Kidduschin — Blatt 32a

1R. Jehuda sagt, aus des Sohnes, R. Nathan b.Oša͑ja sagt, aus des Vaters. Die Rabbanan entschieden dem R. Jirmeja, und manche sagen, dem Sohne R. Jirmejas, nach der Ansicht dessen, welcher sagt, aus des Vaters.

2Man wandte ein: Es heißt: ehre deinen Vater und deine Mutter, und es heißt: ehre den Herrn mit deinem Gute; wie dies mit Geldverlust, ebenso auch jenes mit Geldverlust. Welchen Verlust hat er dadurch, wenn man aus des Vaters sagt!? – Die Arbeitsversäumnis. –

3Komm und höre: Zwei Brüder, zwei Gesellschafter, Vater und Sohn oder Lehrer und Schüler dürfen für einander den zweiten Zehnten auslösen und an einander den Armenzehnten entrichten.

4Wenn man nun aus des Sohnes sagt, so ergibt es sich ja, daß er seine Schuld mit dem [Gute] der Armen bezahlt!? – Dies gilt vom Überschusse. –

5Wieso wird demnach hierzu gelehrt: R. Jehuda sagte, Fluch komme über den, der seinen Vater mit dem Armenzehnten ernährt; wenn den Überschuß, so ist ja nichts dabei!? – Dies ist dennoch entwürdigend. –

6Komm und höre: Man fragte R. Elie͑zer, wie weit die Ehrung von Vater und Mutter zu reichen habe, und er erwiderte: Soweit, daß, wenn dieser vor ihm einen Geldbeutel ins Meer wirft, er ihn nicht beschäme. Was verliert er dabei, wenn man aus des Vaters sagt!? – Wenn er Anwartschaft hat, ihn zu beerben.

7So zerriß einst Rabba b. R. Hona Seidengewand er in Gegenwart seines Sohnes Rabba, indem er sagte: ich will sehen, ob er zornig werden wird oder nicht. – Er übertrat ja, da dieser zornig werden könnte, [das Verbot]: du sollst vor einem Blinden keinen Anstoß legen!? – Er hatte auf seine Ehrung verzichtet. –

8Er übertrat ja [das Verbot]: du sollst nicht verderben!? – Er tat dies an den Nähten. – Vielleicht ward er deshalb nicht zornig!? – Er tat es während seines Zornes.

9R. Jeḥezqel lehrte seinen Sohn Rami: Wenn zu Verbrennende unter zu Steinigende, so werden alle, wie R. Šimo͑n sagt, durch Steinigung hingerichtet, weil die Verbrennung eine schwerere [Todesart] ist.

10Da sprach sein Sohn R. Jehuda zu ihm: Vater, lehre nicht so; dies brauchte ja nicht mit der Schwere der Verbrennung begründet zu werden, es sollte schon aus dem Grunde erfolgen, weil die meisten zu Steinigende sind. Lehre vielmehr wie folgt: wenn zu Steinigende unter zu Verbrennende. –

11Wie ist demnach der Schlußsatz zu erklären: die Weisen sagen, sie seien durch Verbrennung hinzurichten, weil die Steinigung eine schwerere [Todesart] ist. Dies braucht ja nicht mit der Schwere der Steinigung begründet zu werden, es sollte schon aus dem Grunde erfolgen, weil die meisten zu Verbrennende sind!?

12Jener erwiderte: Dies entgegneten die Rabbanan dem R.Šimo͑n: du sagst, die Verbrennung sei eine schwere [Todesart]; nein, die Steinigung ist eine schwerere.

13Da sprach Šemuéls zu R. Jehuda: Scharfsinniger, sprich nicht so zu deinem Vater, denn es wird gelehrt: Wenn sein Vater Worte der Tora übertreten hat, so sage er zu ihm nicht: Vater, du hast Worte der Tora übertreten, vielmehr sage er zu ihm: Vater, in der Tora aber heißt es so. – [Auch wenn er sagt:] in der Tora aber heißt es so, kränkt er ihn ja!? – Vielmehr, er sage zu ihm: in der Tora befindet sich folgender Schriftvers.

14Elea͑zar b. Mathja sagte: Wenn mein Vater [zu mir] sagt, daß ich ihm Wasser zum Trinken reiche, und ich ein Gebot auszuüben habe, so lasse ich die Ehrung des Vaters und übe das Gebot aus, denn ich und mein Vater sind zur Ausübung des Gebotes verpflichtet. Isi b. Jehuda sagte: Wenn das Gebot durch andere ausgeübt werden kann, so mag es durch andere ausgeübt werden, und er begebe sich zur Ehrung seines Vaters. R. Mathna sagte: Die Halakha ist wie Isi b. Jehuda.

15R. Jiçḥaq b. Šila sagte im Namen R. Mathnas im Namen R. Ḥisdas: Wenn ein Vater auf seine Ehrung verzichtet, so ist sein Verzicht gültig, wenn aber ein Lehrer auf seine Ehrung verzichtet, so ist sein Verzicht nicht gültig.

16R. Joseph aber sagte, auch wenn ein Lehrer auf seine Ehrung verzichtet, sei sein Verzicht gültig, denn es heißt: und der Herr ging vor ihnen am Tage. Raba sprach: Es ist ja nicht gleich; allerdings konnte der Heilige, gepriesen sei er, da die Welt sein ist und die Tora sein ist, auf seine Ehrung verzichten,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.