unserem und sie mit ihrem.
30R. Hona b. Jehuda sagte im Namen R. Amis: Stets beende man seinen Wochenabschnitt zusammen mit der Gemeinde, zweimal den Text und einmal die Übersetzung,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.