Moed Katan — Blatt 28b
1DIE FRAUEN DÜRFEN AM HALBFESTE EINEN TRAUERGESANG ANSTIMMEN, NICHT ABER SICH AN DIE BRUST SCHLAGEN; R. JIŠMA͑ÉL SAGT, DIE SICH NAHE DER BAHRE BEFINDEN, DÜRFEN SICH AN DIE BRUST SCHLAGEN.
2AN NEUMONDEN, AM ḤANUKAFESTE UND AM PURIMFESTE DÜRFEN SIE EINEN TRAUERGESANG ANSTIMMEN UND SICH AN DIE BRUST SCHLAGEN; ABER WEDER AN DIESEM NOCH AN JENEM DÜRFEN SIE EIN KLAGELIED ANSTIMMEN. IST DER TOTE BEGRABEN, SO DÜRFEN SIE WEDER EINEN TRAUERGESANG ANSTIMMEN NOCH SICH AN DIE BRUST SCHLAGEN.
3WAS HEISST TRAUERGESANG? WENN ALLE ZUSAMMEN ANSTIMMEN. KLAGELIED? WENN EINE ANSTIMMT UND DIE ÜBRIGEN EINSETZEN, WIE ES HEISST: und lehrt eure Töchter ein Wehgesang und eine die andere ein Klagelied.
4VON DER KOMMENDEN [ZEIT] ABER HEISST ES: vernichten wird er den Tod, für immer, und Gott, der Herr, wird die Tränen von jedem Angesichte wischen &c.
5GEMARA. Was sagen sie? Rabh erwiderte: Wehe um den Dahingeschiedenen, wehe um den Verlust.
6Raba sagte: Die Frauen in Šekançib sagen also: Wehe um den Dahingeschiedenen, wehe um den Verlust. Ferner sagte Raba: Die Frauen in Šekançib sagen: Ist nur ein Zahn aus dem Gebisse fort, so tue man Wasser in den Kochkessel.
7Ferner sagte Raba: Die Frauen in Šekançib sagen: Verhüllt und bedeckt euch, ihr Berge, denn er ist ein Sohn Hoher und Erhabener. Ferner sagte Raba: Die Frauen in Šekançib sagen: Entleiht ein Prachtkleid für den Freien, dessen Vorrat zuende ist.
8Ferner sagte Raba: Die Frauen in Šekançib sagen: Er lief und fiel auf der Brücke, und borgen muß er. Ferner sagte Raba: Die Frauen in Šekançib sagen: Unsere Brüder, die Kaufleute, werden an ihren Nestern untersucht. Ferner sagte Raba: Die Frauen in Šekançib sagen: Ein Tod ist wie der andere, schmerzhaft aber sind die Leiden.
9Es wird gelehrt: R. Meír sagte: Besser in ein Trauerhaus gehen &c. bis: und der Lebende nehme es sich zu Herzen, nämlich die Ereignisse beim Tode. Wer [andere] betrauert, wird betrauert, wer [andere] beerdigt, wird beerdigt, wer [andere] trägt, wird getragen, und wer [über andere die Stimme] erhebt, über den erhebt man sie.
10Manche sagen: Wer sie nicht erhebt, über den erheben sie andere, denn es heißt: denn es ist besser, daß man dir sage: Rücke herauf &c.
11Die Rabbanan lehrten: Als R. Jišma͑él seine Söhne starben, besuchten ihn die vier Greise, R. Tryphon, R. Jose der Galiläer, R. Elea͑zar b. A͑zarja und R. A͑qiba, um ihn zu trösten. Da sprach R. Tryphon zu ihnen: Wisset, daß er ein großer Gelehrter und in der Agada kundig ist; niemand von euch falle seinem Nächsten in die Rede. Da sprach R. A͑qiba: Ich [spreche] zuletzt.
12Alsdann begann R. Jišma͑él und sprach: Seine Sünden mehrten sich, die Trauerfälle stürzten sich über ihn, und er belästigte seine Lehrer einmal und zweimal.
13Hierauf begann R. Tryphon und sprach: Eure Brüder aber, das ganze Haus Jisraél, sollen den Brand beweinen. Nun ist [wie vom] Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn dies von Nadabh und Abihu gilt, die nur ein Gebot ausgeübt haben, wie es heißt: die Söhne Ahrons reichten ihm das Blut, um wieviel mehr von den Söhnen R. Jišma͑éls!
