Horajot — Blatt 13a

1WENN DER FARRE DES GESALBTEN UND DER FARRE DER GEMEINDE &C. Dort haben wir gelernt: Sieben Tage vor dem Versöhnungstage lasse man den Hochpriester sich aus seinem Hause nach der Beamtenkammer zurückziehen. Ferner halte man für ihn noch einen anderen Priester in Bereitschaft, weil er untauglich werden kann; R. Jehuda sagt, man halte für ihn auch eine andere Frau in Bereitschaft, weil seine Frau sterben kann, und es heißt :er soll Sühne schaffen sich und seinem Hause, und unter Haus ist die Frau zu verstehen. Man entgegnete ihm: Demnach hat die Sache kein Ende. Dort haben wir gelernt: Sieben Tage vor dem Verbrennen der [roten] Kuhlasse man den Hochpriester sich aus seiner Wohnung zurückziehen&c. Woher dies? – Die Rabbanan lehrten :Und er soll mit dem Farren verfahren, wie er mit dem Sündopfer-Farren verfuhr, so soll er auch mit diesem verfahren; wozu heißt es weiter :dem ersten? Der erstegeht dem Farren der Gemeinde in all seinen Verrichtungen vor.

2Die Rabbanan lehrten: Wenn der Farre des gesalbten Hochpriesters und der Farre der Gemeinde dastehen, so geht der Farre des gesalbten Hochpriesters in all seinen Verrichtungen dem Farren der Gemeinde vor; denn da der Gesalbte Sühne schafft und die Gemeinde Sühne erhält, so ist es richtig, daß der Sühneschaffende dem Sühneerhaltenden vorgehe; und ebenso heißt es auch:er soll Sühne schaffen sich, seinem Hause und der ganzen Gemeinde Jisraél.

3Der Farre der Gemeinde wegen [einer Sünde bei] Unkenntnis eines Gesetzes geht dem Farren wegen Götzendienstes vor, denn das leine ist ein Sündopfer und das andere ist ein Brandopfer. Es wird nämlich gelehrt:Er soll die zum Sündopfer bestimmte zuerst darbringen, was lehrt dies? Wollte man sagen, dies lehre, daß das Sündopfer zuerst [herzurichten sei], so heißt es ja bereits: und das andere soll er zum Brandopfer herrichten, nach Vorschrift; dies ist vielmehr eine Hauptnorm, daß alle Sündopfer stets den mit ihnen dargebrachten Brandopfern vorgehen. Auch ist es uns überliefert, daß selbst das Geflügel-Sündopfer dem Vieh-Brandopfer vorgehe.

4Der Farre wegen des Götzendienstes geht dem Ziegenbocke wegen des Götzendienstes vor. – Weshalb denn, dieser ist ja ein Sündopfer und jener ein Brandopfer!? Im Westen erklärten sie im Namen des Raba b. Mari: Im [Worte] ḥaeṭath beim Götzendienste fehlt ein Aleph, denn es wird ḥaṭ’thgeschrieben. Raba erklärte: Bei diesem heißt es: nach Vorschrift.

5Der Ziegenbock wegen des Götzendienstes geht dem Ziegenbocke des Fürsten vor. – Weshalb? – Jener ist einer Gemeinde und dieser ist eines einzelnen. Der Ziegenbock eines Fürsten geht der Ziege eines einzelnen vor. – Weshalb? – Jener ist ein Fürst, dieser ist ein Gemeiner.

6Die Ziege eines einzelnen geht dem Schafe eines einzelnen vor. – Es wird ja aber gelehrt, das Schaf eines einzelnen gehe der Ziege eines einzelnen vor!? Abajje erwiderte: Hierüber streiten Tannaím; einer ist der Ansicht, die Ziege sei bevorzugter, denn diese wird auch wegen des Götzendienstes dargebracht, und einer ist der Ansicht, das Schaf sei bevorzugter, denn von diesem wird auch der Fettschwanz dargebracht.

7Die Schwingegarbegeht dem mit dieser dargebrachten Schafevor; die zwei Brotegehen den mit diesen dargebrachten Schafen vor. Die Regel hierbei ist: was aus Anlaß des Tages dargebracht wird, geht dem vor, was wegen der Brotedargebracht wird.

8EIN MANN GEHT EINER FRAU VOR HINSICHTLICH DER LEBENSRETTUNG UND DER WIEDERBRINGUNG EINER VERLORENEN SACHE; EINE FRAU GEHT EINEM MANNE VOR HINSICHTLICH DER BEKLEIDUNG UND DER BEFREIUNG AUS DER GEFANGENSCHAFT; SIND SIE ABERBEIDE DER SCHÄNDUNG AUSGESETZT, SO GEHT DER MANN DER FRAU VOR.

9GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Wenn er selbst, sein Vater und sein Lehrer sich in der Gefangenschaft befinden, so geht er selbst seinem Lehrer und sein Lehrer seinem Vater vor; allen zusammen geht seine Mutter vor.

10Ein Gelehrter geht einem Könige vor, denn wenn ein Gelehrter stirbt, so haben wir seinesgleichen nicht mehr, wenn aber ein König stirbt, so ist jeder Jisraélit zur Königswürde geeignet.

11Ein König geht einem Hochpriester vor, denn es heißt :da sprach der König zu ihnen: Nehmet eures HerrnDiener mit euch &c.

