Eruvin — Blatt 54b
1sooft man ihn auch durchsucht, immer noch Feigen findet, ebenso findet man an den Worten der Tora, sooft man sie auch studiert, immer noch einen Geschmack.
2R.Šemuél b. Naḥmani sagte: Es heißt: die liebliche Hinde und die anmutige Gazelle &c. Weshalb werden die Worte der Tora mit einer Hinde verglichen? Wie die Hinde einen engen Muttermund hat und daher ihrem Männchen jederzeit lieb ist wie in der ersten Stunde, ebenso sind die Worte der Tora den sie Studierenden jederzeit lieb, wie in der ersten Stunde.
3Die anmutige Gazelle; sie verleiht Anmut den sie Studierenden. Ihre Brüste sättigen dich zu jeder Zeit; weshalb werden die Worte der Tora mit der Brust verglichen? Wie der Säugling in der Brust, sooft er sie auch betastet, immer noch Milch findet, ebenso findet man an den Worten der Tora, sooft man sie auch studiert, immer noch einen Geschmack.
4Durch ihre Liebe mögest du immer im Taumel sein; wie beispielsweise R.Elea͑zar b. Pedath. Man erzählt von R.Elea͑zar, daß er auf dem Untermarkt von Sepphoris saß und sich mit der Tora befaßte, seinen Mantel aber [aus Zerstreuung] auf dem Obermarkt von Sepphoris zurückließ. R.Jiçḥaq b. Elea͑zar erzählte: Einst wollte ihn jemand fortnehmen, da fand er darin eine Schlange.
5In der Schule R.A͑nans wurde gelehrt: Es heißt: die auf rötlichen Eselinnen reiten, die auf Decken sitzen, [die auf dem Wege wandeln und sprechen]. Die auf Eselinnen reiten, das sind die Schriftgelehrten, die von Stadt zu Stadt und von Provinz zu Provinz wandern, um die Tora zu studieren; rötlichen [çeḥoroth], die sie wie das Mittaglicht [çaharajim] klarlegen; die auf Decken [midin] sitzen, die ein gerechtes Urteil [din] der Wahrheit wegen fällen. Die wandeln, die in der Schrift kundig sind; auf dem Wege, die in der Mišna kundig sind; und sprechen, die im Talmud kundig sind, deren ganzes Gespräch nur Worte der Tora sind.
6R.Šezbi sagte im Namen des R.Elea͑zar b.A͑zarja: Es heißt: nicht brät Betrug seinen Fang; nicht leben wird der trügerische Jäger, und nicht lange sind seine Tage.
7R.Šešeth erklärte: Der trügerische Jäger brät.
8Als R.Dimi kam, sagte er: Dies ist mit einem Jäger zu vergleichen, der Vögel fängt; bricht er einem nach dem anderen sofort die Flügel, so bleiben sie ihm erhalten, sonst aber nicht.
9Raba sagte im Namen R. Sehoras im Namen R. Honas: Es heißt: erhastetes Vermögen mindert sich, wer aber händeweise sammelt, vermehrt; wenn jemand seine Tora bündelweise zusammenträgt, so nimmt sie bei ihm ab, wenn er aber händeweise sammelt, so nimmt sie bei ihm zu.
10Raba sagte: Die Jünger wissen es und handeln nicht danach. R. Naḥman b. Jiçḥaq sagte: Ich tat so, und sie blieb mir erhalten.
11Die Rabbanan lehrten: Auf welche Weise wurde die Lehre überliefert? Moše lernte aus dem Munde der Allmacht; darauf trat Ahron ein, und Moše lehrte ihn seinen Abschnitt. Hierauf trat Ahron ab und setzte sich zur Linken Mošes, dann traten seine Söhne ein, und Moše lehrte sie ihren Abschnitt. Hierauf traten seine Söhne ab, Elea͑zar setzte sich zur Rechten Mošes und Itamar zur Linken Ahrons. R.Jehuda sagte, Ahron blieb stets zur Rechten Mošes. Hierauf traten die Ältesten ein, und Moše lehrte sie ihren Abschnitt, alsdann traten die Ältesten ab, und das ganze Volk trat ein, und Moše lehrte sie ihren Abschnitt. So [hörte ihn] Ahron viermal, seine Söhne dreimal, die Ältesten zweimal und das ganze Volk einmal.
