Pessachim — Blatt 66b

1Man läßt ja Geheiligtes eine Arbeit verrichten!? – Man verfahre nach Hillel, denn es wird gelehrt: Man erzählt von Hillel, daß während seines Lebens niemand an seinem Brandopfer eine Veruntreuung begangen habe, denn er ließ es profan in den Tempel bringen und heiligte es da; dann stützte er daraufseine Hand und schlachtete es. –

2Wieso darf man das Pesaḥopfer am Šabbath heiligen, wir haben ja gelernt: Man darf nichts heiligen, noch Schätzgelübdeoder Banngelübdetun, noch die Hebe oder den Zehnten abheben; dies alles sagten sie vom Feste, und um so mehr gilt dies vom Šabbath!? –

3Dies gilt nur von Verpflichtungen, für die keine Zeit festgesetzt ist, solche aber, für die eine Zeit festgesetzt ist, darf man heiligen. So sagte auch R. Joḥanan, man dürfe sein Pesaḥopfer am Šabbath und das Festopfer am Feste heiligen. –

4Man läßt es ja Last tragen!? – Dies erfolgt wie unbeabsichtigt. – Allerdings ist es, wenn wie unbeabsichtigt, kein Verbot der Tora, aber immerhin ist es ja ein rabbanitisches Verbot!? –

5Das fragten sie ihn eben: darf man zur Ausübung eines Gebotes etwas wie unbeabsichtigt tun, was nach der Tora erlaubt, jedoch des Feierns wegen verboten ist? Darauf erwiderte er ihnen: er habe diese Lehre gehört und vergessen; man lasse aber die Jisraéliten [selbst handeln], denn wenn sie auch keine Propheten sind, so sind sie Kinder von Propheten.

6R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Wer sich überhebt, den verläßt, wenn er ein Weiser ist, die Weisheit, und wenn er ein Prophet ist, die Prophetie. Ist er ein Weiser, so verläßt ihn die Weisheit, wie dies bei Hillel geschah, denn nachdem er, wie der Meister erzählte, sie durch Worte zu kränken begann, mußte er zu ihnen sagen, er habe jene Lehre gehört und vergessen. Ist er ein Prophet, so verläßt ihn die Prophetie, wie dies bei Debora geschah, denn es heißt:es gebrach an Edlen in Jisraél, bis ich, Debora, aufgestanden bin, aufgestanden bin ich, eine Mutter in Jisraél &c., und darauf folgt:wache auf, wache auf, Debora, wache auf, wache auf, singe ein Lied &c.

7Reš Laqiš sagte: Wer in Zorn gerät, den verläßt, wenn er ein Weiser ist, die Weisheit, und wenn er ein Prophet ist, die Prophetie. Ist er ein Weiser, so verläßt ihn die Weisheit, wie das bei Moše geschah, denn es heißt:da zürnte Moše über die Anführer des Heeres &c., und darauf folgt:da sprach Elea͑zar, der Priester, zu den Kriegsleuten, die in den Kampf gezogen waren: Das ist die Gesetzesbestimmung, die der Herr Moše anbefohlen hat &c., demnach hatte Moše es vergessen.

8Ist er ein Prophet, so verläßt ihn die Prophetie, wie dies bei Eliša geschah, denn es heißt:wenn ich auf Jehošaphaṭ, den König von Jehuda nicht Rücksicht nähme, ich wollte auf dich nicht blicken noch dich ansehen &c., und darauf folgt:jetzt aber holt mir einen Saitenspieler. Jedesmal, wenn der Saitenspieler spielte, kam über ihn der Geist Gottes &c.

9R. Mani b.Paṭiš sagte: Wer in Zorn gerät, wird, selbst wenn man ihm im Himmel Größe zuerteilt hat, herabgesetzt, wie dies bei Eliáb geschah. Es heißt:da geriet Eliáb in Zorn über David und rief: Wozu bist du eigentlich hergekommen, und wem hast du jene paar Schafe in der Steppe überlassen? Ich kenne deine Vermessenheit und deinen boshaften Sinn; ja, um den Krieg anzusehen, bist du hergekommen. Als Šemuél zur Salbung schritt, heißt es von den übrigen [Brüdern]:auch diesen hat der Herr nicht auserkoren, dagegen heißt es von Eliáb:der Herr sprach zu Šemuél: Achte nicht auf sein Aussehen und seinen hohen Wuchs, denn ich habe ihn verabscheut, demnach liebte er ihn bis dahin.

10Wir finden also daß [die Herrichtung] des beständigen Opfers und die des Pesaḥopfers den Šabbath verdrängen, woher daß sie auch [das Gesetz von der] Unreinheit verdrängen!? – Ich will dir sagen, wie hinsichtlich des Šabbaths vom beständigen Opfer auf das Pesaḥopfer gefolgert wird, so ist auch hinsichtlich der Unreinheit vom Pesaḥopfer auf das beständige Opfer zu folgern. –

11Woher dies vom Pesaḥopfer selbst? R. Joḥanan erwiderte: Die Schrift sagt:wenn irgend einer unrein sein sollte durch eine Leiche; einer wird zum zweiten Pesaḥfeste zurückgesetzt, nicht aber wird eine Gemeinde zum zweiten Pesaḥfeste zurückgesetzt, vielmehr richte sie es in Unreinheit her.

12R. Šimo͑n b. Laqiš sprach zu R. Joḥanan: Vielleicht wird einer zum zweiten Pesaḥfeste zurückgesetzt, für eine Gemeinde aber gibt es kein Mittel, weder am ersten noch am zweiten Pesaḥfeste!?

13Vielmehr, sagte R. Šimo͑n b. Laqiš, hieraus:sie sollen jeden Aussätzigen, jeden Flußbehafteten und jeden Leichenunreinen aus dem Lager hinausschaffen. Sollte dies nur von Leichenunreinen gesagt werden und nicht von Flußbehafteten und Aussätzigen, und ich würde gefolgert haben: wenn Leichenunreine hinausgeschafft werden, um wieviel mehr Flußbehaftete und Aussätzige!?

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.