Joma — Blatt 9b
1denn nur weil sie [die Darbringung] ihrer Vogelnestopfer verzögerten, rechnet es ihnen die Schrift an, als hätten sie sie beschlafen.
2Heiligenschändung, denn es heißt: und ehe man noch das Fett aufgeräuchert, kam der Bursche des Priesters und sprach zu dem, der opferte: Gib Fleisch her zum Braten für den Priester! Er will kein gekochtes von Dir haben, sondern rohes. Erwiderte ihm aber jener: zuerst soll man doch das Fett aufräuchern, nachher nimm Dir, was Du gerne magst! so antwortete dieser: Nein, gleich sollst du es hergeben, wo nicht, so nehme ich es mit Gewalt. Ferner heißt es: so war die Versündigung der jungen Männer sehr schwer vor dem Herrn, weil sie das Opfer des Herrn schändeten.
3Weswegen wurde der erste Tempel zerstört? — Wegen dreier Sünden, die da begangen wurden: Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen. Götzendienst, denn es heißt: denn zu kurz ist das Lager, sich auszustrecken,
4und dies erklärte R. Jonathan, dieses Lager sei zu kurz, daß darauf zwei Genossen herrschen könnten.
5Und die Decke ist zu eng, sich darin zu wickeln. R. Šemuél b. Naḥmani sagte: Als R. Jonathan an diesen Vers herankam, weinte er, indem er sprach: Von dem es heißt: er sammelt die Gewässer des Meeres wie einen Damm, ihm sollte die Decke zu eng sein!
6Unzucht, denn es heißt: und der Herr sprach: Weil die Töchter Çijons hoch einherfahren, mit gerecktem Halse gehen und mit den Augen schielen, immerfort tänzelnd einhergehen und mit den Fußspangen klirrend. Weil die Töchter Çijons hoch einherfahren, die Hohe pflegte neben der Niedrigen zu gehen. Mit gerecktem Halse gehen, sie pflegten in stolzer Haltung zu gehen. Mit den Augen schielen, sie pflegten die Augen mit Stibium zu füllen. Immerfort tänzelnd einhergehen, sie pflegten Ferse an Zehe zu gehen. Mit den Fußspangen klirrend, R. Jiçḥaq erklärte, sie taten Myrrhe und Balsam in die Schuhe, und wenn sie den Jünglingen Jisraéls begegneten, traten sie auf und bespritzten sie, wodurch sie in ihnen den bösen Trieb erregten, wie das Gift in der Natter.
7Blutvergießen, denn es heißt: dazu vergoß Menaše sehr viel unschuldiges Blut, bis er Jerusalem von Rand zu Rand [damit] füllte. —
8Weswegen aber wurde der zweite Tempel zerstört, bei [dessen Bestehen] sie sich ja mit der Tora, gottgefälligen Handlungen und Liebeswerken befaßten? — Weil dann grundlose Feindschaft herrschte. Dies lehrt dich, daß grundlose Feindschaft die drei Sünden, Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen, aufwiege.
9Jene waren Frevler, nur vertrauten sie auf den Heiligen, gepriesen sei er, wie es heißt: ihre Häupter sprechen für Bestechung Recht und ihre Priester erteilen Weisung für Lohn, indem sie denken: Wir haben den Herrn in unserer Mitte, über uns kann nichts Böses kommen. Daher brachte der Heilige, gepriesen sei er, über sie drei Heimsuchungen, entsprechend den drei Sünden, die [sie begingen], wie es heißt: darum wird euretwegen Çijon zum Felde umgepflügt und Jerušalem ein Trümmerhaufen und der Tempelberg zur bewaldeten Höhe werden. —
10Herrschte denn während des ersten Tempels keine grundlose Feindschaft, es heißt ja: die zum Schwerte versammelt sind mit meinem Volke, darum schlage auf deine Hüfte, und R. Elea͑zar erklärte, dies beziehe sich auf die Leute, die zusammen aßen und tranken und einander mit dem Schwerte ihrer Zunge erstachen!? —
11Dies war nur bei den Fürsten Jisraéls der Fall, denn es heißt: schreie und wehklage, o Menschensohn, denn es geht gegen mein Volk, und hierzu wird gelehrt: Schreie und wehklage, o Menschensohn; man könnte glauben, über alle, so heißt es: es geht gegen alle Fürsten Jisraéls.
12R. Joḥanan und R. Elea͑zar sagten beide: Die Sünden der Ersteren wurden bekannt gegeben, so wurde auch das Ende [ihrer Verbannung] bekannt gegeben, die Sünden der Späteren wurden nicht bekannt gegeben, so wurde das Ende [ihrer Verbannung] nicht bekannt gegeben.
13R. Joḥanan sagte: bedeutender ist ein Fingernagel der Ersteren als der Leib der Späteren. Reš Laqiš sprach zu ihm: Im Gegenteil, die Späteren sind ja bedeutender, denn trotz der Knechtung der Regierungen befassen sie sich mit der Tora!? Dieser erwiderte: Der Tempel beweist es: er kehrte zu den Ersten zurück, nicht aber zu den Späteren.
14Man fragte R. Elea͑zar: Sind die Ersteren bedeutender oder die Späteren? Dieser erwiderte: Richtet eure Augen auf den Tempel. Manche sagen, er habe erwidert: Der Tempel ist euer Zeuge.
15Einst badete Reš Laqiš im Jarden, und als Rabba b.Bar Ḥana herankam und ihm die Hand reichte, sprach er: Bei Gott, ich hasse euch. Es heißt: ist sie eine Mauer, so errichten wir auf ihr einen silbernen Mauerkranz; und ist sie eine Tür, so verwahren wir sie in einer zedernen Bohle; würdet ihr euch wie eine Mauer zusammengetan haben und alle zur Zeit E͑zras mit heraufgekommen sein, so würdet ihr dem Silber geglichen haben, über das Fäulnis keine Gewalt hat, nun aber ihr gleich einer Türheraufgekommen seid, gleicht ihr der Zeder, über die Fäulnis Gewalt hat. —
16Was heißt: [gleich der] Zeder? U͑la erwiderte: Wurmstichig. Was heißt: wurmstichig? R. Aba erwiderte: Hinsichtlich der [göttlichen] Hallstimme. Es wird nämlich gelehrt: Mit dem Tode der letzten Propheten, Ḥaggaj, Zekharja und Maleakhi, wich der heilige Geist von Jisraél und man bediente sich nur der Hallstimme. —
17Kann Reš Laqiš denn Rabba b. Bar Ḥana angeredet haben, wenn er sogar R. Elea͑zar, der Ortsoberhaupt im Jisraellande war, nicht anredete, denn dem, den Reš Laqiš auf der Straße anredete, vertraute man ein Geschäft ohne Zeugen, wie sollte er Raba b. Bar Ḥana angeredet haben?
18R. Papa erwiderte: Man setze einen anderen zwischen beide: entweder waren es Reš Laqiš und Zee͑ri, oder Rabba b. Bar Ḥana und R. Elea͑zar. Als [Reš Laqiš] zu R. Joḥanan kam, sprach dieser zu ihm: Nicht dies ist der Grund; wären sie auch zur Zeit E͑zras alle mitgekommen, würde die Göttlichkeit im zweiten Tempel nicht geweilt haben, denn es heißt: Schönheit schaffe Gott für Jephet und er wohne in den Zelten Šems;
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.