Chullin — Blatt 37a

1Wie ist es damit: wirkt die Würde der Heiligkeit, daß es selbst untauglich wird, nicht aber, daß man dabei erstgradige und zweitgradige [Unreinheit] zähle, oder gibt es dabei keinen Unterschied? – Dies bleibt unentschieden.

2HAT MAN EIN TOTKRANKES GESCHLACHTET, SO MUSS ES, WIE R. ŠIMO͑N B. GAMALIÉL SAGT, MIT EINEM VORDER- UND HINTERFUSS GEZUCKT HABEN. R. ELIE͑ZER SAGT, ES GENÜGE, WENN ES [BLUT] AUSGESTRÖMT HAT. R. ŠIMO͑N SAGTE: WENN MAN [EIN SOLCHES] NACHTS GESCHLACHTET HAT UND AM FOLGENDEN TAGE DIE FLÄCHEN VOLL BLUT FINDET, SO IST ES TAUGLICH, DENN ES HAT [BLUT] AUSGESTRÖMT; NACH DER ANSICHT R. ELIE͑ZERS. DIE WEISEN SAGEN, NUR WENN ES MIT EINEM VORDER- ODER HINTERFUSSE GEZUCKT ODER MIT DEM SCHWANZE GEWEDELT HAT,

3GLEICHVIEL OB EIN KLEINVIEH ODER EIN GROSSVIEH. HAT EIN KLEINVIEH DEN VORDERFUSS AUSGESTRECKT UND NLCHT ZURÜCKGEZOGEN, SO IST ES UNTAUGLICH, DENN DAS IST NICHTS WEITER ALS [EIN ZEICHEN] DES VERENDENS. DIES NUR VON DEM FALLE, WENN ES SICH IM ZUSTANDE EINES TOTKRANKEN BEFAND, WAR ES ABER GESUND, SO IST ES AUCH OHNE EINES DIESER [LEBENSZEICHEN] TAUGLICH.

4GEMARA. Woher, daß ein Totkrankes erlaubt ist? – Wieso sollte man darauf kommen, daß es verboten sei!? – Es heißt: das sind die Lebewesen, die ihr essen dürft, was leben kann, iß, was aber nicht leben kann, iß nicht, und das Totkranke kann nicht leben. –

5Da der Allbarmherzige sagt, daß man kein Aas essen dürfe, so ist wohl das Totkranke erlaubt. Wenn man nämlich sagen wollte, das Totkranke sei verboten, so ist ja [das Vieh], wenn es noch lebend verboten ist, es um so mehr nach dem Tode. –

6Vielleicht sind Totverletztes und Aas identisch!? – Dies ist nicht einleuchtend; es heißt: wenn eines von dem Vieh, das euch zur Nahrung dient, verendet, so soll der, der sein Aas berührt; der Allbarmherzige nennt es Aas erst nach dem Verenden. –

7Vielleicht sind talsächlich Totverletztes und Aas identisch, nur übertritt man wegen des noch lebenden [Aases] ein Gebot und wegen des toten ein Verbot!? –

8Vielmehr, der Allbarmherzige sagt: Zerrissenes dürft ihr nicht essen, demnach ist das Totkranke erlaubt. Wenn man nämlich sagen wollte, das Totkranke sei verboten, so ist ja, wenn das Totkranke, von dem nichts fehlt, verboten ist, es das Zerrissene um so mehr. –

9Vielleicht sind Totkrankes und Zerrissenes identisch, nur übertritt man wegen [des letzteren] ein Gebot und ein Verbot!? – Demnach brauchte es ja der Allbarmherzige nicht vom Aase geschrieben zu haben: wenn man wegen des noch lebenden ein Verbot und ein Gebot übertritt, um wieviel mehr wegen des toten. –

10Vielleicht sind Aas, Zerrissenes und Totkrankes identisch, nur übertritt man dieserhalb zwei Verbote und ein Gebot!? –

11Vielmehr, aus folgendem: Talg von Aas und Talg von Zerrissenem kann für jegliche Arbeit verwandt werden, [aber essen dürft ihr ihn nicht], und der Meister sagte, dies sei wegen der folgenden Lehre nötig. Die Tora sagt damit, es komme das Verbot des Aases und erstrecke sich auf das Verbot des Talges, es komme das Verbot des Zerrissenen und erstrecke sich auf das Verbot des Talges.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.