12Ein Hochpriester geht einem Propheten vor, denn es heißt :dort soll ihn der Priester Çadoq und der Prophet Nathan salben. Ferner heißt es:höre doch, Hochpriester Jehošua͑, du und deine Genossen &c. Man könnte glauben, es waren Gemeine, so heißt es:denn es sind Wundermänner, und unter ‘Wunder’ ist ein Prophet zu verstehen, denn es heißt :und er dir ein Zeichen oder ein Wunder zeigt.

13Ein mit dem Salböl geweihter Hochpriester geht dem durch die Amtskleidung geweihten vor; ein durch die Amtskleidung geweihter geht einem wegen Samenergußvon seinem Amte zurückgetretenen Gesalbten vor; der wegen Samenerguß von seinem Amte zurückgetretene Gesalbte geht dem wegen eines Gebrechensvon seinem Amte zurückgetretenen vor; der wegen eines Gebrechens von seinem Amte zurückgetretene geht dem Feldpriestervor; der Feldpriester geht dem Priesterpräses vor;

14der Priesterpräses geht dem Emarkalvor. – Was heißt Emarkal? R. Ḥisda erwiderte : Der alles befiehlt [amar kol]. Der Emarkal geht dem Schatzmeistervor; der Schatzmeister geht dem Obmann der Priesterwache vor; der Obmann der Priesterwache geht dem Obmann der Tageswache vor; der Obmann der Tageswache geht einem gemeinen Priester vor.

15Sie fragten: Wer geht von Priesterpräses und Feldpriester hinsichtlich der Verunreinigungdem anderen vor?

16Mar Zuṭra, Sohn des R. Naḥman, erwiderte: Komm und höre: Es wird gelehrt: Wenn der Priesterpräses und der Feldpriester zusammen auf dem Wege gehen und einen Pflichttotenfinden, so verunreinige sich lieber der Feldpriester und nicht der Priesterpräses, denn wenn der Hochpriester untauglich wird, so hat der Priesterpräses an seiner Stelle einzutreten und den Dienst zu verrichten. – Es wird ja aber gelehrt, der Feldpriester gehe dem Priesterpräses vor!? Rabina erwiderte: Diese Lehre spricht vom Unterhalte.

17EIN PRIESTER GEHT EINEM LEVITEN VOR, EIN LÉVITE EINEM JISRAÉLITEN, EIN JISRAÉLIT EINEM HURENKINDE, EIN HURENKIND EINEM NATHIN, EIN NATHIN EINEM PROSELYTEN, EIN PROSELYT EINEM FREIGELASSENEN SKLAVEN. DIES NUR DANN, WENN SIE GLEICHWERTIG SIND, WENN ABER DAS HURENKIND EIN GELEHRTER IST UND DER HOCHPRIESTER EIN UNWISSENDER, SO GEHT DAS GELEHRTE HURENKIND DEM UNWISSENDEN HOCHPRIESTER VOR.

18GEMARA. Ein Priester geht einem Leviten vor, denn es heißt :die Söhne A͑mrams waren Ahron und Moše, Ahron aber wurde ausgesondert, damit er das Hochheilige darbringe. Ein Levite geht einem Jisraéliten vor, denn es heißt:damals sonderte der Herr den Stamm Levi aus &c.

19Ein Jisraélit geht einem Hurenkinde vor, denn der eine ist legitimer Herkunft und der andere ist nicht legitimer Herkunft. Ein Hurenkind geht einem Nathin vor, denn der eine stammt aus einem reinen Samentropfen und der andere stammt aus einem unreinen Samentropfen. Ein Nathin geht einem Proselyten vor, denn der eine wurde mit uns in Heiligkeit großgezogen und der andere wurde nicht mit uns in Heiligkeit großgezogen. Ein Proselyt geht einem freigelassenen Sklaven vor, denn dieser war im Flucheeinbegriffen und jener war nicht im Fluche einbegriffen.

20DIES NUR DANN, WENN SIE GLEICHWERTIG SIND &C. Woher dies? R. Aḥa b. R. Ḥanina erwiderte: Die Schrift sagt:sie ist kostbarer als Korallen [peninim], als der Hochpriester, der in das Allerinnerste [penim] eintritt.

21Es wird gelehrt: R. Šimo͑n b. Joḥaj sagte: Eigentlich sollte ein freigelassener Sklave einem Proselyten vorgehen, denn der eine ist mit uns in Heiligkeit großgezogen und der andere ist nicht mit uns in Heiligkeit großgezogen, nur war der eine im Fluche einbegriffen, der andere aber war nicht im Fluche einbegriffen.

22Die Schüler fragten R. Elea͑zar b. Çadoq: Weshalb sucht jeder eine Proselytin zu heiraten, nicht aber eine freigelassene [Sklavin] zu heiraten? Er erwiderte ihnen: Diese war im Fluche einbegriffen, jene war nicht im Fluche einbegriffen. Eine andere Erklärung: Die eine ist voraussetzlich behütet worden, die andere ist voraussetzlich nicht behütet worden.

23Die Schüler fragten R. Elea͑zar : Weshalb kennt ein Hund seinen Herrn und eine Katze nicht? Er erwiderte ihnen: Wenn derjenige, der etwas ißt, wovon eine Maus gegessen hat, vergeßlich wird, um wieviel mehr derjenige, der die Maus selbst ißt.

24Die Schüler fragten R. Elea͑zar: Weshalb werden die Mäuse von jedem verfolgt? – Weil sie einen sehr bösen Trieb haben. – Inwiefern? Raba erwiderte: Selbst Kleidungsstückezernagen sie.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.