12Hierauf entfernte sich Moše, und Ahron wiederholte ihnen ihren Abschnitt, dann entfernte sich Ahron, und seine Söhne wiederholten ihnen ihren Abschnitt, dann entfernten sich seine Söhne, und die Ältesten wiederholten ihnen ihren Abschnitt; so hörten ihn alle viermal.
13Hieraus folgerte R. Elie͑zer, daß man seinem Schüler [die Lehre] viermal wiederholen müsse. Dies ist [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere, von Ahron, zu folgern: wenn dies hei Ahron nötig war, der von Moše lernte, und dieser von der Allmacht, um wieviel mehr, wenn ein gewöhnlicher Mensch von einem gewöhnlichen Menschen.
14R. A͑qiba sagte: Woher, daß man seinen Schüler so lange lehren muß, bis er es versteht? Es heißt: und lehre die Kinder Jisraél. Und woher, daß [so lange], bis es ihm geläufig im Munde ist? Es heißt: lege es in ihren Mund.
15Und woher, daß man ihm die Deutungen erklären muß? Es heißt: das sind die Rechtssatzungen, die du ihnen vorlegen sollst. —
16Sollten sie doch alle von Moše selbst gelernt haben!? — Um dadurch Ahron, seinen Söhnen und den Ältesten eine Ehre zu erweisen. —
17Sollte doch Ahron eintreten und von Moše lernen, dann seine Söhne eintreten und von Ahron lernen, dann die Ältesten eintreten und von seinen Söhnen lernen, und diese dann ganz Jisraél lehren!? — Da Moše aus dem Munde der Allmacht lernte, war es so besser. —
18Der Meister sagte: R. Jehuda sagte, Ahron blieb stets zur Rechten Mošes. Wessen Ansicht vertritt folgende Lehre: Wenn sich drei auf dem Wege befinden, so gehe der Lehrer in der Mitte, der größere zur Rechten und der kleinere zur Linken. Sie vertritt also die Ansicht R. Jehudas und nicht die der Rabbanan!? —
19Du kannst auch sagen, die der Rabbanan, denn da geschah dies nur wegen der Belästigung Ahrons.
20R. Perida hatte einen Schüler, dem er jede Lehre vierhundertmal wiederholte, und erst dann begriff er. Eines Tages wurde er zu einer gottgefälligen Handlung aufgefordert, und an diesem lehrte er ihn [wie sonst], jedoch begriff er nicht.
21Da fragte er ihn, was mit ihm heute los sei. Dieser erwiderte: Seit der Stunde, da der Meister zur gottgefälligen Handlung aufgefordert wurde, wandte ich meine Aufmerksamkeit ab, indem ich immerwährend dachte: nun steht der Meister auf, nun steht der Meister auf. Da sprach jener: Fasse nun deine Aufmerksamkeit, ich werde es dir wiederholen. Hierauf wiederholte er es ihm wiederum vierhundertmal.
22Da ertönte eine Hallstimme und sprach: Ist es dir lieber, daß man dir vierhundert Jahre hinzufüge, oder daß dir und deinem Zeitalter die zukünftige Welt beschieden sei? Er erwiderte: Daß mir und meinem Zeitalter die zukünftige Welt beschieden sei. Da sprach der Heilige, gepriesen sei er, zu ihnen: Gebt ihm dies und jenes.
23R. Ḥisda sagte: Die Tora wird nur durch Merkzeichen erworben, denn es heißt: lege es in ihren Mund, und man lese nicht simah [lege], sondem simana [ihr Merkzeichen].
24Als R. Taḥlipha aus dem Westen es hörte, ging er zu R. Abahu und sagte es ihm. Da sprach er: Ihr entnehmet dies hieraus, wir entnehmen es aus folgendem: Stelle dir Zeichen, errichte dir &c.; machet Zeichen für die Tora. — Woher ist es erwiesen, daß unter ‘Zeichen’ ein Merkzeichen zu verstehen sei? Es heißt: wenn er ein Menschengebein erblickt, so soll er ein Zeichen daneben setzen.
25R. Elie͑zer entnimmt dies hieraus: Sprich zur Weisheit: Du bist meine Schwester, und nenne die Einsicht Vertraute [Moda͑]; mache Merkmale [moda͑] für die Tora. Raba erklärte: Setze Zeiten [moe͑d] fest für die Tora.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.