Pessachim — Blatt 115a

1R. Ḥisda wandte ein: Soll man darüber den Segen sprechen, nachdem man damit den Bauch bereits gefüllt hat!? Vielmehr, sagte R. Ḥisda, zuerst spreche man darüber den Segen ‘Der die Bodenfrucht erschafft’ und den Segen ‘Bitterkraut zu essen’ und esse es, nachher esse man es ohne Segensspruch als Bitterkraut.

2In Sura verfuhren sie nach R. Hona, und R. Šešeth, Sohn des R. Jehošua͑, verfuhr nach R. Ḥisda. Die Halakha ist wie R. Ḥisda. R. Aḥa, der Sohn Rabhs, pflegte sich um andere Kräuter zu bemühen, um sich einem Streite zu entziehen.

3Rabina sagte: R. Mešaršeja, Sohn des R. Nathan, erzählte mir, daß Hillel als Überlieferung folgendes lehrte: Man darf nicht Ungesäuertes mit Bitterkraut zusammenlegen und essen, weil wir der Ansicht sind, das Ungesäuerte sei in der Jetztzeit Pflicht der Tora und das Bitterkraut nur rabbanitisch, und das rabbanitische Bitterkraut würde [den Geschmack des] Ungesäuerten, das eine Pflicht der Tora ist, aufheben.

4Und auch nach demjenigen, welcher sagt, die Gebote heben einander nicht auf, gilt dies von zwei [Geboten] der Tora oder zwei rabbanitischen, wenn aber eines der Tora und eines rabbanitisch ist, hebt das rabbanitische das der Tora auf.

5Wer ist der Tanna, welcher sagt, die Gebote heben einander nicht auf!? – Es ist Hillel, denn es wird gelehrt: Man erzählt von Hillel, daß er sie zusammenzulegen und zu essen pflegte, denn es heißt:mit Ungesäuertem und Bitterkraut sollen sie es essen.

6R. Joḥanan sagte: Die Genossen aber streiten gegen Hillel, denn es wird gelehrt: Man könnte glauben, man lege sie zusammen und esse sie, wie Hillel es zu tun pflegte, so heißt es: mit Ungesäuertem und Bitterkraut sollen sie es essen, auch dieses besonders und jenes besonders. R. Aši wandte ein: Was heißt demnach ‘auch’!?

7Vielmehr, erklärte R. Aši, meint es der Tanna wie folgt: man könnte glauben, man genüge seiner Pflicht nur dann, wenn man sie zusammenlegt und ißt, wie Hillel es zu tun pflegte, so heißt es: mit Ungesäuertem und Bitterkraut sollen sie es essen, auch dieses besonders und jenes besonders.

8Da nun die Halakha weder wie Hillel noch wie die Rabbanan gelehrt wurde, so spreche man den Segen ‘Ungesäuertes zu essen’ und esse dieses, sodann spreche man den Segen ‘Bitterkraut zu essen’ und esse dieses, und darauf esse man ohne Segensspruch Ungesäuertes und Lattich zusammen, zur Erinnerung an das [Verfahren] Hillels zur Zeit des Tempels.

9R. Elea͑zar sagte im Namen R. Oša͑jas: Alles, was in eine Flüssigkeit getunkt wird, erfordert das Händewaschen. R. Papa sprach: Hieraus ist zu entnehmen, daß man den Lattich

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.