14Darauf begann R. Jose der Galiläer und sprach: Und ganz Jisraél soll ihn beklagen und begraben. Nun ist [wie vom] Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn dies von Abija, dem Sohne Jerobea͑ms, gilt, der nur eine gute Handlung ausgeübt hat, wie es heißt: weil an ihm etwas Gutes gefunden wurde, um wieviel mehr von den Söhnen R. Jišma͑éls! –
15Was war das für eine gute Handlung? – R. Zera und R. Ḥenana b. Papa [streiten hierüber]; einer sagt, er gab sein Amt auf und zog zur Wallfahrt hinauf, und einer sagt, er schaffte die Wachen ab, die sein Vater Jerobea͑m auf die Wege gesetzt hatte, damit die Jisraéliten nicht zur Wallfahrt gehen.
16Darauf begann R. Elea͑zar b. A͑zarja und sprach: In Frieden wirst du sterben und wie man über deine Väter, die früheren Könige, die vor dir waren, gebrannt hat, so wird man auch über dich brennen. Nun ist es [wie vom] Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn dies von Çidqijahu, dem Könige von Jehuda, gilt, der nur eine gute Handlung ausgeübt hat, indem er Jirmeja aus der Lehmgrube heraufholte, um wieviel mehr von den Söhnen R. Jišma͑éls!
17Darauf begann R. A͑qiba und sprach: An jenem Tage wird sich in Jerušalem Totenklage erheben, wie die Totenklage Hadadrimmons in der Ebene von Megiddo. (Hierzu sagte R. Joseph: Wenn nicht die Paraphrase dieses Verses, würde ich ihn nicht verstanden haben;
18[diese lautet:] An jenem Tage wird sich in Jerušalem Totenklage erheben, wie die Totenklage um Aháb, den Sohn O͑mris, den Hadadrimmon, Sohn Ṭabrimmons, erschlug, und wie die Totenklage um Jošija, den Sohn Amons, den Pareo͑ der Lahme in der Ebene von Megiddo erschlug.)
19Nun ist es [wie vom] Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn dies von Aháb, dem Könige von Jisraél, gilt, der nur eine gute Handlung ausgeübt hat, wie es heißt: aber der König stand auf dem Kriegsplatze, den Aramäern gegenüber, um wieviel mehr von den Söhnen R. Jišma͑éls!
20Raba sprach zu Rabba b. Mari: Es heißt von Çidqijahu: in Frieden wirst du sterben, und es heißt: und die Augen Çidqijahus ließ er blenden!? Dieser erwiderte: Folgendes sagte R. Joḥanan: Nebukhadneçar starb bei seinen Lebzeiten.
21Ferner sprach Raba zu Rabba b. Mari: Es heißt von Jošijahu: so will ich dich denn zu deinen Vätern versammeln, daß du in Frieden in deine Grabstätte eingebracht werdest, und es heißt: aber die Schützen schossen auf den König Jošijahu, worüber R. Jehuda im Namen Rabhs sagte, daß sie ihn wie ein Sieb [durchlöcherten]!?
22Dieser erwiderte: Folgendes sagte R. Joḥanan: in seinen Tagen wurde der Tempel nicht zerstört.
23R. Joḥanan sagte: Die Tröstenden dürfen nichts sagen, bevor der Leidtragende seinen Mund geöffnet hat, denn es heißt: alsdann öffnete Ijob seinen Mund, und darauf folgt: da antwortete Eliphaz aus Teman.
24R. Abahu sagte: Woher, daß der Leidtragende obenan sitze? Es heißt: ich wählte ihren Weg, saß da als Haupt, saß da wie ein König in der Heerschar, wie einer, der Trauernde tröstet. –
25‘Tröstet’ heißt ja andere trösten!? R. Naḥman b. Jiçḥaq erwiderte: Die Schreibweise ist jinaḥem.
26Mar Zuṭra entnimmt es hieraus: Es soll weichen der Klageschrei der Hingestreckten; der Klagende ist Fürst der Hingestreckten.
27R. Ḥama b. Ḥanina sagte: Woher, daß der Bräutigam obenan sitze? Es heißt: wie ein Bräutigam mit priesterlichem Schmucke geziert; wie der Priester obenan, ebenso der Bräutigam obenan. –
28Woher dies vom Priester selbst? – In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Du sollst ihn heilig halten, bei jeder heiligen Handlung; er beginne zuerst, er spreche [bei Tisch] den Segen zuerst, und er erhalte zuerst eine gute Portion.
29R. Ḥanina sagte: Die Trennung der Seele vom Körper ist so schwer,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.