Joma — Blatt 71a

1Der ganze Abschnitt gibt die richtige Reihenfolge an, ausgenommen ist dieser Schriftvers. –

2Aus welchem Grunde? R. Ḥisda erwiderte: Es ist überliefert, daß der Hochpriester an diesem Tage fünf Tauchbäder nahm und zehn Waschungen [von Händen und Füßen] machte,

3und wenn er sich an diese Reihenfolge gehalten hätte, wären es nur drei Tauchbäder und sechs Waschungen.

4R. Zera wandte ein: Vielleicht teilte er sie durch den außerhalb herzurichtenden Bock!?

5Abajje erwiderte: Die Schrift sagt: er gehe hinaus und richte sein Brandopfer her, beim ersten Hinausgehen richte er seinen Widder und den Widder des Volkes her.

6Raba erklärte: Die Schrift sagt: und die linnenen Kleider ausziehen; es braucht ja nicht zu heißen: die er anhatte, denn man zieht ja nur das aus, was man anhat, und wenn es dennoch heißt: die er anhatte, [so heißt dies:] die er bereits vorher anhatte.

7Rabba b.R. Šila wandte ein: Vielleicht teile er sie durch den außerhalb herzurichtenden Bock!? – Es heißt: er gehe hinaus und richte her. –

8Ist denn der ganze Abschnitt in der Reihenfolge niedergeschrieben, es heißt ja zuerst:das Fett des Sündopfers räuchere er auf dem Altar, und nachher: und den Sündopfer-Farren und den Sündopfer-Bock, während wir gelernt haben, daß, wer den Hochpriester beim Vorlesen sah, nicht die Verbrennung des Farren und des Widders sah, während die Opferteile des Sündopfers nachher dargebracht wurden!? –

9Lies von diesem Verse ab. –

10Was veranlaßt dich, die [Reihenfolge der] Schriftverse als falsch zu erklären, erkläre die der angezogenen Lehre als falsch!?

11Abajje erwiderte: Die Schrift sagt: der fortbringt und der verbrennt, wie das Fortbringen vorher erfolgt, ebenso das Verbrennen vorher. –

12Im Gegenteil, wie das Verbrennen nachher erfolgt, ebenso auch das Fortbringen nachher!? –

13Und der fortbringt, also vorher. Raba erklärte: Die Schrift sagt: soll lebend stehen bleiben; wie lange muß er lebend stehen bleiben? Bis zur Entsündigung, und die Entsündigung erfolgt beim Blutsprengen, nicht später.

14Wenn der Fortbringende bei seiner Rückkehr den Hochpriester auf der Straße traf, sprach er zu ihm: Herr Hochpriester, wir haben deinen Auftrag vollbracht. Traf er ihn zuhause, so sprach er zu ihm: Der den Lebenden Leben gibt, wir haben seinen Auftrag vollbracht.

15Rabba erzählte: Wenn die Rabbanan in Pumbeditha sich von einander verabschiedeten, sprachen sie wie folgt: Der den Lebenden Leben gibt, gebe dir ein langes, gutes und verdienstreiches Leben.

16Ich werde vor dem Herrn wandeln in den Landen des Lebens. R. Jehuda erklärte: Das ist ein Platz, wo Verkehrsstraßen vorhanden sind.

17Denn Lebensdauer und Jahre des Lebens und Wohlfahrt werden sie dir mehren. Gibt es denn Jahre, die des Lebens sind, und Jahre, die nicht des Lebens sind!? R. Elea͑zar erwiderte: Das sind die Jahre des Menschen, die sich ihm vom Schlechten zum Guten verwandelt haben.

18Euch, Männer, rufe ich zu. R. Berekhja erklärte: Das sind die Schriftgelehrten, die [körperlich] den Frauen gleichen, [geistig] aber Kraft besitzen, wie Männer. Ferner sagte R.Berekhja: Wer Wein auf den Altar gießen will, fülle den Hals der Schriftgelehrten mit Wein, denn es heißt: Euch, Männer, rufe ich zu.

19Ferner sagte R. Berekhja: Sieht jemand, daß die Tora bei seinen Kindern aussetzt, so nehme er [für sie] Töchter von Schriftgelehrten, denn es heißt: wenn seine Wurzel in der Erde altert und sein Stumpf im Staube abstirbt,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.