Berachot — Blatt 7b

1R. Joḥanan sagte im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Seit dem Tage, da der Heilige, gepriesen sei er, die Welt erschaffen, gab es niemand, der den Heiligen, gepriesen sei er, Herr genannt hätte, bis Abraham kam und ihn Herr nannte, wie es heißt: und er sprach: O Herr, woran werde ich erkennen, daß ich es ererben werde?

2Rabh sagte: Auch Daniél wurde nur um Abrahams willen erhört, denn es heißt: so höre doch nun, o Gott, auf das Gebet und auf das Flehen deines Knechtes, und laß dein Antlitz über dein verwüstetes Heiligtum leuchten, um, des Herrn willen; er sollte ja um deinetwillen sagen, –

3vielmehr, um Abrahams willen, der dich Herr nannte.

4Ferner sagte R. Joḥanan im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Woher daß man einen Menschen während seines Zornausbruches nicht zu besänftigen suche? – es heißt: mein Zorn wird vorübergehen, und ich willfahre dir.

5Ferner sagte R. Joḥanan im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Seit dem Tage, da der Heilige, gepriesen sei er, seine Welt erschaffen, gab es niemand, der dem Heiligen, gepriesen sei er, gedankt hätte, bis Leá kam und ihm dankte, wie es heißt: diesmal danke ich dem Herrn.

6Reúben. R. Elea͑zar sagte: Leá sprach: Sehet [reú], welch ein Unterschied zwischen meinem Sohne [ben] und dem Sohne meines Schwiegervaters. Der Sohn meines Schwiegervaters verkaufte seine Erstgeburt freiwillig, wie es heißt: er verkaufte dem Ja͑qob seine Erstgeburt, dennoch, sehet, heißt es von ihm: E͑saw haßte Ja͑qob,

7ferner: er sprach: Man nennt ihn mit Recht Ja͑qob, denn er hat mich zweimal betrogen &c.;

8mein Sohn aber: obgleich Joseph ihm seine Erstgeburt gegen seinen Willen abgenommen hat, wie es heißt: als er das Bett seines Vaters entweihte, wurde seine Erstgeburt dem Joseph gegeben, dennoch beneidete er ihn nicht, wie es heißt: als Reúben dies hörte, rettete er ihn aus ihrer Hand.

9Ruth. Warum [heißt sie] Ruth? R. Joḥanan erklärte: Weil ihr beschieden war, daß David, der den Heiligen, gepriesen sei er, mit Liedern und Lobgesängen letzte, ihr entstammte.

10Woher, daß Namen vorbedeutend sind? R. Elea͑zar erwiderte: Es heißt: gehet, schauet die Werke des Herrn, der Verwüstungen auf Erden gemacht; lies nicht Šamoth [Verwüstungen], sondern Šemoth [Namen].

11Ferner sagte R. Joḥanan im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Schlimmer ist böse Zucht im Hause des Menschen, als der Krieg von Gog und Magog. Es heißt: ein Gesang Davids, als er vor seinem Sohne Abšalom floh, und hierauf folgt: Herr, wie zahlreich sind meine Feinde, wie viel, die gegen mich auftreten! Vom Krieg von Gog und Magog aber heißt es nur: warum toben die Völker, die Nationen sinnen Eitles, es heißt aber nicht: wie zahlreich sind meine Feinde.

12Ein Gesang Davids, als er vor seinem Sohne Abšalom floh. – Ein ‘Gesang’ Davids, es hätte ja ein ‘Klagelied’ Davids heißen sollen!?

13R. Šimo͑n b. Abišalom erwiderte: Ein Gleichnis, womit dies zu vergleichen ist. Mit einem Menschen, auf den ein Schuldschein in den Verkehr gebracht wurde; bevor er ihn einlöst, ist er traurig, hat er ihn aber eingelöst, freut er sich.

14So auch David. Als der Heilige, gepriesen sei er, zu ihm sagte: Siehe, ich lasse dir ein Unglück aus deinem Hause erstehen, war er traurig, denn er dachte: es wird vielleicht ein Sklave oder ein Bastard sein, der sich meiner nicht erbarmen wird; als er aber sah, daß es Abšalom war, freute er sich. Darum ein ‘Gesang’.

