Nasir — Blatt 34b
1DIE URSPRÜNGLICHE LEHRE LAUTETE: NUR WENN ER EIN VIERTEL[LOG] WEIN GETRUNKEN HAT. R. A͑QIBA SAGT, SELBST WENN ER NUR SEIN BROT IN WEIN EINTAUCHT, UND DARAN SOVIEL IST, DASS EIN OLIVEN-GROSSES QUANTUM VEREINIGT WERDEN KANN, SEI ER SCHULDIG . ER IST SCHULDIG WEGEN DES WEINES ALLEIN, WEGEN DER TRAUBEN ALLEIN, WEGEN DER KERNE ALLEIN UND WEGEN DER SCHLAUBEN ALLEIN. R. ELEA͑ZAR B. A͑ZARJA SAGT, ER SEI NUR DANN SCHULDIG, WENN ER ZWEI KERNE UND EINE SCHLAUBE GEGESSEN HAT.
2FOLGENDES IST UNTER ḤARÇANIM UND UNTER ZAGIM ZU VERSTEHEN. ḤARÇANIM IST DAS ÄUSSERE UND ZAGIM IST DAS INNERE – SO R. JEHUDA. R. JOSE SAGTE : DAMIT DU DICH NICHT IRRST : WIE BEI DER VIEHGLOCKE; DER ÄUSSERE TEIL HEISST ZOG UND DER INNERE HEISST I͑NBAL [KLÖPPEL].
3GEMARA. DREIERLEI IST DEM NAZIR VERBOTEN: DIE VERUNREINIGUNG &C. Nur das, was aus dem Weinstocke kommt, nicht aber der Weinstock selbst, somit vertritt unsere Mišna nicht die Ansicht R. Elie͑zers, denn es wird gelehrt : R. Elie͑zer sagt, auch Blätter und Stengel seien einbegriffen.
4Manche beziehen dies auf den Schlußsatz : Schuldig ist er nur dann, wenn er ein olivengroßes Quantum von den Trauben gegessen hat. Nur von den Trauben, nicht aber vom Weinstocke selbst, somit vertritt unsere Mišna nicht die Ansicht R. Elie͑zers, denn es wird gelehrt: R. Elie͑zer sagt, auch Blätter und Stengel seien einbegriffen. –
5Worin besteht ihr Streit? – R. Elie͑zer wendet hierbei [die Regel von der] Einschließung und Ausschließung an: von Wein und Rauschtrank enthalte er sich, ausschließend, von allem, was aus dem Weinstocke bereitet wird, einschließend,
6und wenn auf eine Ausschließung eine Einschließung folgt, so ist alles eingeschlossen; eingeschlossen ist somit alles, und ausgeschlossen sind die Ranken.
7Die Rabbanan aber wenden hierbei [die Regel von der] Generalisierung und Spezialisierung an: von Wein und Rauschtrank enthalte er sich, speziell, von allem, was aus dem Weinstocke bereitet wird, generell, weder Kerne noch Schlaube, wiederum speziell, und wenn auf eine Spezialisierung eine Generalisierung und wiederum eine Spezialisierung folgt, so richte man sich nach dem Speziellen; wie das Spezielle Frucht und Fruchtabfall ist, ebenso alles andere, was Frucht und Fruchtabfall ist.
8Demnach sollte doch, wie das Spezielle eine fertige Frucht ist, nur das [einbegriffen sein], was eine fertige Frucht ist!? Ich will dir sagen, wenn dem so wäre, so hätte ja die Schrift nichts Ungenanntes zurückgelassen ; frische und getrocknete Trauben werden genannt, Wein und Essig werden genannt. Es ist daher nicht nach der anderen Fassung, sondern nach der ersten Fassung auszulegen.
9Wozu heißt es: weder Kerne noch Schlaube, wo wir doch alles einschließen!? Um dir zu sagen, daß überall, wo auf eine Spezialisierung eine Generalisierung folgt, du diese nicht der Spezialisierung anschließen und dich nach dieser richten darfst,
10sondern die Generalisierung eine Hinzufügung zur Spezialisierung ist, es sei denn, daß die Schrift es ausdrücklich hervorhebt, wie sie dies beim Nazir hervorhebt.
11Der Meister sagte : Wie das Speziellgenannte Frucht und Fruchtabfall ist, ebenso alles andere, was Frucht und Fruchtabfall ist. Frucht sind die Trauben, was ist Fruchtabfall? – Essig. –
12Was ist alles andere, was Frucht ist? – Die unreifen Beeren. – Was ist alles andere, was Fruchtabfall ist? R. Kahana erwiderte : Dies schließt die wurmstichigenTrauben ein. Noch Schlaube. Rabina sagte: Dies schließt die dazwischen befindliche [Masse] ein.
13Der Meister sagte: Demnach sollte doch, wie das Spezielle eine fertige Frucht ist, nur das [einbegriffen sein,] was eine fertige Frucht ist!? Ich will dir sagen, wenn dem so wäre, so hätte ja die Schrift nichts Ungenanntes zurückgelassen; frische und getrocknete Trauben werden genannt, Wein und Essig werden genannt. Es ist daher nicht nach der anderen Fassung, sondern nach der ersten Fassung auszulegen. Wozu heißt es: weder Kerne noch Schlaube, wo wir doch alles einschließen!? Um dir zu sagen, daß überall, wo auf eine Spezialisierung eine Generalisierung folgt, du diese nicht der Spezialisierung anschließen und dich nach dieser richten darfst, sondern die Generalisierung eine Hinzufügung zur Spezialisierung ist, es sei denn, daß die Schrift es ausdrücklich hervorhebt,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.