Joma — Blatt 69b
1daß nur Königen aus dem Davidischen Hause das Sitzen im Tempelhöfe erlaubt war, denn es heißt: da kam der König David und setzte sich vor den Herrn!? – Wie R. Ḥisda erklärt hat, im Frauenvorhof, ebenso ist auch hierbei, im Frauenvorhof. –
2Worauf bezieht sich die Erklärung R. Ḥisdas? – Auf folgende Lehre: Wo las man da vor? Im Vorhof; R. Elie͑zer b.Jâqob sagt, auf dem Tempelberge, denn es heißt: und er las daraus vor, angesichts des freien Platzes vor dem Königstore, und hierzu sagte R. Ḥisda: im Frauenvorhof.
3Und E͑zra pries den Herrn, den großen Gott; was heißt groß? R. Joseph erwiderte im Namen Rabhs: Er huldigte seiner Größe beim deutlichen Gottesnamen. R. Gidel sagte: [Er sprach:] Gepriesen sei der Herr, der Gott Jisraéls, von Ewigkeit bis zu Ewigkeit.
4Abajje sprach zu R. Dimi: Vielleicht huldigte er seiner Größe beim deutlichen Gottesnamen? Dieser erwiderte: Man darf in der Provinz den deutlichen Gottesnamen nicht aussprechen. –
5Etwa nicht, es heißt ja: und E͑zra, der Schiiftgelehrte, stand auf einem Holzgerüste, das sie für diesen Zweck errichtet hatten, und hierzu sagte R. Gidel, er habe seiner Größe beim deutlichen Gottesnamen gehuldigt!? – Da war es eine Entscheidung für diese Stunde.
6Und sie schrien zum Herrn mit lauter Stimme. Was sprachen sie? Rabbi, nach anderen R. Joḥanan, sagte: Wehe, wehe, er ist es, der das Heiligtum zerstört, den Tempel verbrannt, alle Frommen getötet und Jisraél aus seinem Lande verbannt hat, und noch immer springt er unter uns umher; du hast ihn uns ja wohl deshalb zugeteilt, damit wir durch ihn Belohnung erhalten, aber wir wollen weder ihn noch die Belohnung!
7Da fiel ihnen ein Zettel vom Himmel herunter, auf dem geschrieben stand: Wahrheit.
8R. Hanina sagte: Hieraus zu entnehmen, daß ‘Wahrheit’ das Siegel des Heiligen, gepriesen sei er, ist.
9Hierauf verweilten sie drei Tage und drei Nächte im Fasten, und er wurde ihnen ausgeliefert. Er kam aus dem Allerheiligsten wie ein junger Löwe aus Feuer heraus, und der Prophet sprach zu ihnen: Das ist der Genius des Götzendienstes. So heißt es: und er sprach: Das ist die Bosheit.
10Als sie ihn ergriffen, löste sich ein Fäserchen von seinem Haare, da stieß er einen Schrei aus, und seine Stimme reichte vierhundert Parasangen. Darauf sprachen sie: Was machen wir nun, vielleicht erbarmt man sich, behüte und bewahre, seiner im Himmel!? Da sprach der Prophet zu ihnen: Sperrt ihn in einen bleiernen Kessel und verschließt die Öffnung mit Blei, denn das Blei saugt die Stimme auf. So heißt es: und er sprach: Das ist die Bosheit; und er warf sie in das Epha hinein und legte die Bleiplatte auf seine Öffnung.
11Alsdann sprachen sie: Da es nun eine Stunde der Willfährigkeit ist, so wollen wir auch um den Genius der Sünde bitten. Hierauf flehten sie um Erbarmen, und er wurde ihnen ausgeliefert.
12Da sprach er zu ihnen: Schauet, wenn ihr diesen tötet, geht die Welt unter. Nachdem er drei Tage eingesperrt war, suchten sie im ganzen Jisraéllande ein am selben Tage gelegtes Ei, fanden aber keines. Da sprachen sie: Was machen wir nun: töten wir ihn, so geht die Welt unter, bitten wir aber um die Hälfte, so wird ja im Himmel nichts halbes gewährt. Da blendeten sie ihm die Augen und ließen ihn frei. Dies hatte den Erfolg, daß er den Menschen nicht mehr zur Blutschande reizt.
13Im Westen lehrten sie es wie folgt: R. Gidel sagte: Er huldigte seiner Größe mit dem deutlichen Gottesnamen. R. Mathna sagte: [Er sprach:] Der große, mächtige und furchtbare Gott.
14Die [Erklärung] R. Mathnas neigt zu dem, was R. Jehošua͑ b.Levi gesagt hat, denn R. Jehošua͑ b.Levi sagte: Sie heißen deshalb ‘Männer der Großsynode’, weil sie die Krone auf ihren früheren Stand brachten, Mose sagte nämlich: der große, mächtige und furchtbare Gott. Später kam Jirmeja und sprach: Die Nichtjuden trümmern im Tempel; wo sind denn seine Furchtbarkeiten!? Er sagte daher nicht ‘der furchtbare’. Hierauf kam Daniél und sprach: Die Nichtjuden knechten seine Kinder; wo ist seine Macht!? Er sagte daher nicht: ‘der mächtige’.
15Alsdann kamen jene und sprachen: Im Gegenteil, dies ist seine Macht, daß er sich seiner Erregung bemächtigt und langmütig ist gegen die Frevler; das sind seine Furchtbarkeiten, denn wieso könnte sonst ohne die Furchtbarkeit des Heiligen, gepriesen sei er, eine Nation unter all den weltlichen Völkern bestehen. –
16Wieso taten dies jene Weisen und schafften eine Anordnung ab, die Moše angeordnet hat!? R. Elea͑zar erwiderte: Da sie vom Heiligen, gepriesen sei er, wußten, daß er wahrhaftig ist, so wollten sie ihm gegenüber nichts Unwahres sagen.
17UND LAS VOR [DIE ABSCHNITTE] ‘NACH DEM TODE’ UND ‘ABER DER ZEHNTE’. Ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Man darf in einem Propheten [Abschnitte] überspringen, nicht aber darf man in der Tora überspringen!? –
18Das ist kein Widerspruch; das eine, daß der Dolmetsch unterbrechen muß. das andere, daß der Dolmetsch nicht zu unterbrechen braucht. –
19Hierzu wird ja aber gelehrt, man dürfe in einem Propheten überspringen, nicht aber dürfe man in der Tora überspringen, jedoch dürfe man nur soviel überspringen, daß der Dolmetsch nicht zu unterbrechen braucht. Demnach in der Tora überhaupt nicht!?
20Abajje erwiderte: Das ist kein Widerspruch; das eine gilt von einem Thema, das andere gilt von zwei Themen.
21Es wird auch gelehrt: Man darf in der Tora bei einem Thema überspringen, in einem Propheten auch bei zwei Themen; in diesem und jenem jedoch nur solange, als der Dolmetsch nicht zu unterbrechen braucht. Man darf ferner nicht von einem Propheten zu einem anderen überspringen; bei den zwölf [kleinen] Propheten ist dies erlaubt,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.