Nedarim — Blatt 40a

1Mit R. Ḥelbo steht es schlimm; ist niemand da, der ihn besucht!? Er sprach dann zu ihnen: Hat es sich ja ereignet, daß einst einer der Schüler R. A͑qibas erkrankte, und da niemand der Weisen ihn besuchen ging, ging R. A͑qiba ihn besuchen, und da man ihn betraute und wartete, genas er. Da sprach er zu ihm: Meister, du hast mir das Leben erhalten. Hierauf ging R. A͑qiba hinaus und trug vor: Wenn jemand keinen Kranken besucht, so ist es ebenso, als würde er Blut vergießen.

2Als R. Dimi kam, sagte er: Wer den Kranken besucht, verursacht, daß er lebe, und wer den Kranken nicht besucht, verursacht, daß er sterbe. – Wieso verursacht: wollte man sagen, wer den Kranken besucht, bittet für ihn um Erbarmen, daß er lebe, und wer den Kranken nicht besucht, bittet für ihn, daß er sterbe; wieso, daß er sterbe!? – Vielmehr, wer den Kranken nicht besucht, bittet auch für ihn nicht um Erbarmen, weder daß er lebe noch daß er sterbe.

3Wenn Raba erkrankte, befahl er ihnen am ersten Tage, es niemand zu sagen, damit sein Glücksstern nicht geschwächt werde; später aber sprach er zu ihnen: Geht und macht dies auf der Straße bekannt; wer mir Feind ist, freue sich, und es heißt:wenn dein Feind fällt, freue dich nicht&c., und wer mir Freund ist, flehe für mich um Erbarmen.

4Rabh sagte: Wer einen Kranken besucht, wird vom Strafgerichte des Fegefeuers errettet, denn es heißt:heil dem, der sich des Dürftigen annimmt, am Tage des Unglücks wird der Herr ihn retten, und unter Dürftigen ist ein Kranker zu verstehen, denn es heißt:vom Trumme schneidet er mich. Oder aus folgendem Schriftverse: Warum bist du so dürftig, Sohn des Königs, einen Morgen wie den anderen &c. Und unter Unglück ist das Fegefeuer zu verstehen, denn es heißt:alles schuf der Herr zu seiner Bestimmung, auch den Frevler für den Tag des Unglücks.

5Was ist seine Belohnung, wenn er ihn besucht? – ‘Was ist seine Belohnung’, wir sagten ja eben, er werde vom Strafgerichte des Fegefeuers errettet!? – Vielmehr, was ist seine Belohnung auf dieser Welt? –

6Der Herr wird ihn behüten und erhalten, und glücklich gepriesen wird er im Lande, und du gibst ihn nicht hin der Rachgier seiner Feinde. Der Herr wird ihn behüten, vor dem bösen Triebe; und erhalten, vor Züchtigungen [schützen]; gepriesen wird er im Lande, alle rühmen sich seiner; du gibst ihn nicht hin der Rachgier seiner Feinde, es gesellen sich ihm Freunde, wie die des Naa͑man, die seinen Aussatz heilten, nicht aber gesellen sich ihm Freunde, wie die des Reḥabea͑m, die sein Königreich aufteilten.

7Es wird gelehrt: R. Šimo͑n b. Elea͑zar sagte: Wenn Junge dich bauen heißen und Greise dich niederreißen heißen, so höre auf die Greise und nicht auf die Jungen, denn das Bauen der Jungen ist ein Niederreißen und das Niederreißen der Greise ist ein Bauen. Als Merkzeichen diene dir Reḥabea͑m, der Sohn Šelomos.

8R. Šiša, Sohn des R. Idi, sagte: Man besuche einen Kranken weder in den ersten drei Stunden noch in den letzten drei Stunden des Tages, damit man nicht unterlasse, um Erbarmen [zu flehen]. In den ersten drei Stunden fühlt er sich wohl, und in den letzten ist seine Krankheit am schwersten.

9Rabin sagte im Namen Rabhs: Woher, daß der Heilige, gepriesen sei er, den Kranken pflegt? Es heißt:der Herr stützt ihn auf dem Schmerzenslager &c.

10Ferner sagte Rabin im Namen Rabhs: Woher, daß die Göttlichkeit über dem Lager des Kranken weilt? Es heißt: der Herr stützt ihn auf seinem Schmerzenslager. Ebenso wird gelehrt: Wer einen Kranken besucht, setze sich nicht auf ein Bett noch auf eine Bank noch auf einen Stuhl, sondern hülle sich ein und setze sich auf die Erde, weil die Göttlichkeit über dem Lager des Kranken weilt, denn es heißt: der Herr stützt ihn auf dem Schmerzenslager.

11Ferner sagte Rabin im Namen Rabhs: Der Euphrat ist ein bedeutender Zeuge des Regensim Westen. Er streitet gegen Šemuél, denn Šemuél sagte, der Fluß werde von seinen eigenen Felsengesegnet. Aber Šemuél befindet sich im Widerspruch mit sich selbst, denn Šemuél sagte, das fließende Wasser sei nichtreinigend,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.