Berachot — Blatt 9b

1damit nicht jener Gerechte sage: [Die Verheißung,] man wird sie knechten und bedrücken, hat er an ihnen erfüllt, [die Verheißung,] nachher werden sie mit großem Besitztum ausziehen, hat er an ihnen nicht erfüllt.

2Da sprachen sie zu ihm: O, daß doch wir selbst hinauskommen könnten! Ein Gleichnis. Wenn man zu einem Menschen, der im Gefängnis eingesperrt ist, sagt: morgen wird man dich aus dem Gefängnis herausholen und dir viel Geld geben, so erwidert dieser: befreiet mich heute, und ich verlange nichts.

3Und sie liehen ihnen. Hierzu sagte R. Ami: Dies lehrt, daß sie sie wider ihren Willen zu leihen genötigt haben. Manche sagen, wider den Willen der Miçrijim, und manche sagen, wieder den Willen der Jisraéliten.

4Manche sagen, wider den Willen der Miçrijim, denn es heißt: und die Mitbewohnerin des Hauses teilt die Beute, und manche sagen, wider den Willen der Jisraéliten wegen der Last.

5Und sie leerten Miçrajim. Hierzu sagte R. Ami: Dies lehrt, daß sie es wie ein Netz machten, das keine Getreidekörner mehr hat. Reš Laqiš sagte: Sie machten es wie eine Meerestiefe, die keine Fische hat.

6Ich werde sein, der ich sein werde. Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Moše: Gehe hin und sage den Jisraéliten: Ich werde mit euch in dieser Knechtschaft sein, und ich werde mit euch in der Knechtschaft der [späteren] Regierungen sein.

7Da sprach er vor ihm: Herr der Welt, es genügt die Not zu ihrer Zeit. Der Heilige, gepriesen sei er, erwiderte: Geh und sage ihnen: ‘Ich werde sein’ hat mich zu euch geschickt.

8Erhöre mich, o Herr, erhöre mich. R. Abahu sagte: Weshalb rief Elijahu zweimal ‘erhöre mich’? Dies lehrt, daß Elijahu vor dem Heiligen, gepriesen sei er, sprach: Herr der Welt, erhöre mich, daß ein Feuer vom Himmel herabkomme und alles verzehre, was sich auf dem Altar befindet, und erhöre mich, daß du ihre [bösen] Gedanken abwendest, damit sie nicht sagen, es sei Zauberwerk. Daher heißt es: du hast ihr Herz rückwärts gewendet.

9VON WANN AN LIEST MAN DAS ŠEMA͑ AM MORGEN? – SOBALD MAN ZWISCHEN PURPURBLAU UND WEISS UNTERSCHEIDEN KANN; R. ELIE͑ZER SAGT, ZWISCHEN PURPURBLAU UND LAUCHGRÜN. MAN BEENDE ES BIS SONNENAUFGANG; R. JEHOŠUA͑ SAGT, BIS DREI STUNDEN, DENN KÖNIGE PFLEGEN IN DER DRITTEN STUNDE AUFZUSTEHEN.

10WER VON DA AB LIEST, HAT NICHTS VERLOREN, ALS WENN JEMAND IN DER TORA LIEST.

11GEMARA. Was heißt: zwischen purpurblau und weiß; wollte man sagen, zwischen einem weißen (Wollbündel) und einem purpurblauen Wollbündel, so ist dies ja auch nachts zu unterscheiden!? – Vielmehr, zwischen blau und weiß, das daran.

12Es wird gelehrt: R. Meír sagt, sobald man zwischen einem Wolfe und einem Hunde unterscheiden kann; R. A͑qiba sagt, zwischen einem Esel und einem Waldesel; Andere sagen, sobald man seinen Nächsten in einer Entfernung von vier Ellen sehen und erkennen kann.

13R. Hona sagte: Die Halakha ist wie die Anderen. Abajja sagte: Bezüglich des Gebetes, wie die Anderen; bezüglich des Šema͑lesens, wie die Erzfrommen. R. Joḥanan sagte nämlich, die Erzfrommen pflegten es mit Sonnenaufgang zu beenden.

14Desgleichen wird gelehrt: Die Erzfrommen pflegten es mit Sonnenaufgang zu beenden, um das Gebet an den Erlösungssegen anschließen zu können; man betet dann bei Tage.

