Nedarim — Blatt 62a
1Es wird gelehrt: Sind die meisten Feigenmesser eingewickelt, so sind sienicht mehr wegen Raubes verboten und frei von der Verzehntung.
2Einst trafen Rabbi und R. Jose b. R. Jehuda in einem Orte ein zur Zeit, da die meisten Feigenmesser eingewickelt waren; Rabbi aßund R. Jose b. R. Jehuda aß nicht. Da kam der Eigentümer heran und sprach zu ihnen: Warum essen die Gelehrten nicht, die meisten Feigenmesser sind bereits eingewickelt? Trotzdem aß R. Jose b. R. Jehuda nicht, denn er war der Ansicht, jener habe es nur in Bosheit [ironisch] gesagt.
3Einst traf R. Ḥama b. R. Ḥanina in einem Orte ein zur Zeit, da die meisten Feigenmesser eingewickelt waren; er aß und gab auch seinem Diener, der aber nicht aß. Da sprach er zu ihm: Iß doch, folgendes sagte mir R. Jišma͑él b. R. Jose im Namen seines Vaters: sind die meisten Feigenmesser eingewickelt, so sind sie nicht mehr wegen Raubes verboten und frei von der Verzehntung.
4Einst traf ein Mann zur Zeit, da die [meisten] Feigenmesser eingewickelt waren, R. Tryphon [von seinen Früchten] essen; da steckte er ihn in einen Sack und trug ihn fort, um ihn in den Fluß zu werfen. Da rief er: Wehe dir Tryphon, den dieser töten will! Als jener eshörte, ließ er ihn und lief fort. R. Abahu sagte im Namen des R. Ḥananja b. Gamliél: All seine Tage grämte sich dieser Fromme darüber, indem er sprach: Wehe mir, daß ich mich der Krone der Tora bedienthabe!
5Rabba b. Bar Ḥana sagte nämlich im Namen R. Joḥanans: Wer sich der Krone der Tora bedient, wird aus der Welt gerissen. Dies ist [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: Wenn Belšaçar, der die heiligen Gerätebenutzte, die entweiht worden waren, wie es heißt:und es kommen Wüteriche hinein und entweihen es, sobald sie damit wüteten, wurden sie entweiht, aus der Welt gerissen wurde, wie es heißt:in jener Nacht wurde Belšaçar getötet, um wieviel mehr gilt dies von dem, der sich der Krone der Tora bedient, die ewig besteht. –
6Wenn R. Tryphon davon aß, so war es ja zur Zeit, da die meisten Feigenmesser eingewickelt waren, weshalb nun tat ihm jener Mann zuleide? – Jenem waren das ganze Jahr Trauben gestohlen worden, und als er R. Tryphon erwischte, glaubte er, er sei es, der sie gestohlen hat. – Weshalb grämte er sichdemnach!? – R. Tryphon war sehr reich und sollte ihn durch Geld besänftigen.
7Es wird gelehrt:Deinen Gott, den Herrn, zu liehen, auf seine Stimme zu hören und ihm anzuhangen. Ein Mensch sage nicht, ich will die Schrift lesen, damit man mich einen Weisen nenne, ich will lernen, damit man mich Meister nenne, ich will studieren, damit ich Ältester sei und im Kollegium sitze.
8Er lerne vielmehr aus Liebe, und endlich kommt die Ehrung, wie es heißt:binde sie auf deine Finger, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens. Ferner heißt es:ihre Wege sind freundliche Wege. Ferner heißt es:ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten, und die sie erfassen, sind selig.
9R. Elie͑zer b. R. Çadoq sagte: Tue die Dinge um ihres Schöpfers willen und rede davon ihrethalben; mache sie nicht zur Krone, damit zu prunken, und benutze sie nicht als Axt, damit zu hacken. Es ist [ein Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn Belšaçar, der die heiligen Geräte benutzte, die entweiht worden waren, aus der Welt gerissen wurde, um wieviel mehr derjenige, der sich der Krone der Tora bedient.
10Raba sagte: Wo man einen nicht kennt, darf man sich zu erkennen geben, denn es heißt:und dein Knecht ist gottesfürchtig von Jugend auf. – Demnach ist ja von R. Tryphonein Einwand zu erheben!? – Er war sehr reich, und sollte ihn durch Geld besänftigen.
11Raba wies auf einen Widerspruch hin. Es heißt: und dein Knecht ist gottesfürchtig von Jugend auf, und es heißt:es lobe dich ein Fremder und nicht dein Mund!? – Das eine, wo man ihn kennt, und das andere, wo man ihn nicht kennt.
12Raba sagte: Ein Gelehrten jünger darf sagen: ich bin Gelehrtenjünger, schlichtet mir meinen Streitfall zuerst, denn es heißt:und die Söhne Davids waren Priester; wie der Priester zuerst erhält, ebenso erhält der Gelehrte zuerst. – Woher dies vom Priester? – Es heißt:du sollst ihn heilig halten, denn er opfert das Brot deines Gottes. Hierzu wurde in der Schule R. Jišma͑éls gelehrt: Heilige ihn, bei jeder heiligen Handlung;
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.