Berachot — Blatt 10a

1Jeden Psalm, der David besonders lieb war, begann er mit ‘Heil’ und schloß ihn mit ‘Heil’; er begann ihn mit ‘Heil’, wie es heißt: Heil dem Manne, und er schloß ihn mit ‘Heil’, wie es heißt: Heil allen, die in ihm Schutz suchen.

2In der Nachbarschaft des R. Meír wohnten Rohlinge, die ihn sehr quälten, und R. Meír flehte wider sie, daß sie stürben. Da sprach seine Frau Berurja zu ihm: Du stützest dich wohl auf den Schriftvers: mögen schwinden die Sünden, aber es heißt nicht Sünder, sondern Sünden.

3Und beachte ferner den Schluß des Verses: und die Frevler werden nicht mehr da sein; sind die Sünden vernichtet, so sind auch keine Frevler mehr da. Flehe vielmehr für sie um Erbarmen, daß sie Buße tun.

4Hierauf flehte er für sie um Erbarmen, und sie taten Buße.

5Ein Minäer sprach zu Berurja: Es heißt: juble, Unfruchtbare, die nicht geboren; weil sie nicht geboren, soll sie jubeln!?

6Sie erwiderte ihm: Tor, beachte den Schluß des Verses, denn es heißt: denn zahlreicher sind die Kinder der Verlassenen als die Kinder der Vermählten, spricht der Herr.

7[Die Worte:] unfruchtbare, die nicht geboren, sind also zu verstehen: Juble, Gemeinde Jisraél, die einer unfruchtbaren Frau gleicht, die nicht, wie ihr, Kinder für das Fegefeuer geboren hat.

8Ein Minäer sprach zu R. Abahu: Es heißt: ein Loblied Davids, als er vor seinem Sohne Abšalom floh, und weiter heißt es: ein Lied Davids, als er vor Šaúl in die Höhle floh. Welches Ereignis geschah zuerst? Das Ereignis mit Šaúl geschah ja zuerst, somit sollte er doch dieses zuerst geschrieben haben!?

9Dieser erwiderte: Euch, die ihr das Nebeneinanderstehen nicht zur Forschung verwendet, ist dies unerklärlich, uns aber, die wir das Nebeneinanderstehen zur Forschung verwenden, ist dies erklärlich.

10R. Joḥanan sagte nämlich: Wo ist das Nebeneinanderstehen aus der Tora zu entnehmen? – es heißt: nebeneinander stehen sie für immer und ewig, gemacht zu Treue und Recht,

11Der Abschnitt von Abšalom steht deshalb neben dem Abschnitt von Gog und Magog, damit, wenn jemand dir vorhält, ob es denn einen Sklaven gäbe, der sich gegen seinen Herrn auflehnt, du ihm entgegnest, ob es denn einen Sohn gäbe, der sich gegen seinen Vater auflehnt. Wie es diesen gegeben, so wird es auch jenen geben.

12R. Joḥanan sagte im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Es heißt: Ihren Mund öffnet sie mit Weisheit, und die Lehre der Liebe ist auf ihrer Zunge. Auf wen bezüglich sprach Šelomo diesen Vers? – Er bezog ihn auf niemand anderes, als auf seinen Vater David, der in fünf Welten geweilt, und [jedesmal] ein Lied angestimmt hat.

13Als er im Leibe seiner Mutter weilte, stimmte er ein Lied an, wie es heiβt: Preise, meine Seele, den Herrn, und all mein Inneres seinen heiligen Namen.

14Als er in den Weltenraum hinaustrat und die Sterne und Sternbilder betrachtete, stimmte er ein Lied an, wie es heißt: Preiset den Herrn, ihr Engel, Helden an Kraft, die ihr sein Werk ausführt, auf die Stimme seines Wortes zu hören. Preiset den Herrn, all seine Heerscharen &c.

15Als er an den Brüsten seiner Mutter saugte und ihre Zitzen betrachtete, stimmte er ein Lied an, wie es heißt: Preise, meine Seele, den Herrn, und vergiß nicht all seine Wohltaten. –

16Worin bestehen diese Wohltaten? R. Abahu antwortete: Daß er [dem Weibe] die Brüste an den Ort der Vernunft setzte. –

17Weshalb? R. Jehuda erwiderte: Damit [das Kind] nicht die Schamstelle schaue. R. Mathna erwiderte: Damit es nicht aus der Stelle des Schmutzes sauge.

18Als er die Niederlage der Frevler sah, stimmte er ein Lied an, wie es heißt: Es mögen schwinden die Sünden von der Erde und die Frevler nicht mehr da sein; preise, meine Seele, den Herrn; Halelujah.

19Als er den Tag des Sterbens betrachtete, stimmte er ein Lied an, wie es heißt: Preise, meine Seele, den Herrn; o Herr, mein Gott, du bist sehr groß, mit Glanz und Herrlichkeit bekleidet. –

20Woher, daß dies sich auf den Tag des Sterbens bezieht? Rabba b. R. Šilo erwiderte: Dies geht aus der Fortsetzung hervor, wo es heißt: Verbirgst du sein Antlitz, so erschrecken sie &c.

