Kidduschin — Blatt 30b
1sprich zur Weisheit: du bist meine Schwester &c. Ferner heißt es: binde sie an deine Finger, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens. Ferner heißt es: wie die Pfeile in des Helden Hand, so die Söhne der Jugend. Ferner heißt es: die Pfeile des Helden sind geschärft. Ferner heißt es: deine Pfeile sind geschärft, Völker fallen unter dir. Ferner heißt es: heil dem Manne, der mit ihnen seinen Köcher gefüllt hat; sie werden nicht zu Schanden, wenn sie mit den Feinden am Tore reden. –
2Was heißt: mit den Feinden am Tore? R. Ḥija b. Abba erwiderte: Selbst Vater und Sohn, Lehrer und Schüler werden Feinde, wenn sie sich mit der Tora am Tore befassen, doch weichen sie nicht von da, bis sie Freunde werden, denn es heißt vaheb [Freundschaft] in Supha, und man lese nicht supha, sondern sopha [am Ende].
3Die Rabbanan lehrten: Es heißt: vesamtem, [legt sie], und man lese: sam tam [vollkommene Mixtur], denn die Tora wird mit einer Mixtur des Lebens verglichen. Gleich einem Menschen, der, nachdem er seinem Sohne einen starken Schlag versetzt hat, ihm ein Pflaster auf die Wunde legt und zu ihm spricht: Mein Sohn, solange das Pflaster auf deiner Wunde ist, iß, was dir schmeckt, trink, was dir schmeckt, bade warm und kalt, und du brauchst nichts zu fürchten; wenn du es aber entfernst, so wächst wildes Fleisch hervor.
4Ebenso sprach der Heilige, gepriesen sei er, zu Jisraél: Meine Kinder, ich habe den bösen Trieb erschaffen, und ich habe die Tora als Mittel gegen ihn erschaffen; wenn ihr euch mit der Tora befasset, so werdet ihr nicht in seine Hand ausgeliefert, wie es heißt: wenn du gut handelst, wirst du dich erheben,
5und wenn ihr euch mit der Tora nicht befasset, so werdet ihr in seine Hand ausgeliefert, wie es heißt: an der Tür lauert die Sünde. Und nicht nur das, sogar seine ganze Beschäftigung ist nur mit dir, wie es heißt: nach dir ist sein Verlangen. Wenn du aber willst, kannst du über ihn herrschen, wie es heißt: du wirst über ihn herrschen.
6Die Rabbanan lehrten: Unerträglich ist der böse Trieb, daß sogar sein Schöpfer ihn böse nennt, denn es heißt: denn böse ist der Trieb des Menschenherzens von Jugend auf. R. Jiçḥaq sagte: Der böse Trieb des Menschen erneuert sich tagtäglich gegen ihn, denn es heißt: nur schlecht den ganzen Tag.
7Ferner sagte R. Jehošua͑ b. Levi: Der böse Trieb des Menschen übermächtigt sich seiner tagtäglich gegen ihn und trachtet ihn zu töten, denn es heißt: der Frevler lauert auf den Gerechten und trachtet ihn zu töten, und wenn der Heilige, gepriesen sei er, ihm nicht beistehen würde, könnte er sich seiner nicht erwehren, denn es heißt: der Herr läßt ihn nicht in seine Hand geraten.
8In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Mein Sohn, begegnet dir dieses Scheusal, so schleppe ihn ins Lehrhaus mit; ist er Stein, so wird er zerrieben, ist er Eisen, so wird er zersplittert, denn es heißt: so sind meine Worte wie Feuer, Spruch des Herrn, wie der Hammer Felsen zersplittert. Ist er Stein, so wird er zerrieben, denn es heißt: auf, ihr Durstigen alle, kommt zum Wasser, und ferner heißt es: wie Wasser Steine zerreibt.
9«Zu verheiraten.» Woher dies? – Es heißt: nehmet Weiber und zeuget Söhne und Töchter, und nehmet Weiber für eure Söhne und eure Töchter gebt Männern. –
10Allerdings liegt es hinsichtlich seines Sohnes in seiner Hand, aber liegt es denn hinsichtlich seiner Tochter in seiner Hand!? – Er meint es wie folgt: man gebe ihr etwas mit und kleide sie und hülle sie, damit Leute sich um sie bewerben.
