Kidduschin — Blatt 32b

1aber ist denn hierbei die Tora sein!? Später sagte Raba: Freilich ist die Tora sein, denn es heißt: und über seine Lehre sinnt er Tag und Nacht. –

2Dem ist ja aber nicht so, als Raba bei der Hochzeit seines Sohnes einschenkte und R. Papa und R. Hona einen Becher reichte, und sie vor ihm aufstanden, und R. Mari und R. Pinḥas, dem Sohne R. Ḥisdas, und sie vor ihm nicht aufstanden, nahm er es übel und sprach: Sind etwa diese Gelehrte und jene keine Gelehrten!?

3Und als R. Papa bei der Hochzeit seines Sohnes Abba Mar einschenkte und R. Jiçḥaq, dem Sohne R. Jehudas, einen Becher reichte, und dieser vor ihm nicht aufstand, nahm er es übel!? – Immerhin sollten sie ihm Achtung erwiesen haben.

4R. Aši sagte: Selbst nach demjenigen, welcher sagt, wenn ein Lehrer auf seine Ehrung verzichtet, sei der Verzicht gültig, ist, wenn der Fürst auf seine Ehrung verzichtet, sein Verzicht nicht gültig. Man wandte ein: Einst waren R. Elie͑zer, R. Jehošua͑ und R. Çadoq beim Hochzeitsmahle des Sohnes R. Gamliéls, und R. Gamliél stand vor ihnen und schenkte ein. Er reichte R. Elie͑zer einen Becher, und dieser nahm ihn nicht, er reichte ihn R. Jehošua͑, und dieser nahm ihn wohl. Da sprach R. Elie͑zer zu ihm: Was soll dies, Jehošua͑, wir sitzen und lassen Gamliél Berabbi vor uns stehen und einschenken!?

5Dieser erwiderte: Wir finden einen, der größer war als er, und andere bediente. Abraham war größer als er, und er bediente andere. Abraham war der größte des Zeitalters, und von ihm heißt es: er stand vor ihnen. Vielleicht glaubst du, sie erschienen ihm als Dienstengel, so ist dem nicht so, sie erschienen ihm als Araber. Weshalb soll nun R. Gamliél nicht vor uns stehen und uns einschenken!?

6Hierauf sprach R. Çadoq zu ihnen: Wie lange noch wollt ihr die Ehre Gottes lassen und euch mit der Ehre von Menschen befassen. Der Heilige, gepriesen sei er, läßt Winde wehen, Wolken aufsteigen, Regen fallen, die Erde sprossen und richtet jedem eine Tafel her; weshalb soll nun Gamliél Berabbi nicht vor uns stehen und einschenken. –

7Vielmehr, ist dies gelehrt worden, so wird es wie folgt lauten: R. Aši sagte: Selbst nach demjenigen, welcher sagt, wenn ein Fürst auf seine Ehrung verzichtet, sei der Verzicht gültig, ist, wenn ein König auf seine Ehrung verzichtet, der Verzicht nicht gültig, denn es heißt: du sollst einen König über dich setzen, daß du Ehrfurcht vor ihm hast.

8Die Rabbanan lehrten: Vor einem Greise sollst du aufstehen; man könnte glauben, auch vor einem lasterhaften Alten, so heißt es: Alten, und unter Alten ist ein Gelehrter zu verstehen, denn es heißt: versammle mir siebzig Männer von den Ältesten Jisraéls. R. Jose der Galiläer sagte: Unter Alten ist einer zu verstehen, der Weisheit erworben hat, denn es heißt: der Herr hat mich erworben als Anfang seines Weges.

9Man könnte glauben, man stehe vor ihm schon aus weiter Ferne auf, so heißt es: du sollst aufstehen und ehren; ich habe das Aufstehen nur dann geboten, wenn eine Ehrung erfolgt.

10Man könnte glauben, man ehre ihn mit seinem Gelde, so heißt es: sollst du aufstehen und ehren; wie das Aufstehen ohne Geldverlust erfolgt, ebenso auch die Ehrung ohne Geldverlust. Man könnte glauben, man stehe vor ihm auch im Aborte oder im Badehause auf, so heißt es: sollst du aufstehen und ehren, ich habe das Aufstehen nur dann geboten, wenn eine Ehrung erfolgt.

11Man könnte glauben, man dürfe die Augen schließen, als hätte man ihn nicht gesehen, so heißt es: sollst du aufstehen, und sollst fürchten; dies ist eine Sache, die dem Herzen anvertraut ist, daher heißt es: du sollst vor deinem Gott fürchten.

12R. Šimo͑n b. Elea͑zar sagte: Woher, daß der Alte andere nicht belästigen dürfe? Es heißt: Alien, sollst fürchten. Isi b. Jehuda sagte: Vor einem Greise sollst du aufstehen, darin ist jeder Greis einbegriffen. –

13R. Jose der Galiläer sagt ja dasselbe, was der erste Autor!? – Ein Unterschied besteht zwischen ihnen bei einem Jungen und Gelehrten. Der erste Autor ist der Ansicht, nicht vor einem Jungen und Gelehrten, und R. Jose der Galiläer ist der Ansicht, auch vor einem Jungen und Gelehrten. –

14Was ist der Grund R. Jose des Galiläers? – Er kann dir erwidern: wenn man so sagt, wie der erste Autor, so sollte doch der Allbarmherzige geschrieben haben: vor einem Greise, einem Alten sollst du aufstehen und ehren, wenn er es aber teilt, so besagt dies, daß der eine nicht mit dem anderen identisch sei; somit ist hieraus zu entnehmen, daß dies auch von einem Jungen und Gelehrten gilt. –

15Und der erste Autor!? – Weil er [das Wort] Alten neben fürchten setzen will. – Was ist der Grund des ersten Autors? – Wenn man so sagt, wie R. Jose der Galiläer, so sollte doch der Allbarmherzige geschrieben haben:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.