Kidduschin — Blatt 50a

1Soll er es darbringen, dies lehrt, daß man ihn dazu zwinge; man könnte glauben, durch Gewalt, so heißt es: nach seinem Wunsche.

2Man nötige ihn, bis er sagt, er wolle es. Wieso dies, in seinem Herzen wünscht er dies ja nicht!? Wahrscheinlich sagen wir, im Herzen [gedachte] Worte gelten nicht als Worte. — Vielleicht ist es da anders, denn wir sind Zeugen, daß ihm die Sühne erwünscht ist!? —

3Vielmehr, aus dem Schlußsatze: Ebenso auch bei der Scheidung und der Freilassung von Sklaven: man nötige ihn, bis er sagt, er wolle es. Wieso denn, im Herzen wünscht er es ja nicht!? Wahrscheinlich sagen wir, im Herzen [gedachte] Worte gelten nicht als Worte. — Vielleicht ist es da anders, weil es Gebot ist, auf die Worte der Weisen zu hören!?

4Vielmehr, erwiderte R. Joseph, aus folgendem: Wenn jemand sich eine Frau angetraut hat und [später] sagt, er habe geglaubt, sie sei Priesterin, und sie ist Levitin, Levitin, und sie ist Priesterin, arm, und sie ist reich, reich, und sie ist arm, so ist sie ihm angetraut, weil sie ihn nicht getäuscht hat. Weshalb denn, er glaubte ja!? Wahrscheinlich sagen wir, im Herzen [gedachte] Worte gelten nicht als Worte. Abajje sprach zu ihm: Vielleicht ist es da anders, indem es erschwerend erfolgt!?

5Vielmehr, sagte Abajje, aus folgendem: So ist sie in all diesen Fällen, selbst wenn sie sagt, sie habe im Herzen gedacht, ihm dennoch angetraut zu sein, ihm nicht angetraut. Weshalb denn, sie sagt ja, sie habe im Herzen gedacht!? — Vielleicht ist es da anders, denn er hat die Bedingung gestellt, und sie ist nicht befugt, die Bedingung aufzuheben.

6Viermehr, sagte R. Ḥija b. Abin, einst kam ein solcher Fall vor R. Ḥisda und R. Ḥisda wandte sich an die Schule R. Honas, und sie entschieden es aus folgendem: Wenn jemand zu seinem Beauftragten gesagt hat, daß er [Geld] aus der Luke oder aus der Tasche hole, und dieser geholt hat, so hat der Hausherr, obgleich er sagt, er habe im Herzen an jenes gedacht, da jener ihm von diesem geholt hat, die Veruntreuung begangen. Weshalb denn, er sagt ja, er habe im Herzen an jenes gedacht!? Wahrscheinlich sagen wir, im Herzen [gedachte] Worte gelten nicht als Worte. —

7Vielleicht ist es da anders, weil er sich von [der Darbringung] des Opfers befreien will!? —

8Er könnte sagen, er habe es vorsätzlich getan. — Niemand macht sich ja aber zum Frevler!? —

9Er könnte sagen, er habe sich erinnert, denn wir haben gelernt, wenn der Eigentümer sich erinnert hat und der Bote nicht, habe der Bote die Veruntreuung begangen.

10Einst verkaufte jemand seine Güter in der Absicht, nach dem Jisraéllande zu gehen. Er ging auch hin, blieb da aber nicht wohnen. Hierauf entschied Raba: Wer hingeht, will da auch wohnen bleiben, und dieser blieb da nicht wohnen. Manche lesen: In der Absicht hinzugehen, und er ging auch hin.

11Einst verkaufte jemand seine Güter in der Absicht, nach dem Jisraéllande zu gehen, und ging nicht hin. Da entschied R. Aši: Wenn er will, kann er hingehen. Manche lesen: Er kann, wenn er auch will, nicht hingehen. — Welchen Unterschied gibt es zwischen ihnen!? — Ein Unterschied besteht zwischen ihnen, wenn unterwegs ein Hindernis entstanden ist.

12WENN JEMAND ZU SEINEM BEAUFTRAGTEN GESAGT HAT: GEH, TRAUE MIR JENE FRAU IN JENEM ORTE AN, UND ER GEGANGEN IST UND SIE IHM IN EINEM ANDEREN ORTE ANGETRAUT HAT, SO IST SIE IHM NICHT ANGETRAUT; WENN ABER: SIE BEFINDET SICH IN JENEM ORTE, UND ER SIE IHM IN EINEM ANDEREN ORTE ANGETRAUT HAT, SO IST SIE IHM ANGETRAUT.

13GEMARA. Desgleichen haben wir auch von der Scheidung gelernt: Wenn jemand gesagt hat: gib meiner Frau diesen Scheidebrief in jenem Orte, und er ihn ihr in einem anderen Orte gegeben hat, so ist er ungültig; wenn aber: sie befindet sich in jenem Orte, und er ihn ihr in einem anderen Orte gegeben hat, so ist er gültig.

14Und beides ist nötig. Würde er es nur von der Antrauung gelehrt haben, so könnte man glauben, da er eine Verbindung wünscht, [so denkt er,] in diesem Orte sei man ihm freund und rede nichts über ihn, in jenem Orte sei man ihm feind, und man rede über ihn, bei der Scheidung aber, wobei er eine Trennung wünscht, sei es ihm gleichgültig.

15Und würde er es nur von der Scheidung gelehrt haben, so könnte man glauben, in diesem Orte wolle er sich der Beschämung aussetzen, in einem anderen Orte wolle er es nicht, bei der Antrauung aber sei es ihm gleichgültig. Daher ist beides nötig.

16WENN JEMAND SICH EINE FRAU ANGETRAUT HAT UNTER DER BEDINGUNG, DASS SIE KEINE GELÜBDE AUF SICH HAT, UND ES SICH HERAUSSTELLT, DASS SIE GELÜBDE AUF SICH HAT, SO IST SIE IHM NICHT ANGETRAUT. WENN ER SIE OHNE BEDINGUNG GENOMMEN, UND ES SICH HERAUSSTELLT, DASS SIE GELÜBDE AUF SICH HAT, SO IST SIE OHNE MORGENGABE ZU ENTLASSEN.

17WENN UNTER DER BEDINGUNG, DASS SIE KEINE LEIBESFEHLER HAT, UND ES SICH HERAUSSTELLT, DASS SIE LEIBESFEHLER HAT, SO IST SIE IHM NICHT ANGETRAUT. WENN ER SIE OHNE BEDINGUNG GENOMMEN, UND ES SICH HERAUSSTELLT, DASS SIE LEIBESFEHLER HAT, SO IST SIE OHNE MORGENGABE ZU ENTLASSEN. ALLE LEIBESFEHLER, DIE PRIESTER UNTAUGLICH MACHEN, MACHEN AUCH FRAUEN UNTAUGLICH.

18GEMARA. Dasselbe haben wir ja auch bei der Morgengabe gelernt!? — Hier ist dies hinsichtlich der Antrauung nötig, und wegen der Antrauung lehrt er es auch von der Morgengabe, dort ist dies hinsichtlich der Morgengabe nötig, und wegen der Morgengabe lehrt er es auch von der Antrauung.

19WENN JEMAND SICH ZWEI FRAUEN MIT DEM WERTE EINER PERUṬA ODER EINE FRAU MIT DEM WERTE UNTER EINER PERUṬA ANGETRAUT HAT, SO SIND SIE IHM, SELBST WENN ER IHNEN NACHHER BRAUTGESCHENKE GESCHICKT

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.