11«Ein Handwerk zu lehren.» Woher dies? Ḥizqija erwiderte: Die Schrift sagt: genieße das Leben mit dem Weibe, das du liebst; ist darunter ein wirkliches Weib zu verstehen, so ist er, wie er ihn zu verheiraten verpflichtet ist, ebenso verpflichtet, ihn ein Handwerk zu lehren, und ist darunter die Tora zu verstehen, so ist er, wie er ihn die Tora zu lehren verpflichtet ist, ebenso verpflichtet, ihn ein Handwerk zu lehren.
12«Manche sagen, auch das Schwimmen.» Aus welchem Grunde? – Zu seiner Lebensrettung.
13«R. Jehuda sagt: Wer ihn kein Handwerk lehrt, lehrt ihn plündern. – Plündern, wie kommst du darauf!? – Es ist vielmehr ebenso, als würde er ihn plündern lehren.» –
14Welchen Unterschied gibt es zwischen ihnen? – Wenn er ihn Handel gelehrt hat.
15ZU ALLEN GEBOTEN DES VATERS FÜR DEN SOHN &C. Was heißt: zu allen Geboten des Vaters für den Sohn; wollte man sagen, alle Gebote, die der Vater für seinen Sohn auszuüben verpflichtet ist, wieso sind demnach Frauen verpflichtet, es wird ja gelehrt, der Vater sei seinem Sohne verpflichtet, ihn zu beschneiden und auszulösen; nur der Vater und nicht die Mutter!?
16R. Jehuda erwiderte: Er meint es wie folgt: zu allen Geboten des Vaters, die dem Sohne seinem Vater gegenüber obliegen, sind sowohl Männer als auch Frauen verpflichtet. Unsere Mišna lehrt das, was die Rabbanan lehrten: Mann, ich weiß dies nur vom Manne, woher dies von der Frau? Wenn es heißt: sollt ihr fürchten, so sind darunter beide zu verstehen.
17Weshalb heißt es demnach Mann? Ein Mann ist in der Ausführung unbehindert, eine Frau ist in der Ausführung nicht unbehindert, weil sie anderen unterworfen ist. R. Idi b. Abin sagte im Namen Rabhs: Ist sie geschieden, so sind beide gleich.
18Die Rabbanan lehrten: Es heißt: ehre deinen Vater und deine Mutter, und es heißt: ehre den Herrn mit deinem Gute; die Schrift hat somit die Ehrung von Vater und Mutter mit der Ehrung Gottes verglichen.
19Es heißt: jeder Mann, Mutter und Vater sollt ihr fürchten, und es heißt: den Herrn, deinen Gott, sollst du fürchten und ihm sollst du dienen; die Schrift hat somit die Furcht vor Vater und Mutter mit der Furcht vor Gott verglichen.
20Es heißt: wer Vater und Mutter flucht, soll getötet werden, und es heißt: jeder, der seinem Gotte flucht, trage seine Sünde; die Schrift hat somit das Fluchen von Vater und Mutter mit dem Fluchen Gottes verglichen. Hinsichtlich des Schlagens aber ist [ein Vergleich] entschieden nicht möglich.
21Dies ist auch erklärlich, denn sie alle drei sind an ihm beteiligt. Die Rabbanan lehrten: Drei Teilhaber sind am Menschen [beteiligt]: der Heilige, gepriesen sei er, sein Vater und seine Mutter. Wenn der Mensch seinen Vater und seine Mutter ehrt, spricht der Heilige, gepriesen sei er: ich rechne es ihnen an, als würde ich unter ihnen gewohnt und sie mich geehrt haben.
22Es wird gelehrt: Rabbi sagte: Offenbar und bekannt ist es dem, der gesprochen hat und die Welt geworden, daß der Sohn seine Mutter mehr ehrt als seinen Vater, weil sie ihn mit Worten kost, daher hat der Heilige, gepriesen sei er, die Ehrung des Vaters der Ehrung der Mutter vorangesetzt.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.