Pessachim — Blatt 88b
1Ihr habt für seinen Herrn gesorgt, nicht aber für ihn: er darf keine Sklavin heiraten, da er zur Hälfte Freier ist, eine Freie heiraten darf er ebenfalls nicht, da er zur Hälfte Sklave ist, [die Heirat] ganz unterlassen kann er ebenfalls nicht, da die Welt zur Fortpflanzung erschaffen worden ist, wie es heißt: nicht zur Einöde hat er sie geschaffen, sondern daß sie bewohnt werde. Als versorgende Institution zwinge man vielmehr seinen Herrn, ihn zum Freien zu machen, und dieser schreibe ihm einen Schuldschein über die Hälfte seines Wertes.
2Darauf trat die Schule Hillels zurück und lehrte wie die Schule Šammajs.
3WER ZU SEINEM SKLAVEN GESAGT HAT, DASS ER GEHE UND FÜR IHN DAS PESAHOPFER SCHLACHTE, DARF, WENN DIESER EIN BÖCKCHEN GESCHLACHTET HAT, DAVON ESSEN, WENN ER EIN LÄMMCHEN GESCHLACHTET HAT, DAVON ESSEN, UND WENN ER EIN BÖCKCHEN UND EIN LÄMMCHEN GESCHLACHTET HAT, SO ESSE ER VOM ERSTEN.
4WAS MACHE ER, WENN ER VERGESSEN HAT, WAS IHM SEIN HERR GESAGT HAT? ER SCHLACHTE EIN LÄMMCHEN UND EIN BÖCKCHEN UND SPRECHE: SAGTE MIR MEIN HERR: EIN BÖCKCHEN, SEI DAS BÖCKCHEN FÜR IHN UND DAS LÄMMCHEN FÜR MICH, UND SAGTE MIR MEIN HERR: EIN LÄMMCHEN, SO SEI DAS LÄMMCHEN FÜR IHN UND DAS BÖCKCHEN FÜR MICH.
5HAT AUCH DER HERR VERGESSEN, WAS ER IHM GESAGT HAT, SO KOMMEN BEIDE [OPFER] IN DEN VERBRENNUNGSRAUM, UND SIE BRAUCHEN KEIN ZWEITES PESAḤOPFER HERZURICHTEN.
6GEMARA. Selbstverständlich darf er, wenn dieser ein Böckchen geschlachtet hat, es essen!? — Auch wenn er an Lämmchen gewöhnt ist.
7Wenn dieser ein Lämmchen geschlachtet hat, darf er es essen, auch wenn er an Böckchen gewöhnt ist. — Wieso darf er, wenn dieser ein Böckchen und ein Lämmchen geschlachtet hat, vom ersten essen, es wird ja gelehrt, man könne sich nicht an zwei Pesaḥopfern zugleich beteiligen!? —
8Unsere Mišna spricht von König und Königin.
9Es wird auch gelehrt: Man darf sich nicht an zwei Pesaḥopfern zugleich beteiligen. Einst sprachen der König und die Königin zu ihren Dienern: Geht, schlachtet für uns das Pesaḥopfer. Da gingen sie und schlachteten zwei Pesaḥopfer. Als sie darauf zum König kamen und ihn fragten, erwiderte er ihnen: Geht, fragt die Königin. Und darauf kamen sie zur Königin und fragten sie, und diese erwiderte ihnen: Geht zu R. Gamliél und fragt ihn.
10Alsdann kamen sie zu R. Gamliél und fragten ihn, und er erwiderte ihnen: Der König und die Königin, die sieh darum nicht kümmern, dürfen vom ersten essen, wir aber dürfen weder vom ersten noch vom zweiten essen.
11Ferner ereignete es sich einst, daß man eine Eidechse im Schlachthause fand, und man wollte die ganze Mahlzeit als unreinerklären. Als sie darauf zum König kamen und es ihm vortrugen, erwiderte er ihnen: Geht, fragt die Königin. Hierauf kamen sie zur Königin und trugen es ihr vor, und diese erwiderte ihnen: Geht zu R. Gamliél und fragt ihn.
12Alsdann kamen sie zu R. Gamliél und trugen es ihm vor. Dieser fragte sie: Ist das Schlachthaus warm oder kalt? Jene erwiderten: Warm. Da sprach er: Geht und schüttet auf sie einen Becher kaltes [Wasser]. Da gingen sie und schütteten auf sie einen Becher kaltes [Wasser], und sie bewegtesich. Hierauf erklärte R. Gamliél die ganze Mahlzeit als rein.
13Der König verließ sich also auf die Königin und die Königin auf R. Gamliél; mithin war die ganze Mahlzeit von R. Gamliél abhängig.
14WENN ER VERGESSEN HAT, WAS IHM SEIN HERR GESAGT HAT &C. ‘Für mich’, was der Knecht erwirbt, gehört ja seinem Herrn!?
15Abajje erwiderte: Er gehe zu einem seinem Herrn bekannten Hirten, der seinem Herrn dienlich sein will, und dieser eigene ihm eines von beiden zu, unter der Bedingung, daß der Herr kein Anrecht darauf habe.
16HAT AUCH DER HERR VERGESSEN, WAS ER IHM GESAGT HAT &C. Abajje sagte: Dies nur, wenn er es nach dem Sprengen vergessen hat, sodaß es, als das Blut gesprengt wurde, zum Essen brauchbar war, wenn er es aber vor dem Sprengen vergessen hat, sodaß es, als das Blut gesprengt wurde, zum Essen nicht brauchbar war, müssen sie ein zweites Pesaḥopfer herrichten.
17Manche beziehen dies auf folgende Barajtha: Wenn die Häute von fünf Pesaḥopfern miteinander vermischt wurden und an einer eine Blatterentdeckt wird, so sind sie sämtlich in den Verbrennungsraum zu bringen, und [die Eigentümer] brauchen kein zweites Pesaḥopfer herzurichten.
18Hierzu sagte Abajje: Dies nur, wenn sie nach dem Sprengen vermischt wurden, sodaß sie, als das Blut gesprengt wurde, zum Essen brauchbar waren, wenn sie aber vor dem Sprengen vermischt wurden, müssen sie ein zweites Pesaḥopfer herrichten.
19Wer dies auf die Mišna bezieht, nach dem gilt dies umsomehr von der Barajtha, und wer dies auf die Barajtha bezieht, nach dem gilt dies nicht von der Mišna, da [die Opfer an sich] brauchbar sind; würde er sich erinnert haben, so wären sie ja zum Essen brauchbar, und dem Himmel ist es bekannt.
20Der Meister sagte: [Die Eigentümer] brauchen kein zweites Pesaḥopfer herzurichten. Einer ist ja unter ihnen, der seiner Pflicht nicht genügt hat!? —
21Weil es anders nicht möglich ist. Wie sollten sie es machen: richtet jeder besonders ein [zweites] Pesaḥopfer her, so bringt man ja Profanes in den Tempelhof, da vier von ihnen es bereits hergerichtet haben,
22und richten alle ein Pesaḥopfer her, so ergibt es sich ja, daß das Pesaḥopfer von Unbeteiligtengegessen wird. —
23Was ist dies [für ein Einwand]; jeder von ihnen kann ja ein [zweites] Pesaḥopfer bringen und sprechen: ist das fehlerhafte meines, so sei dies ein Pesaḥopfer, und ist meines fehlerfrei, so sei dies ein Heilsopfer!? —
24Dies ist nicht möglich,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.