Sanhedrin — Blatt 100a

1noch nie haben sie uns [zum Essen] eine Krähe erlaubt oder eine Taube verboten.

2Wenn man vor Raba ein Totverletztes aus dem Hause des Binjamin brachte, und er einen Grund fand, es [zum Genuß] zu erlauben, sprach er: seht, ich erlaube euch eine Krähe; und wenn er einen Grund fand, es zu verbieten, sprach er: seht, ich verbiete euch eine Taube.

3R. Papa erklärte: Wenn jemand beispielsweise sagt: Jene Rabbanan. Einst vergaß R. Papa und sagte: beispielsweise jene Rabbanan; hierauf verweilte er dieserhalb [einen Tag] im Fasten.

4Levi b. Šemuél und R. Hona b. Ḥija fertigten einst Hüllen für die Bücher in der Schule R. Jehudas; als ihnen eine Esterrolle in die Hand kam, sprachen sie: Diese braucht ebenfalls eine Hülle. Da sprach [R. Jehuda] zu ihnen: Auch dies hat den Anschein der Freidenkerei.

5R. Naḥman erklärte: Einer, der seinen Lehrer beim Namen nennt. R. Joḥanan sagte nämlich: Geḥzi wurde nur deshalb bestraft, weil er seinen Lehrer beim Namen genannt hatte, denn es heißt: da sprach Geḥzi: mein Herr König, das ist das Weib und dies ist ihr Sohn, den Eliša͑ wieder lebendig gemacht hat.

6R. Jirmeja saß vor R. Zera und trug vor: Dereinst wird der Heilige, gepriesen sei er, einen Strom vom Allerheiligsten ziehen, an dem allerhand köstliche Früchte sich befinden werden, denn es heißt: An dem Strome aber sollen zu beiden Seiten seines Ufers allerlei Bäume mit genießbaren Früchten wachsen; deren Laub soll nicht welken und deren Früchte sollen kein Ende nehmen. Alle Monate sollen sie frische Früchte tragen; denn ihr Wasser geht vom Heiligen aus. Und ihre Früchte werden als Speise dienen und ihr Laub als Heilmittel. Da sprach ein Greis zu ihm: Richtig, ebenso sagte auch R. Joḥanan. Da fragte R. Jirmeja den R. Zera: Hat dies den Anschein der Freidenkerei?

7Dieser erwiderte: Er unterstützt dich ja. Wenn du aber einen ähnlichen Fall gehört hast, so wird es folgender sein. R. Joḥanan saß einst und trug vor: Dereinst wird der Heilige, gepriesen sei er, dreißig zu dreißig Ellen große Edelsteine und Perlen holen, in diese [Öffnungen] von zehn [Ellen Breite] und zwanzig [Ellen] Höhe bohren und sie vor den Toren Jerušalems aufstellen, denn es heißt: und deine Zinnen will ich aus Jaspis machen und deine Tore aus Karfunkeln &c. Da lachte ein Schüler über ihn, indem er sprach: Wenn es solche in der Größe eines Reihereies nicht gibt, wie sollte es solche in dieser Größe geben!?

8Nach Tagen reiste er zu Schiff auf dem Meere und sah Dienstengel Edelsteine und Perlen sägen; da fragte er sie, für wen diese bestimmt seien; und sie erwiderten ihm: Dereinst wird sie der Heilige, gepriesen sei er, vor den Toren Jerušalems aufstellen. Als er zurückkam, traf er R. Joḥanan vortragen, und er sprach zu ihm: Meister, trage vor, für dich geziemt es sich, vorzutragen; was du gesagt hast, habe ich auch gesehen. Dieser entgegnete: Wicht, wenn du es nicht gesehen hättest, würdest du es nicht geglaubt haben; du spottest also über die Worte der Weisen. Da richtete er auf ihn seine Augen und machte ihn zu einem Knochenhaufen.

9Man wandte ein: Ich führe euch aufrecht; R. Meír sagte, zweihundert Ellen hoch, die zweifache Höhe Adam des Urmenschen; R. Jehuda sagte, hundert Ellen hoch, entsprechend der Höhe des Tempels und seiner Wände, denn es heißt: unsere Söhne sind in ihrer Jugend wie sorgsam gezogene Pflanzen, unsere Töchter wie Ecksäulen, die nach Tempelbauart ausgehauen sind &c.!? –

10R. Joḥanan spricht nur von den Luftfenstern. –

11Was heißt: und ihr Laub als Heilmittel? R. Jiçḥaq b. Evdämi und R. Ḥisda [erklärten es]; einer erklärte, zur Lösung des oberen Mundes, und einer erklärte, zur Lösung des unteren Mundes.

12Es wird gelehrt: Ḥizqija erklärte, zur Lösung des Mundes der Stummen; Bar Qappara erklärte, zur Lösung des Mundes der Unfruchtbaren. R. Joḥanan erklärte, als wirkliches Heilmittel. – Als was für ein Heilmittel? R. Šemuél b. Naḥmani erwiderte: Für schönes Aussehen der Leute, die sich mit dem Munde [beschäftigen].

13R. Jehuda b. R. Simon trug vor: Wer sein Gesicht auf dieser Welt für Worte der Tora schwarz werden läßt, dem wird der Heilige, gepriesen sei er, seinen Gesichtsglanz in der zukünftigen Welt leuchten lassen, denn es heißt: sein Anblick gleich dem des Lebanon, auserlesen wie die Cedern.

14R. Tanḥum b. Ḥanilaj sagte: Wer für Worte der Tora auf dieser Welt hungert, den wird der Heilige, gepriesen sei er, in der zukünftigen Welt sättigen, denn es heißt: sie laben sich vom Fette deines Hauses, und mit dem Bache deiner Wonnen tränkst du sie.

15Als R. Dimi kam, sagte er: Dereinst wird der Heilige, gepriesen sei er, jedem Frommen eine volle Handladung geben, denn es heißt: gepriesen sei der Herr, Tag für Tag ladet er für uns auf; Gott ist unsere Hilfe. Sela. Abajje sprach zu ihm: Ist es denn möglich, dies zu sagen, es heißt ja: wer hat mit seiner hohlen Hand die Wasser gemessen und dem Himmel mit der Spanne sein Maß bestimmt !?

16Dieser erwiderte: Weshalb warst du nicht beim agadischen Vortrage anwesend? Im Westen sagten sie nämlich im Namen des Raba b. Mari, dereinst werde der Heilige, gepriesen sei er, jedem Frommen dreihundertundzehn Welten geben, denn es heißt: daß ich meinen Freunden Besitztum [ješ] zu eigen gebe und ihre Schatzkammern fülle; [der Zahlenwert des Wortes] ješ beträgt dreihundertundzehn.

17Es wird gelehrt: R. Meír sagte: Mit dem Maße, mit dem ein Mensch mißt, mißt man ihm, denn es heißt: je nach dem Maße rechnest du mit ihr bei ihrer Entlassung.

18R. Jehošua͑ sprach: Ist es denn möglich, dies zu sagen; wenn jemand in dieser Welt einem Armen eine volle Handladung gibt, sollte ihm der Heilige, gepriesen sei er, in der zukünftigen Welt seine volle Handladung geben, es heißt ja: und dem Himmel mit der Spanne sein Maß bestimmt!? – Bist du etwa nicht dieser Ansicht!? Welches Maß ist größer, das Maß der Güte oder das Maß der Strafe?

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.