Pessachim — Blatt 87b

1Tochter Diblajims, üble Nachrede [dibba], übler Nachredeentstammend. Šemuél erklärte: Sie war jedem süß, wie eine gepreßte Feige [debela]. R. Joḥanan erklärte: Jeder preßte sie, wie eine gepreßte Feige.

2Eine andere Auslegung: Gomer, R. Jehuda erklärte: In ihren Tagen wollte man dem Vermögen Jisraéls ein Ende bereiten [garuar], R. Joḥanan erklärte: Sie raubten es und bereiteten ihm ein Ende, wie es heißt:denn der König von Aram hatte sie vertilgt und wie Staub zertreten.

3Sie ward schwanger und gebar ihm einen Sohn. Da sprach der Herr zu ihm: Nenne ihn Jizre͑él! Denn nur noch eine kleine Weile, so will ich die Blutschuld von Jizre͑él an Jehas Familie heimsuchen und dem Königtum des Hauses Jisraél ein Ende machen.Da wurde sie abermals schwanger und gebar eine Tochter. Da sprach der Herr zu ihm: Nenne sie Nichtgeliebt! Denn fortan will ich dem Hause Jisraél kein Erbarmen mehr zeigen, daß ich ihnen volle Vergebung gewähren sollte.Darauf wurde sie wiederum schwanger und gebar einen Sohn. Da sprach der Herr zu ihm: Nenne ihn Nichtmeinvolk. Denn ihr seid nicht mein Volk und ich gehöre nicht zu euch.

4Nachdem ihm zwei Söhne und eine Tochter geboren wurden, sprach der Heilige, gepriesen sei er, zu Hošea͑: Du solltest von deinem Meister Moše lernen: sobald ich mit ihm redete, trennte er sich von der Frau; trenne auch du dich von deiner, Dieser erwiderte: Herr der Welt, ich habe Kinder von ihr und kann sie weder fortschicken noch mich von ihr scheiden lassen!

5Da sprach der Heilige, gepriesen sei er, zu ihm: Wenn du so handelst, wo doch deine Frau eine Hure und deine Kinder Hurenkinder sind, und du nicht weißt, ob sie deine oder fremde sind, wie sollte ich Jisraél [fortschicken]!? Sind sie doch Kinder meiner Bewährten, Kinder Abrahams, Jiçḥaqs und Ja͑qobs. Eine der vier Erwerbungen, die ich mir auf meiner Welt geeignet habe:

6eine Erwerbung ist die Tora, wie es heißt:der Herr erwarb mich als den Anfang seiner Wege; eine Erwerbung sind Himmel und Erde, wie es heißt:der Himmel und Erde geeignet; eine Erwerbung ist der Tempel, wie es heißt:dieser Berg, den seine Rechte geeignet; eine Erwerbung ist Jisraél, wie es heißt:das Volk, das du dir geeignet hast. Und du sagst, daß ich sie auf eine andere Nation tausche!?

7Als er seinen Fehler einsah, stand er auf, um für sich um Erbarmen zu flehen. Da sprach der Heilige, gepriesen sei er, zu ihm: Statt für dich selbst um Erbarmen zu flehen, flehe um Erbarmen für Jisraél, über die ich deinetwegen drei Heimsuchungenverhängt habe.

8Hierauf stand er auf, flehte um Erbarmen und wandte das Verhängnis ab. Alsdann begann er, sie zu segnen, wie es heißt:wie der Sand am Meere soll die Zahl der Kinder Jisraél sein &c. und anstatt daß man zu ihnen gesagt hat: ihr seid nicht mein Volk, wird man zu ihnen sagen: Söhne des lebendigen Gottes. Die Söhne Jehudas und die Söhne Jisraéls werden sich versammeln &c.Ich will ihn mir in das Land einsäen und der Nichtgeliebt Liebe erweisen, und zu Nichtmeinvolk sagen: du bist mein Volk.

9R. Joḥanan sagte: Wehe der Herrschermacht, denn sie begräbt ihre Träger; du hast keinen Propheten, der nicht während seines Lebens vier Könige überlebthätte; denn so heißt es:die Offenbarungen, die Ješa͑ja, der Sohn des Amoç, über Jehuda und Jerušalem empfing&c.

