Joma — Blatt 54a

1all ihre Herrlichkeit [hadra] aus, und hadra ist wie ḥadra [ihre Gemächer] [zu verstehen]. Dieser erwiderte: Ich sage, die [Bundes]lade sei an Ort und Stelle versteckt worden, denn es heißt: und die Stangen waren so lang &c.

2Raba fragte U͑la: Wieso ist dies hieraus erwiesen? – Es heißt: sie blieben daselbst bis auf den heutigen Tag. – Ist denn überall, wo es heißt: bis auf den heutigen Tag, ewig zu verstehen, es heißt ja: aber die Jebusiter, die Bewohner Jerušalems, vertrieben die Kinder Binjamins nicht. So blieben die Jebusiter unter den Kindern Binjamins in Jerušalem bis auf den heutigen Tag wohnen!?

3[Wolltest du sagen,] sie seien auch nicht vertrieben worden, so wird ja gelehrt: R. Jehuda sagte: Zweiundfünfzig Jahre hat kein Mensch Judäa betreten, denn es heißt: auf den Bergen will ich ein Weinen und Klagen anheben, auf den Auen der Trift Trauerlieder, daß sie verheert sind, daß niemand mehr über sie hinwandert, und sie das Blöcken einer Herde nicht mehr vernehmen; die Vögel unter dem Himmel und das Vieh sind ausgewandert, fortgezogen, und [der Zahlenwert des Wortes] behema [Vieh] beträgt zweiundfünfzig.

4Ferner wird gelehrt: R. Jose sagte: Sieben Jahre war das Jisraélland von Schwefel und Salz [bedeckt]. Hierzu sagte R. Joḥanan: Was ist der Grund R. Joses? Es ist aus [dem Worte] Bündnis zu entnehmen: hier heißt es: er wird vielen das Bündnis stärken eine Woche lang, und dort heißt es: man wird antworten: Weil sie das Bündnis des Herrn, des Gottes ihrer Väter, verlassen haben.

5Dieser erwiderte: Hierbei heißt es daselbst, da aber nicht. – Überall, wo es daselbst heißt, ist also ewig zu verstehen; dagegen wandte man ein: Und ein Teil von ihnen, den Šimo͑niten, zog nach Šei͑r, fünfhundert Mann, an ihrer Spitze Pelatja, Nea͑rja, Rephaja und U͑ziel, die Söhne Jiši͑s; sie erschlugen die letzten Überreste der A͑maleqiter und blieben daselbst bis auf den heutigen Tag,

6während doch Sanherib, der König von Ašur, längst hinaufgezogen ist und alle Länder durcheinandergemischt hat, wie es heißt: ich ließ die Grenzen der Völker verschwinden und ihre Vorräte plünderte ich!? –

7Dies ist ein Einwand. R. Naḥman sagte: Es wird gelehrt, die Weisen sagen, die [Bundes]lade war in der Kammer des Holzstalles versteckt. R. Naḥman b.Jiçḥaq sagte: Auch wir haben es gelernt: Einst beschäftigte sich da ein Priester und bemerkte, daß ein Pflasterstein anders war als die anderen; da ging er und erzählte es einem Kollegen. Bevor er aber mit seiner Mitteilung zuende war, gab er seinen Geist auf. Nun wußte man mit Bestimmtheit, daß da die [Bundes]lade verborgen worden sei. –

8Womit war er beschäftigt? R. Ḥelbo erwiderte: Er befaßte sieh mit seiner Axt. In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Einst sonderten gebrechenbehaftete Priester wurmstichiges Holz aus, und die Axt des einen glitt ab und fiel da nieder; da kam ein Feuer hervor und verbrannte ihn.

9R. Jehuda wies auf einen Widerspruch hin: Es heißt: und die Spitzen der Stangen waren zu sehen, dagegen heißt es: draußen aber waren sie nicht zu sehen; wie ist dies zu erklären? Sie waren zu merken, nicht aber zu sehen. Ebenso wird gelehrt: Die Spitzen der Stangen waren zu sehen; man könnte glauben, sie ragten von ihrer Stelle nicht hervor, so heißt es: die Stangen waren so lang. Man könnte glauben, sie stießen den Vorhang durch und ragten hervor, so heißt es: draußen aber waren sie nicht zu sehen.

10Wie ist dies zu erklären? Sie stießen in den Vorhang und strotzten wie die zwei Brüste einer Frau hervor, wie es heißt: das Myrrhenbündel ist mir mein Geliebter, zwischen meinen Brüsten ruht er.

11R. Qaṭṭina sagte: Wenn die Jisraéliten zur Wallfahrt zogen, rollte man vor ihnen den Vorhang auf und zeigte ihnen die einander umschmiegenden Kherubim, indem man zu ihnen sprach: Schauet, eure Beliebtheit bei Gott gleicht der Liebe von Mann und Weib.

12R. Ḥisda wandte ein: Sie sollen nicht hineingehen, um die heiligen Dinge unbedeckt zu sehen, und hierzu sagte R. Jehuda im Namen Rabhs, wenn die Geräte in das Futteral gelegt werden!?

13R. Joḥnan erwiderte: Ebenso wie bei einer Braut : solange sie noch im Hause ihres Vaters weilt, ist sie ihrem Manne gegenüber zurückhaltend, sobald sie aber in das Haus ihres Schwiegervaters gekommen ist, ist sie ihrem Manne gegenüber nicht mehr zurückhaltend.

14R. Ḥana b.R. Qaṭṭina wandte ein: Einst beschäftigte sich da ein Priester und bemerkte &c.!? Man erwiderte ihm: Du sprichst von dem Falle, wenn sie geschieden ist; ist sie geschieden, so kehrt die frühere Prüderie zurück. –

15Von welchem wird hier gesprochen: wollte man sagen vom ersten Tempel, so war ja in diesem kein Vorhang, und wenn vom zweiten, so wären ja da keine Kherubim!? – Tatsächlich vom ersten, nur sind hier die Vorhänge vor den Türen gemeint.

16R. Zera sagte nämlich im Namen Rabhs: Dreizehn Vorhänge waren im Tempel, sieben vor den sieben Toren, zwei (einer) vor der Tür des Tempels und (einer) vor der Tür der Vorhalle, zwei vor dem Hinterraume und zwei diesem entsprechend am Söller.

17R. Aḥa b. Ja͑qob erwiderte: Tatsächlich vom zweiten Tempel, denn gemalte Kherubim waren in diesem wohl, wie es heißt: an allen Wänden des Gebäudes rundum ließ er anbringen &c. Bilderwerk von Kherubim, Palmen und Blumengehängen und überzog sie unter genauer Anpassung an das Geschnitzte mit Gold.

18Es heißt: alle miteinander verschlungen; was heißt: mit einander verschlungen? Rabba b.R. Šila erwiderte:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.