Joma — Blatt 87b

1und als R. Ḥija eintrat, begann er [den Abschnitt] von vorne; hierauf trat Bar Qappara ein, und er begann ihn wiederum von vorne; hierauf trat R. Šimo͑n, der Sohn Rabbis ein, da begann er ihn wiederum von vorne; als aber hierauf R. Ḥanina b.Ḥama eintrat, sprach er: Sooft abermals wiederholen! Er wiederholte ihn nicht, und R. Ḥanina nahm es ihm übel. Hierauf ging Rabh zu ihm an dreizehn Vorabenden des Versöhnungstages, er ließ sich aber nicht besänftigen. –

2Wieso tat Rabh dies, R. Jose b.Ḥanina sagte ja, wer seinen Nächsten um Verzeihung bittet, brauche dies nicht mehr als dreimal zu tun!? – Anders Rabh. – Wieso tat dies R. Ḥanina, Raba sagte ja, wer Unbill übergeht, dem übergehe man all seine Sünden!? –

3Vielmehr, R. Ḥanina sah im Traume, daß man Rabh an eine Palme gehängt habe; und da es überliefert ist, wer [im Traume] an eine Palme gehängt wird, werde Schuloberhaupt, folgerte er, daß dieser zur Herrschaft gelangen werde; er ließ sich daher nicht besänftigen, damit er nach Babylonien gehe und die Tora da lehre.

4Die Rabbanan lehrten: Die Pflicht des Sündenbekenntnisses hat am Vorabend des Versöhnungstages mit der Dunkelheit zu erfolgen, jedoch sagten die Weisen, daß man das Sündenbekenntnis spreche, bevor man gegessen und getrunken hat, weil man bei der Mahlzeit die Besinnung verlieren könnte. Und obgleich man, bevor man gegessen und getrunken, das Sündenbekenntnis gesprochen hat, spreche man es auch nachdem man gegessen und getrunken hat, weil bei der Mahlzeit sich Schlimmes ereignet haben kann. Und obgleich man das Sündenbekenntnis abends gesprochen hat, spreche man es auch im Morgengebete, und außer dem Morgengebete auch im Zusatzgebete, und außer dem Zusatzgebete auch im Vespergebete, und außer dem Vespergebete auch im Schlußgebete. –

5An welcher Stelle spricht man es? – Der einzelne spreche es nach dem Gebete und der Vorbeter in der Mitte desselben. – Welches ist es? Rabh sagte: ‘Du kennst die Geheimnisse der Welt’. Šemuél sagte: ‘Aus der Tiefe des Herzens’. Levi sagte: ‘In deiner Tora heißt es also’, R. Joḥanan sagte: ‘Herr der Welten’.

6R. Jehuda sagte: ‘Denn unsere Sünden sind zu viel, als daß man sie zählen, unsere Vergehen zu zahlreich, als daß man sie ausrechnen könnte’. R. Hamnuna sprach [folgendes Gebet:] Mein Gott, ehe ich gebildet wurde, war ich nichts wert, und auch jetzt, da ich gebildet worden bin, ist es ebenso, als wäre ich nicht gebildet worden. Staub bin ich bei meinen Leben, umsomehr bei meinem Tode. Siehe ich bin vor dir wie ein Gefäß voll Scham und Schmach. Möge es dein Wille sein, daß ich nimmer sündige, und was ich bereits gesündigt habe, spüle weg in deiner Barmherzigkeit, jedoch nicht durch Züchtigungen. Das ist das Sündenbekenntnis Rabas für das ganze Jahr, und R. Hamnuna des Kleinen am Versöhnungstage.

7Mar Zuṭra sagte: Dies nur, wenn man nicht gesagt hat: ‘Jawohl, wir haben gesündigt’, wenn aber gesagt hat, ‘Jawohl, wir haben gesündigt’, ist weiter nichts nötig, denn Bar Hamdudi erzählte: Einst stand ich vor Šemuél, der [beim Gebete] saß, und als der Vorbeter herankam und sprach: ‘Jawohl, wir haben gesündigt’, stand er auf. Hieraus folgerte er, daß dies das eigentliche Sündenbekenntnis sei.

8Dort haben wir gelernt: An drei Zeiten im Jahre erheben die Priester ihre Hände [zum Priestersegen] viermal am Tage; beim Morgengebete, beim Zusatzgebete, beim Vespergebete und beim Schlußgebete, und zwar an den Fasttagen, an den Beistandstagen und am Versöhnungstage. –

9Welches ist das Schlußgebet? – Rabh sagte, ein weiteres Gebet, und Šemuél sagte, [das Gebet] ‘Was sind wir und Was ist unser Leben!’ Man wandte ein: Am Abend des Versöhnungstages spreche man [im Gebete] sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis, im Morgengebete spreche man sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis, im Zusatzgebete spreche man sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis, im Vespergebete spreche man sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis, im Schlußgebete spreche man sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis!? –

10Hierüber streiten Tannaím, denn es wird gelehrt: Am Abend des Versöhnungstages, bei Dunkelheit, spreche man im Gebete sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis, und man schließe mit der Bekenntnisformel – so R. Meír; die Weisen sagen, man spreche sieben [Segenssprüche], und wenn man mit der Bekenntnisformel schließen will, tue man dies. (Dies ist eine Widerlegung Šemuéls. Eine Widerlegung.)

11Einst trat Úla b.Rabh vor Raba [vor das Betpult] und begann [das Gebet] mit ‘Du hast uns auserwählt’ und beendete es mit ‘Was sind wir und was ist unser Leben’; da lobte er ihn dafür. R. Hona, Sohn R. Nathans, sagte: Der einzelne spreche es nach dem Gebete.

12Rabh sagte: Das Schlußgebet befreit vom Abendgebet. Rabh vertritt hierbei seine Ansicht, daß dies nämlich ein weiteres Gebet sei, und da man es bereits verrichtet hat, braucht man es nicht mehr. –

13Kann Rabh dies denn gesagt haben, Rabh sagte ja, die Halakha sei wie derjenige, welcher sagt, das Abendgebet sei Freigestelltes!? – Er sagte dies nach demjenigen, welcher sagt, es sei Pflicht.

14Man wandte ein: Am Abend des Versöhnungstages spreche man [im Gebete] sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis, im Morgengebete spreche man sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis, im Zusatzgebete spreche man sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis, im Schlußgebete spreche man sieben [Segenssprüche], den Auszug des Achtzehngebetes. R. Ḥanina b.Gamliél sagte im Namen seiner Vorfahren, man lese das vollständige Achtzehngebet,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.