10R. Joḥanan sagte: Jerobeám, dem Sohne des Joaš, König von Jisraél, war es deshalb beschieden, zusammen mit den Königen Jehudas aufgezählt zu werden, weil er keine Verleumdung über A͑mos entgegennahm. —

11Wo wird er [zusammen mit jenen] aufgezählt!? — Es heißt:das Wort des Herrn, das an Hošea͑, den Sohn Beéris, erging, in den Tagen U͑zijas, Jothams, Aḥaz’ und Jeḥizqijahus, der Könige von Jehuda, und zur Zeit Jerobea͑ms, des Sohnes des Joaš, Königs von Jisraél. —

12Woher, daß er keine Verleumdung entgegennahm? — Es heißt:da ließ Amaçja, der Priester von Bethel, Jerobea͑m, dem König von Jisraél, folgendes melden: Es meutert wider dich &c. Ferner:so hat A͑mos gesprochen: Durch das Schwert wird Jerobea͑m sterben &c. Er sprach: Behüte und bewahre, daß dieser Fromme dies gesagt haben sollte, und sollte er es gesagt haben, was habe ich gegen ihn, wenn die Göttlichkeit es ihm verkündet hat.

13R. Elea͑zar sagte: Auch wenn der Heilige, gepriesen sei er, im Zorn ist, denkt er an die Barmherzigkeit, denn es heißt: denn fortan will ich dem Hause Jisraél kein Erbarmen mehr zeigen. R. Jose b. Ḥanina entnimmt dies aus folgendem: Daß ich ihnen volle Vergebung gewähren sollte.

14Ferner sagte R. Elea͑zar: Der Heilige, gepriesen sei er, hat Jisraél nur deshalb unter die Völker zerstreut, damit Proselyten sich ihnen anschließen, denn es heißt: ich will ihn mir in das Land einsäen, und man säet eine Seá nur, um viele Kor zu ernten.

15R. Joḥanan entnimmt es aus folgendem: und der Nichtgeliebt Liebe erweisen.

16R. Joḥanan sagte im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Es heißt:verleumde nicht den Knecht hei seinem Herrn, daß er dir nicht fluche, und darauf folgt:ein Geschlecht, das seinem Vater flucht und seine Mutter nicht segnet. Sollte man denn [einen Knecht] deshalb nicht verleumden, weil [das Geschlecht] seinem Vater flucht und seine Mutter nicht segnet!?

17Vielmehr, selbst in einem Zeitalter, in dem man seinem Vater flucht und seine Mutter nicht segnet, sollst du den Knecht nicht bei seinem Herrn verleumden. — Woher dies? — Von Hošea͑.

18R. Hoša͑ja sagte: Es heißt:die Wohltat seiner Zerstreuung mit Jisraél; der Heilige, gepriesen sei er, erwies Jisraél eine Wohltat, indem er sie unter die Völker zerstreut hat. So sprach einst ein Minäer zu R. Ḥanina: Wir sind besser als ihr; von euch heißt es:denn Joab blieb dort mit ganz Jisraél sechs Monate, bis er alles, was in Edom männlich war, ausgerottet hatte; wir aber tun euch nichts, wo ihr so viele Jahre bei uns seid. Dieser erwiderte: Wenn du es wünschest, so möge sich dir ein Schüler anschließen.

19Da schloß sich ihm R. Oša͑ja an und erwiderte ihm: Weil ihr nicht wißt, wie ihr uns vernichten sollt; [wir] alle sind ja nicht bei euch, und wenn nur diejenigen, die bei euch sind, so würde man euch ‘verstümmelndesReich’ nennen. Jener entgegnete: Beim Kapitolzu Rom, damit gehen wir und damit kommen wir.

20R. Ḥija lehrte: Es heißt:Gott kennt den Weg zu ihr, und ihm ist der Platz bekannt. Der Heilige, gepriesen sei er, kennt Jisraél, daß sie die grausamen Verordnungen der Römer nicht ertragen können, daher vertrieb er sie nach Babylonien. Ferner sagte R. Elea͑zar: Der Heilige, gepriesen sei er, vertrieb nur deshalb Jisraél nach Babylonien, weil es tief wie die Unterwelt ist, und es heißt:aus der Hand der Unterwelt erlöse ich sie, vom Tode kaufe ich sie los. R. Ḥanina sagte: Weil ihre Sprache mit der Sprache der Tora verwandt ist.

21R. Joḥanan sagte: Er schickte sie in das Haus ihrer Mutter. Ein Gleichnis. Wohin schickt jemand seine Frau, wenn er ihr zürnt? In das Haus ihrer Mutter.

22Das ist es, was R. Alexandri sagte: Drei kehrten nach ihrer Heimat zurück, und zwar: Jisraél, das Geld Miçrajimsund die Schrift der Bundestafeln. Jisraél, wie wir bereits gesagt haben. Das Geld Miçrajims, denn es heißt:im fünften Jahre des Königs Reḥabea͑m zog Šišaq, der König von Miçrajim, wider Jerušalem heran &c. Die Schrift der Bundestafeln, denn es heißt:ich zerschmettere sie vor eueren Augen, und hierzu wird gelehrt, daß die Bundestafeln zerschmettert wurden, während die Buchstaben [in den Himmel] flogen.

23U͑la sagte: Damit sie Datteln essen

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.