15Ferner sagte R. Joḥanan im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Es ist erlaubt, auf dieser Welt die Frevler zu reizen, denn es heißt: die die Lehre verlassen, rühmen den Frevler, die aber die Lehre wahren, reizen sie.

16Diesbezüglich wird gelehrt: R. Dostaj b. R. Mathon sagte: Es ist erlaubt, auf dieser Welt die Frevler zu reizen, denn es heißt: die die Lehre verlassen, rühmen den Frevler, die aber die Lehre wahren, reizen sie. Sollte dir jedoch jemand zuflüstern, es heißt ja: streite mit den Bösen nicht und beneide nicht die Übeltäter, so antworte ihm: so deutet [diesen Vers], dem das Herz klopft; vielmehr: wetteifere nicht mit den Bösen, um wie die Bösen zu sein, und beneide nicht die Übeltäter, um wie die Übeltäter zu sein.

17Ferner heißt es: dein Herz beneide die Sünder nicht, es verharre vielmehr täglich in der Furcht des Herrn. –

18Dem ist doch aber nicht so, R. Jiçḥaq sagte ja folgendes: Wenn du einen Frevler siehst, dem die Stunde lächelt, so reize ihn nicht, denn es heißt: seine Wege gedeihen allezeit. Und noch mehr, er wird auch bei Gericht begünstigt, denn es heißt: hoch, fern von ihm sind deine Strafgerichte. Und noch mehr, er sieht auch Rache an seinen Feinden, denn es heißt: all seine Feinde bläst er weg. –

19Das ist kein Einwand; dies gilt von eigenen Angelegenheiten, jenes von göttlichen Angelegenheiten.

20Wenn du willst, sage ich: beides gilt von göttlichen Angelegenheiten, nur gilt dieses von einem Frevler, dem die Stunde lächelt, jenes aber von einem Frevler, dem die Stunde nicht lächelt.

21Wenn du aber willst, sage ich: beides gilt von einem Frevler, dem die Stunde lächelt, dennoch besteht hier kein Widerspruch, denn das eine gilt, von einem vollkommen Gerechten, und das andere gilt von einem unvollkommen Gerechten. R. Hona sagte nämlich: Es heißt: warum siehst du die Treulosen an, schweigest, wenn der Frevler den gerechteren als er verschlingt; kann etwa der Frevler den Gerechten verschlingen, es heißt ja: der Herr verläßt ihn nicht in seiner Hand, ferner: dem Gerechten begegnet kein Unheil!? Vielmehr einen, der gerechter ist als er, verschlingt er, einen vollkommen Gerechten verschlingt er nicht.

22Wenn du aber willst, sage ich: anders ist es, wenn ihm die Stunde lächelt.

23Ferner sagte R. Joḥanan im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Wer für sein Gebet einen Platz bestimmt, dem unterliegen seine Feinde, denn es heißt: ich werde einen Platz für mein Volk Jisraél bestimmen, ich pflanze es, daß es an seiner Stätte verharre; nicht wird es fortan beunruhigt werden, und nicht werden es ferner die Boshaften bedrücken wie vorher.

24R. Hona wies auf einen Widerspruch hin, es heißt: zu bedrücken, und es heißt [anderweitig:] zu vernichten!?

25Anfangs: zu bedrücken, später: zu vernichten.

26Ferner sagte R. Joḥanan im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Wichtiger ist die Pflege der Tora, als das Studium derselben, denn es heißt: hier ist Eliša͑, Sohn des Šaphaṭ, der auf die Hände des Elijahu Wasser gegossen. Es heißt nicht: gelernt, sondern: gegossen; dies lehrt, daß ihre Pflege wichtiger ist, als ihr Studium.

27R. Jiçḥaq sprach zu R. Naḥman: Weshalb kam der Meister nicht ins Bethaus, um zu beten? Dieser erwiderte: Ich konnte nicht. Jener sprach: Der Meister hätte ja zehn [Männer] versammeln können und beten!? Dieser erwiderte: Dies wäre mir zu beschwerlich. – So sollte der Meister dem Gemeindediener sagen, daß er zur Zeit, da die Gemeinde betet, komme und es dem Meister künde!?

28Dieser entgegnete; Wozu dies alles? Jener erwiderte: Folgendes sagte R. Joḥanan im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.