Ketubbot — Blatt 77b

1bei jenen lasse man sie, wenn sie sagt, sie wolle bei ihm bleiben, bei diesem aber lasse man sie nicht, auch wenn sie sagt, sie wolle bei ihmbleiben. – Aber er lehrt ja vom Grindbehafteten, und wenn sie sagt, sie wolle bei ihm bleiben, läßt man sie nicht, denn wir haben gelernt: ausgenommen den Grindbehafteten, weil sie ihn abzehrt!? – Bei diesem läßt man sie,

2wenn sie sagt, sie wolle bei ihm unter Zeugen[aufsicht]bleiben, bei jenem aber nicht, auch wenn sie sagt, sie wolle bei ihm unter Zeugen[aufsicht] bleiben.

3Es wird gelehrt: R. Jose sagte: Ein Greis von den Bürgern Jerušalems sagte mir, es gebe vierundzwanzig [Arten von] Grindbehafteten; von allen sagten die Weisen, die Beiwohnung sei ihnen schädlich, am schlimmsten unter ihnen dem Ausflußbehafteten. – Wovon kommt dies? – Es wird gelehrt: Wenn jemand sich zur Ader gelassen und darauf den Beischlaf vollzogen hat, so bekommt er hektische Kinder; wenn beide sich zur Ader gelassen und darauf den Beischlaf vollzogen haben, so bekommen sie mit Ausfluß behaftete Kinder. R. Papa sagte: Dies nur, wenn er inzwischen nichts genossen hat, wenn er aber inzwischen etwas genossen hat, ist nichts dabei. –

4Was sind die Kennzeichen eines solchen? – Seine Augen triefen, seine Nasenlöcher schleimen, Speichel fließt ihm aus dem Munde und Fliegen umschwirren ihn. – Welches Heilmittel gibt es dagegen? Abajje erwiderte: Man koche Polei, Ladanum, Nußbaumrinde, Hautschabsel, Melotenkraut und rote Dattelkelche ein, führe ihn in ein Marmorhaus, und wenn kein Marmorhaus da ist, in ein siebeneinhalb Ziegel [starkes] Haus,

5und gieße ihm davon dreihundert Becher auf den Kopf, bis seine Hirnschale weich wird; hierauf öffne man ihm das Gehirn, hole vier Myrtenblätter und lege sie ihmunter die Füße, die man einzelnhochhebe, sodann fasse man es mit einer Zange und verbrenne es, denn sonst kehrt es zu ihm zurück.

6R. Joḥanan ließ bekannt machen: Hütet euch vor den Fliegen der Ausflußbehafteten. R. Zera saß nicht im Luft[kreise] eines solchen. R. Elea͑zar trat nicht in das Zelt eines solchen. R. Ami und R. Asi aßen keine Eier aus dem Gehöfte eines solchen. R. Jehošua͑ b. Levi dagegen schmiegte sich an solche und befaßte sich mit dem Studium der Tora, indem er sagte: [Es heißt:]eine Gazelle der Liebe und eine Gemse der Anmut; wenn [die Tora] denen, die sich mit ihr befassen, Anmut verleiht, wie sollte sie sie nicht schützen!?

7Als er sterben sollte und man zum Todesengel sagte, daß er gehe und an ihm seinen Willen tue, ging er hin und zeigte sich ihm. Da sprach er zu ihm: Zeige mir meinen Platz. Jener erwiderte: Gut. – Gib mir dein Messer, denn du könntest mich unterwegs ängstigen. Da gab er es ihm. Als er da anlangte, hob er ihn hoch und zeigte ihn ihm. Da sprang er nach der anderen Seitehinüber,

8jener aber erfaßte den Zipfel seines Gewandes. Da sprach er: Ich schwöre, daß ich nicht zurückkehre. Da sprach der Heilige, gepriesen sei er: Ließ er sich jemals einen Schwur auflösen, so kehre er zurück, wenn aber nicht, so braucht er nicht zurückzukehren. Hierauf sprach jener zu ihm: So gib mir mein Messer. Dieser gab es ihm aber nicht. Da ertönte eine Hallstimme und sprach zu ihm: Gib es ihm zurück, denn es ist für die Geschöpfe nötig. Alsdann ließ Elijahu vor ihm ausrufen: Macht Platz für den Sohn Levajs, macht Platz für den Sohn Levajs!

9Als er weiter ging, traf er R. Šimo͑n b. Joḥaj auf dreizehn Polstern aus Feingold sitzen, und dieser fragte ihn: Bist du der Sohn Levajs? Er erwiderte: Jawohl. – Ist in deinen Tagen ein Regenbogen gesehen worden? Er erwiderte: Allerdings. – Wenn dem so ist, so bist du nichtder Sohn Levajs. Dem war aber nicht so; tatsächlich war keiner gesehen worden, nur wollte er sich dies nicht zugute halten.

10R. Ḥanina b. Papa war seinVertrauter, und als er sterben sollte und man zum Todesengel sagte, daß er gehe und an ihm seinen Willen tue, ging er zu ihm und zeigte sich ihm. Da sprach er zu ihm: Gewähre mir dreißig Tage, um mein Studium zu wiederholen, denn sie sagten: heil dem, der mit seinem Studium in der Hand herkommt. Jener gewährte sie ihm. Als jener nach dreißig Tagen wiederum zu ihm kam und sich ihm zeigte, sprach er zu ihm: Zeige mir meinen Platz. Jener erwiderte: Gut. Hierauf sprach er zu ihm: Gib mir dein Messer, denn du könntest mich unterwegs ängstigen. Jener aber erwiderte: Du willst wohl mit mir ebenso verfahren wie dein Genosse!

11Da sprach er zu ihm: Hole das Torabuch und sieh, ob sich darin etwas findet, das ich nicht gehalten hätte. Jener sprach: Hast du dich etwa Ausflußbehafteten angeschmiegt und dich mit der Torabefaßt? Dennoch trennte, als seine Seele zur Ruhe einkehrte, eine Feuersäule zwischen ihm und der übrigen Welt, und es ist uns überliefert, daß eine derartige Trennung durch eine Feuersäule nur bei dem erfolgt, der einzig ist in seinem Zeitalter oder nur noch einen zweiten hat.

12Hierauf trat R. Alexandri zu ihm heran und sprach: Tu diesum der Weisen Ehre willen. Er achtete aber nicht darauf. – Tu dies um deines Vaterhauses Ehre willen. Er achtete aber nicht darauf. – Tu dies um deiner Ehrewillen. Da verschied er. Abajje sagte: Sie schließt den aus, der auch nur einen Buchstaben nicht gehalten hat. R. Ada b. Mathna sprach zu ihm: Sie scheidet auch den Meister aus, der kein Geländer an seinem Dachehat. Dem war aber nicht so; er hatte eines, nur hatte in jener Stunde der Wind es niedergerissen.

13R. Ḥanina sagte: In Babylonien sind deshalb keine Ausflußbehafteten vorhanden, weil man da Mangold ißt und Met aus Dornen[hopfen] trinkt. R. Joḥanan sagte: In Babylonien sind deshalb keine Aussätzigen vorhanden, weil man da Mangold ißt, Met trinkt und im Gewässer des Euphrat badet.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.