Keritot — Blatt 2b

1GEMARA. Wozu ist die Zahlnötig? R. Joḥanan erwiderte: Daß man, wenn man sie alle bei einem Entfallen begangen hat, wegen jedes besonders schuldig ist. –

2Ferner haben wir gelernt: Die Hauptarbeiten sind vierzig weniger eine. Wozu ist die Zahl nötig? – Daß man, wenn man sie alle bei einem Entfallen verrichtet hat, wegen jeder besonders schuldig ist. –

3Ferner haben wir gelernt: Vier sind es, denen die Sühne noch fehlt. Wozu ist die Zahl nötig? –

4Dies schließt die Ansicht des R. Elie͑zer b. Ja͑qob aus, welcher sagt, es seien fünf. Es wird nämlich gelehrt: R. Elie͑zer b. Ja͑qob sagt, ein Proselyt, dem die Sühne noch fehlt, erst wenn für ihn das Blutgesprengt worden ist.

5Deshalb lehrt er vier. – Ferner haben wir gelernt: Vier bringen [ein Opfer] dar bei Vorsätzlichkeit wie bei Unvorsätzlichkeit. Wozu ist die Zahl nötig? –

6Dies schließt die Ansicht R. Šimo͑ns aus, denn es wird gelehrt: R. Šimo͑n sagt, beim Schwure wegen eines Depositums gebe es bei Vorsatz keine Sühne. Daher lehrt er vier. –

7Ferner haben wir gelernt: Fünf bringen ein Opfer wegen mehrerer Sünden dar. Wozu ist die Zahl nötig? –

8Weil er weiter lehren will: wenn ein Naziräer sich wiederholt verunreinigt hat. Dies kommt in dem Falle vor, wenn er sich am siebenten [Tage] verunreinigt und sich abermals am siebenten verunreinigt hat, und zwar nach R. Jose b. R. Jehuda, welcher sagt, das Nazirat der Reinheit beginne schon am siebenten, denn in welchem Falle kann dies vorkommen

9nach Rabbi, nach dem das Nazirat der Reinheit erst am achten beginnt:

10hat er sich am siebenten verunreinigt und sich abermals am siebenten verunreinigt, so ist es ja zusammen nur eine lange Verunreinigung,

11und hat er sich am achten verunreinigt und sich abermals am achten verunreinigt, so müßte er ja, da die Zeit, in der das Opfer darzubringenwar, vorüber ist, wegen jeder [Verunreinigung] besonders schuldig sein. Vielmehr ist hieraus zu entnehmen, daß hier die Ansicht des R. Jose b. R. Jehuda vertreten ist.–

12Was ist dies für ein Streit zwischen Rabbi und R. Jose b. R. Jehuda? – Es wird gelehrt:Und er heilige sein Haupt an diesem Tage, am Tage der Darbringung seines Opfers – so Rabbi. R. Jose b. R. Jehuda sagt, am Tage seiner Haarschur. –

13Ferner haben wir gelernt: Fünf haben ein auf- und absteigendes Opfer darzubringen. Wozu ist die Zahl nötig!? –

14Da er im Schlußsatze lehren will: gleich ihnen auch der Fürst, daher lehrt er fünf. Dies schließt die Ansicht R. Elie͑zers aus, welcher sagt, der Fürst bringe einen Ziegenbock dar. –

15Ferner haben wir gelernt: Es gibt vier Hauptartenvon Schädigungen. Wozu ist die Zahl nötig? –

16Dies schließt [die Lehre] R. Oša͑jas aus, welcher sagt, es gebe dreizehn Hauptarten von Schädigungen. – Wozu ist die Zahl nötig [in der Lehre] R. Oša͑jas? – Dies schließt [die Lehre] R. Ḥijas aus, welcher sagt, es gebe vierundzwanzig Hauptarten von Schädigungen. – Wozu ist die Zahl nötig [in die Lehre] R. Ḥijas? – Dies schließt die Denuntiationund die Verwerflichmachungaus.

17Der Meister sagte: Daß man, wenn man sie alle bei einem Entfallen begangen hat, wegen jeder besonders schuldig ist.