21R. Šimi b. U͑qaba, manche sagen. Mar U͑qaba, pflegte bei R. Šimo͑n b. Pazi anwesend zu sein, der vor R. Jehošua͑ b. Levi Agada vortrug. Dieser sprach zu ihm: Was bedeutet der Schriftvers: Preise, meine Seele, den Herrn, und all mein Inneres seinen heiligen Namen? Jener erwiderte: Komm und sieh, wie die Handlungsweise des Heiligen, gepriesen sei er, nicht der Handlungsweise des Menschen gleicht. Ein Mensch malt eine Figur an die Wand, kann aber nicht Geist und Seele, Inneres und Eingeweide in diese bringen; nicht so aber der Heilige, gepriesen sei er: er bildet eine Figur in einer Figur, und doch bringt er in diese Geist und Seele, Inneres und Eingeweide. Dies ist es, was Ḥanna gesagt hat: Es gibt keinen Heiligen, wie der Herr, denn niemand ist außer dir; und es gibt keinen Schöpfer, wie unser Gott.

22Was heißt: es gibt keinen Schöpfer [çur] wie unser Gott? – es gibt keinen Bildner [çajar] wie unser Gott. –

23Was bedeuten [die Worte]: niemand ist außer dir? R. Jehuda b. Menasja erwiderte: Man lese nicht: niemand biltekha [außer dir], sondern: niemand lebalotheka, [der dich überdauert ]. Denn nicht gleicht die Eigenschaft des Heiligen, gepriesen sei er, der Eigenschaft des Menschen. Den Menschen überdauert das Werk seiner Hände, der Heilige, gepriesen sei er, überdauert seine Werke.

24Dieser entgegnete: Ich fragte dich folgendes: bezüglich wessen sagte David fünfmal: Preise meine Seele? – Er bezog sie auf niemand anders, als auf den Heiligen, gepriesen sei er, und die Seele.

25Wie der Heilige, gepriesen sei er, die ganze Welt füllt, so füllt auch die Seele den ganzen Körper; wie der Heilige, gepriesen sei er, sieht und nicht gesehen wird, so sieht auch die Seele und wird nicht gesehen; wie der Heilige, gepriesen sei er, die gesamte Welt ernährt, so ernährt auch die Seele den ganzen Körper; wie der Heilige, gepriesen sei er, rein ist, so ist auch die Seele rein; wie der Heilige, gepriesen sei er, in den innersten Gemächern wohnt, so wohnt auch die Seele in den innersten Gemächern. Daher komme die, in der diese fünf Eigenschaften vereinigt sind, und preise den, in dem diese fünf Eigenschaften vereinigt sind.

26R. Hamnuna sagte: Es heißt: Wer ist dem Weisen gleich, und wer kennt die Lösung der Dinge. Wer ist dem Heiligen, gepriesen sei er, gleich, der eine Lösung kannte bei den beiden Frommen, zwischen Ḥizqijahu und Ješa͑jahu [zu schlichten]. Ḥizqijahu sagte nämlich: Ješa͑jahu besuche mich, denn so finden wir es auch bei Elijahu, daß er Aḥáb besuchte, wie es heißt: und Elijahu ging hin, um vor Aḥáb zu erscheinen; Ješa͑jahu aber sagte: Ḥizqijahu besuche mich, denn so finden wir es auch bei Jehoram, dem Sohne Aḥábs, daß er den Eliša͑ besuchte.

27Was tat der Heilige, gepriesen sei er? – er brachte Züchtigungen über Ḥizqujahu und sprach zu Ješa͑jahu: Geh und besuche den Kranken. Denn es heißt: In jenen Tagen erkrankte Ḥizqijahu zum Sterben, und der Prophet Ješa͑jahu, Sohn des Amoç, kam zu ihm und sprach: So sprach der Herr der Heerscharen: Bestelle dein Haus, denn sterben wirst du und nicht leben. Was heißt: denn sterben wirst du und nicht leben? – Sterben wirst du, in dieser Welt, und nicht leben, in der zukünftigen Welt. Er sprach zu ihm: Weshalb dies alles?

28Jener erwiderte: Weil du nicht die Fortpflanzung gepflegt hast. Dieser sprach: Weil ich im heiligen Geist geschaut, daß mir ungeratene Kinder entstammen werden.

29Jener entgegnete: Was gehen dich die Geheimnisse des Allbarmherzigen an? Du solltest tun, was dir geboten, und der Heilige, gepriesen sei er, mag tun, was ihm gefällt.

30Dieser sprach: So gib mir deine Tochter, vielleicht bewirken meine und deine Verdienste zusammen, daß mir geratene Kinder entstammen. Jener erwiderte: Das Unheil ist bereits über dich verhängt worden. Da sprach er: Sohn Amoç, höre auf mit deiner Weissagung und geh.

31Folgendes ist mir aus dem Hause meines Ahnherrn überliefert: Selbst wenn ein scharfes Schwert schon auf dem Halse des Menschen ruht, verzweifle er an der Barmherzigkeit nicht.

32Auch wurde gelehrt: R. Joḥanan und R. Elie͑zer sagten beide: Selbst wenn ein scharfes Schwert schon auf dem Halse des Menschen ruht, verzweifle er an der Barmherzigkeit nicht, denn es heißt: wenn er mich auch tötet, hoffe ich dennoch auf ihn.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.