Pessachim — Blatt 66a

1R. A͑QIBA ERWIDERTE IHM: ODER UMGEKEHRT: WENN DAS BESPRENGEN, DAS NUR DES FEIERNS WEGEN [VERBOTEN] IST, DEN ŠABBATH NICHT VERDRÄNGT, UM WIEVIEL WENIGER DAS SCHLACHTEN, DAS EINE RICHTIGE ARBEIT IST. R. ELIE͑ZER ENTGEGNETE IHM: A͑QIBA, DU HEBST DEMNACH EIN GEBOT DER TORA AUF: zwischen den Abenden, zur festgesetzten Zeit, SOWOHL AM WOCHENTAGE ALS AUCH AM ŠABBATH.

2DIESER ERWIDERTE: MEISTER, BEWEISE MIR EINE FESTGESETZTE ZEIT FÜR JENE, WIE ES EINE FESTGESETZTE ZEIT FÜR DAS SCHLACHTEN GIBT! R. A͑QIBA SAGTE EINE REGEL: JEDE ARBEIT, DIE MAN AM VORABEND DES ŠABBATHS VERRICHTEN KANN, VERDRÄNGT DEN ŠABBATH NICHT, DAS SCHLACHTEN ABER, DAS MAN AM ṾORABEND DES ŠABBATHS NICHT VERRICHTEN KANN, VERDRANGT DEN ŠABBATH.

3GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Diese Lehre war den Söhnen Betheras entgangen. Einst fiel der vierzehnte auf einen Šabbath, und diese hatten es vergessen und wußten nicht, ob [die Herrichtung] des Pesaḥopfers den Šabbath verdränge oder nicht. Da fragten sie: Gibt es vielleicht jemand, der weiß, ob [die Herrichtung] des Pesaḥopfers den Šabbath verdränge oder nicht? Man erwiderte ihnen: Es gibt hier einen Mann, der aus Babylonien herkam, Hillel der Babylonier ist sein Name; er famulierte bei zwei Großen des Zeitalters, Šema͑ja und Ptollion, und er weiß, ob [die Herrichtung] des Pesaḥopfers den Šabbath verdränge oder nicht. Darauf ließen sie ihn rufen und fragten ihn: Weißt du vielleicht, ob [die Herrichtung] des Pesaḥopfers den Šabbath verdränge oder nicht? Er erwiderte ihnen: Haben wir etwa nur ein Pesaḥopfer im Jahre, das den Šabbath verdrängt, wir haben ja weit mehr als zweihundert Pesaḥopfer im Jahre, die den Šabbath verdrängen.

4Jene fragten ihn: Woher weißt du dies? Dieser erwiderte: Beim Pesaḥopfer heißt es festgesetzte Zeit und beim beständigen Opfer heißt es festgesetzte Zeit, wie nun das beständige Opfer, bei dem es festgesetzte Zeit heißt, den Šabbath verdrängt, ebenso verdrängt das Pesaḥopfer, bei dem es festgesetzte Zeit heißt, den Šabbath.

5Ferner ist dies [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn das beständige Opfer, [dessen Unterlassung] nicht mit der Ausrottung belegt ist, den Šabbath verdrängt, um wieviel mehr verdrängt ihn das Pesaḥopfer, [dessen Unterlassung] mit der Ausrottung belegt ist.

6Da setzten sie ihn an die Spitze und wählten ihn zum Fürsten. Darauf trug er den ganzen Tag über die Vorschriften des Pesaḥfestes vor. Alsdann begann er sie durch Worte zu kränken, indem er zu ihnen sprach: Was veranlaßte, daß ich aus Babylonien hergekommen und Fürst über euch geworden bin? Doch nur euere Trägheit, daß ihr bei den zwei Großen des Zeitalters, Šema͑ja und Ptollion, nicht famuliert habt.

7Darauf fragten sie ihn: Meister, wie ist es, wenn man am Vorabend des Šabbaths das Messer mitzubringen vergessen hat? Er erwiderte ihnen: Diese Lehre habe ich zwar gehört, jedoch vergessen; lasse man doch die Jisraéliten [selbst handeln], denn wenn sie auch keine Propheten sind, so sind sie Kinder von Propheten.

8Am folgenden Tage steckte es jeder, der ein Lamm brachte, in die Wolle, und der ein Zicklein brachte, zwischen die Hörner. Als er dieses Verfahren sah, erinnerte er sich auch der Halakha und sprach: Dies eben ist mir von Šema͑ja und Ptollion überliefert worden.

9Der Meister sagte: Beim Pesaḥopfer heißt es festgesetzte Zeit, und beim beständigen Opfer heißt es festgesetzte Zeit, wie nun das beständige Opfer, bei dem es festgesetzte Zeit heißt, den Šabbath verdrängt, ebenso verdrängt das Pesaḥopfer, bei dem es festgesetzte Zeit heißt, den Šabbath. Woher wissen wir vom beständigen Opfer selbst, daß es den Šabbath verdränge: wollte man sagen, weil es bei diesem zur festgesetzten Zeit heißt, so heißt es ja auch beim Pesaḥopfer zur festgesetzten Zeit;

10vielmehr ist es hier aus [den Worten] festgesetzte Zeit nicht zu entnehmen, ebenso ist es auch da aus [den Worten] festgesetzte Zeit nicht zu entnehmen!? – Vielmehr, die Schrift sagt:das Brandopfer von Šabbath zu Šabbath, außer dem beständigen Opfer, demnach ist das beständige Opfer am Šabbath darzubringen.

11Der Meister sagte: Ferner ist dies [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn das beständige Opfer, [dessen Unterlassung] nicht mit der Ausrottung belegt ist, den Šabbath verdrängt, um wieviel mehr verdrängt ihn das Pesaḥopfer, [dessen Unterlassung] mit der Ausrottung belegt ist. Dies ist ja aber zu widerlegen: wohl das beständige Opfer, weil es beständig ist und vollständig verbrannt wird!? – Zuerst sagte er ihnen [den Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere, und als sie diesen widerlegten, sagte er ihnen die Wortanalogie. –

12Wozu ist, wo dies aus einer Wortanalogie zu entnehmen ist, [der Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere nötig!? – Diesen sagte er nur für sie: allerdings ist euch die Wortanalogie nicht überliefert worden, und niemand darf selber [eine Lehre] durch Wortanalogie deduzieren, aber [ein Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere, durch den jeder [eine Lehre] deduzieren darf, sollte ja für euch entscheidend sein. Darauf erwiderten sie ihm, dieser [Schluß vom] Leichteren auf das Schwerere sei widerlegbar.

13Der Meister sagte: Am folgenden Tage steckte es jeder, der ein Lamm brachte, in die Wolle, und der ein Zicklein brachte, zwischen die Hörner.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.