Sanhedrin — Blatt 100b

1Du mußt wohl sagen, das Maß der Güte sei größer als das Maß der Strafe; beim Maße der Güte heißt es nämlich: er gebot den Wolken droben und öffnete die Türen des Himmels und ließ Manna auf sie regnen, daß sie zu essen hätten, beim Maße der Strafe heißt es aber: die Luken des Himmels öffneten sich.

2Nun heißt es bei der Strafe: und sie werden hinausgehen und die Leichen der Männer ansehen, die von mir abtrünnig geworden sind; denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht verlöschen, und sie werden ein Abscheu sein für alles Fleisch; wenn aber ein Mensch auf dieser Welt den Finger ins Feuer steckt, verbrennt er sich diesen sofort!? Allein, wie der Heilige, gepriesen sei er, den Frevlern Kraft verleiht, ihre Strafe zu ertragen, ebenso verleiht der Heilige, gepriesen sei er, den Frommen Kraft, ihre Belohnung zu empfangen.

3R. A͑qiba sagt, auch wer die aussenseitigen Bücher liest &c. Es wird gelehrt: Die Bücher der Minäer, R. Joseph sagte: Auch das Buch des Ben Sira darf man nicht lesen. Abajje sprach zu ihm: Aus welchem Grunde: wollte man sagen, weil es in diesem heißt: häute einen Fisch nicht einmal an den Kiefern ab, um die Haut nicht fortwerfen zu müssen; brate ihn vielmehr [vollständig] im Feuer und iß damit zwei Brote.

4Wenn etwa nach dem Wortlaute, so heißt es ja auch in der Tora: verdirb nicht die zu ihr gehörenden Bäume; und wenn nach der Auslegung, so lehrt er ja nur eine Lebensregel, daß man eine Frau nicht auf widernatürliche Weise beschlafe.

5Wollte man sagen, weil es in diesem heißt: eine Tochter ist für ihren Vater ein beunruhigender Schatz; aus Besorgnis um sie findet er nachts keinen Schlaf: solange sie klein ist, daß sie nicht verführt werde, sobald sie erwachsen ist, daß sie sich nicht verhure, wenn sie mannbar ist, daß sie nicht sitzen bleibe, wenn sie verheiratet ist, daß sie nicht kinderlos bleibe, wenn sie alt ist, daß sie nicht Zauberei treibe. Aber auch die Rabbanan sagten dies ja: die Welt kann weder ohne Männer noch ohne Frauen bestehen; Heil dem aber, dessen Kinder Söhne sind, und wehe dem, dessen Kinder Töchter sind.

6Wollte man sagen, weil es in diesem heißt: laß keinen Kummer in dein Herz dringen, denn starke Männer tötete der Kummer, so sagte ja auch Šelomo dasselbe: ist Kummer im Herzen eines Menschen, so drücke er ihn nieder. R. Ami und R. Asi [erklärten es]; einer erklärte, man schlage ihn aus dem Sinne, und einer erklärte, man erzähle ihn anderen.

7Wollte man sagen, weil es in diesem heißt: halte die Menge von deinem Hause zurück und bringe nicht jeden in dein Haus, so sagte ja auch Rabbi dasselbe, denn es wird gelehrt: Rabbi sagte, man halte nicht viele Freunde in seinem Hause, denn es heißt: ein Mann vieler Freunde ist für den Untergang. –

8Vielmehr, weil es in diesem heißt: Der Dünnbärtige ist hinterlistig; der Dickbärtige ist dumm; wer von seinem Becher [den Schaum] wegbläst, ist nicht durstig; sagt jemand: womit soll ich das Brot essen, so nimm ihm das Brot weg; wer einen geteilten Bart hat, dem kommt die ganze Welt nicht bei.

9R. Joseph sagte: Die guten Worte, die sich in diesem [Buche] befinden, tragen wir vor: Eine gute Frau ist ein gutes Geschenk; sie komme an den Busen des Gottesfürchtigen. Eine böse Frau ist ein Aussatz für ihren Mann. Was mache man? Man jage sie aus seinem Hause, und man ist von seinem Aussatze geheilt. Wohl dem Manne einer schönen Frau, die Zahl seiner Tage zählen doppelt.

10Wende deine Augen von einer liebreizenden Frau, denn du könntest in ihr Netz geraten, Verkehre nicht bei ihrem Manne, um mit ihm Wein und Met zu trinken, denn durch das Aussehen einer schönen Frau sind viele zugrunde gegangen, und zahlreich sind, die sie gemordet. Viel sind die Verwundungen des Hausierers [von Geschmeide]; es verleitet zur Sünde und zündet wie ein Funken die Kohle. Wie ein Vogelschlag voll ist mit Vögeln, so ist ihr Haus voll Falschheit. Halte die Menge von deinem Hause zurück und bringe nicht jeden in dein Haus, dann werden viele deine Freunde sein. Vertraue dein Geheimnis einem von Tausend an, doch hüte die Pforten deines Mundes vor der, die an deinem Busen liegt. Gräme dich nicht über das Unglück von morgen, denn du weißt nicht, was der Tag gebiert; morgen bist du vielleicht nicht mehr da, und grämst dich über eine Welt, die nicht dein.

11Alle Tage des Armen sind schlecht; Ben Sira sagt, auch die Nächte. Niedriger als alle Dächer ist sein Dach, und auf den höchsten Bergen befindet sich sein Weinberg; der Regen anderer Dächer [ergießt sich] auf sein Dach, und die Erde seines Weinberges [fällt] auf andere Weinberge.

12R. Zera sagte im Namen Rabhs: Es heißt: alle Tage des Armen sind schlecht, das sind diejenigen, die sich mit dem Talmud befassen; aber ein heiteres Gemüt ist stets wie auf einem Gastmahle, das sind diejenigen, die sich mit der Mišna befassen.

13Raba legte dies umgekehrt aus. Das ist es, was R. Mešarše ja im Namen Rabas sagte: Es heißt: wer Steine bricht, tut sich wehe an ihnen, das sind diejenigen, die sich mit der Mišna befassen; wer Holz spaltet, erwärmt sich daran, das sind diejenigen, die sich mit dem Talmud befassen.

14R. Ḥanina erklärte: Alle Tage des Armen sind schlecht, das ist derjenige, der ein böses Weib hat; aber ein heiteres Gemüt ist stets wie auf einem Gastmahle, das ist derjenige, der ein gutes Weib hat. R. Jannaj erklärte: Alle Tage des Armen sind schlecht, das ist der Empfindliche; aber ein heiteres Gemüt ist stets wie auf einem Gastmahle, das ist der Unempfindliche. R. Joḥanan erklärte: Alle Tage des Armen sind schlecht, das ist der Mitleidige; aber ein heiteres Gemüt ist stets wie auf einem Gastmahle, das ist der Mitleidslose. R. Jehošua͑ b. Levi erklärte: Alle Tage des Armen sind schlecht, das

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.