18Allerdings kannst du nicht sagen, man sei gänzlich frei, denn es heißt:denn wer etwas von diesen Gräueln tut, soll ausgerottet werden, aber vielleicht ist man, wenn man eines begangen hat, einmal schuldig, und wenn man bei einem Entfallen alle begangen hat, ebenfalls nur einmal schuldig!?

19R. Joḥanan erwiderte: Deshalb ist die Ausrottung wegen [der Beiwohnung] seiner Schwesterzur Teilung hervorgehoben worden.

20R. Bebaj b. Abajje wandte ein: Vielleicht ist man wegen seiner Schwester, die die Schrift besonders hervorgehoben hat, besonders schuldig, und wegen aller anderen zusammen, da es bei einem Entfallen erfolgt ist, nur einmal schuldig!? –

21Hält denn R. Bebaj b. Abajje nichts von der folgenden Lehre!? Wenn etwas in der Gesamtheit einbegriffen war, und um etwas zu lehren aus der Gesamtheit herausgegriffen wurde, so bezieht sich die Lehre nicht nur auf dieses allein, sondern auf die ganze Gesamtheit.

22Zum Beispiel:Die Person, die Fleisch &c. ißt; das Heilsopfer war ja in der Gesamtheit der Opfereinbegriffen, weshalb ist es herausgegriffen worden?

23Um [alles] mit diesem zu vergleichen: wie das Heilsopfer Heiliges für den Altar ist, und man ist dessentwegen schuldig, ebenso ist man wegen jedes anderen für den Altar Geheiligten schuldig, ausgenommen ist das für den Tempelreparaturfonds Geheiligte. –

24R. Bebaj kann dir erwidern: Eben hieraus. Du sagst ja da, ausgenommen sei das für den Tempelreparaturfonds Geheiligte,

25ebenso auch hierbei: wie eine Schwester sich dadurch auszeichnet, daß sie inzestuös ist und es für sie bei Lebzeiten des sie verboten machenden kein Erlaubtwerdengibt, ebenso alles andere, wofür es bei Lebzeiten des verboten machenden kein Erlaubtwerden gibt, ausgenommen die Ehefrau, bei der es bei Lebzeiten des sie verboten machenden ein Erlaubtwerdengibt.

26R. Jona, manche sagen, R. Ḥona, Sohn des R. Jehošua͑, erwiderte: Die Schrift sagt: denn jeder, der etwas von diesen Gräueln tut &c.; alle Inzestuösen werden mit der Schwester verglichen: wie man wegen einer Schwester besonders schuldig ist, ebenso ist man wegen aller anderen besonders schuldig. –

27R. Jiçḥaq sagte ja aber, alle Fälle der Ausrottungwaren in der Allgemeinheit einbegriffen, und die Ausrottung wegen einer Schwester wurde deshalb herausgegriffen, daß dies mit der Ausrottung und nicht mit der Geißelung bestraft werde; woher entnimmt er nun die Teilung!? –

28Er entnimmt dies aus [den Worten]:du sollst einem Weibe während ihrer Sonderungsunreinheit nicht nahen; diesist teilend, wegen jedes Weibes besonders. –

29Sollten es auch die Rabbanan entnehmen aus [den Worten]: einem Weibe während ihrer Sonderungsunreinheit!? Dem ist auch so. – Worauf deutet nun die Herausgreifung der Ausrottung wegen seiner Schwester!? – Dies ist zur Teilung erforderlich; wegen seiner Schwester, wegen der Schwester seines Vaters und wegen der Schwester seiner Mutter. –

30Wozu sind diese zur Teilung erforderlich, es sind ja verschiedene Namenund verschiedene Körper!? – Sage vielmehr: zur Teilung, wegen seiner Schwester, die die Schwester seines Vaters und die Schwester seiner Mutterist. –

31Woher entnimmt dies R. Jiçḥaq!? – Er entnimmt dies aus [dem Worte] Schwester im Schlusse der Schriftstelle, denn es heißt: die Scham seiner Schwester hat er entblößt. –

32Wofür verwenden die Rabbanan [das Wort] Schwester im Schlusse der Schriftstelle!? –

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.