15R. Zera sagte: Hierauf deutet folgender Schriftvers: sie mögen dich mit der Sonne fürchten, auch vor dem Monde, von Geschlecht zu Geschlecht.

16R. Jose b. Eljaqim bekundete im Namen der heiligen Gemeinde zu Jerušalem: Wer das Gebet an den Erlösungssegen anschließt, kommt den ganzen Tag nicht zu Schaden. –

17Dem ist ja nicht so; R. Zera sagte ja: Ich schließe ihn an, dennoch kam ich zu Schaden. Man erwiderte ihm: Dein Schaden bestand wohl darin, daß du eine Myrte in den königlichen Palast bringen mußtest, aber du solltest noch eine Belohnung entrichten, um das Gesicht des Königs zu schauen. R. Joḥanan sagte nämlich: Man sei stets bestrebt, den jisraélitischen Königen entgegenzueilen, und nicht nur jisraélitischen Königen, sondern auch Königen der weltlichen Völker, denn, wenn es ihm beschieden sein sollte, wird er zwischen den jisraélitischen Königen und den Königen der weltlichen Völker unterscheiden können.

18R. Elea͑ sagte zu U͑la: Wenn du nach dort hinaufgehst, so grüße meinen Bruder R. Bruna in Gegenwart der ganzen Genossenschaft, denn er ist ein großer Mann und freut sich der Gebote. Eines Tages hatte er das Gebet an den Erlösungssegen angeschlossen, und den ganzen Tag wich das Lächeln nicht von seinem Munde.

19Wieso kann man anschließen, R. Joḥanan sagte ja, daß man zu Beginn sage: Herr, öffne meine Lippen, und zum Schluß: Es mögen die Worte meines Mundes zum Wohlgefallen sein!?

20R. Elea͑zar erwiderte: Dies geschehe beim Abendgebet. –

21R. Joḥanan sagte ja aber, ein Kind der zukünftigen Welt sei derjenige, der den Erlösungssegen des Abends an das Gebet des Abends anschließt!? –

22Vielmehr erwiderte R. Elea͑zar, dies geschehe beim Nachmittagsgebet.

23R. Aši erwiderte: Du kannst auch sagen, bei allen [Gebeten], denn da die Rabbanan sie zum Gebete gefügt haben, so ist es als verlängertes Gebet zu betrachten.

24Wie könnte man, wolltest du nicht so sagen, es abends anschließen, wo man ja [das Gebet] ‘Laß uns niederlegen’ hersagen muß!? Vielmehr, wie [das Gebet] ‘Laß uns niederlegen’ als verlängerter Erlösungssegen betrachtet wird, weil die Rabbanan es angeordnet haben, ebenso ist es hierbei, da die Rabbanan sie zum Gebete gefügt haben, als verlängertes Gebet zu betrachten. –

25Merke [die Formel:] Es mögen zum Wohlwollen sein die Worte meines Mundes, paßt ja zu Beginn wie zum Schluß, weshalb haben sie die Rabbanan nach dem Achtzehngebet angeordnet, sollte man sie vorher sagen!?

26R. Jehuda, Sohn des R. Šimo͑n b. Pazi, erwiderte; Da David sie erst nach achtzehn Abschnitten gesagt hat, so haben auch die Rabbanan sie nach dem Achtzehngebet angeordnet. –

27Wieso achtzehn, es sind ja neunzehn!? –

28[Der Psalm] Heil dem Manne und [der Psalm] Warum toben die Völker sind ein Abschnitt.

29R. Jehuda, Sohn des R. Šimo͑n b. Pazi, sagte nämlich: Hundertdrei Psalmen hatte David gesagt, doch sagte er nicht eher ‘Halelujah’, als bis er die Niederlage der Frevler gesehen, denn es heißt: Mögen die Sünder von der Erde verschwinden und die Frevler nicht mehr da sein; preise, meine Seele, den Herrn, Halelujah,

30Es sind ja nicht hundertdrei, sondern hundertvier!? Hieraus ist somit zu entnehmen, daß [der Psalm] Heil dem Manne und [der Psalm] Warum toben die Völker ein Abschnitt sind.

31Ebenso sagte R. Šemuél b. Naḥmani im Namen R. Joḥanans:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.