Sanhedrin — Blatt 111a
1Was heißt Amen? R. Ḥanina erwiderte: Ein [Akrostichon von] Gott ist ein treuer König.
2Darum wird die Hölle ihren Rachen aufsperren und ihren Mund ganz gesetzwidrig auftun. Reš Laqiš sagte: Auch wenn jemand nur ein Gesetz vernachlässigt hat. R. Joḥanan sprach: Es ist ihrem Herrn nicht gefällig, daß du dies von ihnen sagst; vielmehr, auch wenn jemand nur ein Gesetz gelernt hat.
3Und im ganzen Lande, Spruch des Herrn, sollen zwei Drittel ausgerottet werden, vergehen, und nur ein Drittel soll zurückbleiben. Reš Laqiš sagte: Ein Drittel des Dritten Šems. R. Joḥanan sprach zu ihm: Es ist ihrem Herrn nicht gefällig, daß du dies von ihnen sagst; vielmehr, ein Drittel des Dritten Noaḥs.
4Denn ich habe mir euch angetraut, ich will euch holen einen aus einer Stadt und zwei aus einem Geschlechte. Reš Laqiš sagte: Die Worte [sind so zu verstehen], wie sie geschrieben sind. R. Joḥanan sprach zu ihm: Es ist ihrem Herrn nicht gefällig, daß du dies von ihnen sagst; vielmehr, einer in einer Stadt [schützt] durch sein Verdienst die ganze Stadt, und zwei in einem Geschlechte [schützen] durch ihr Verdienst das ganze Geschlecht. Einst saß R. Kahana vor Rabh und trug dies vor, und erklärte, die Worte [seien so zu verstehen], wie sie geschrieben sind. Da sprach Rabh zu ihm: Es ist ihrem Herrn nicht gefällig, daß du dies von ihnen sagst; vielmehr, einer in einer Stadt [schützt] durch sein Verdienst die ganze Stadt, und zwei in einem Geschlechte [schützen] durch ihr Verdienst das ganze Geschlecht.
5Darauf bemerkte er, daß [R. Kahana] sich den Kopf kraute und vor ihm fortwährend aufstand und sich wieder niedersetzte. Da sprach er zu ihm: Und nicht zu finden im Lande der Lebendigen. Da sprach dieser: Du verfluchst mich! Jener erwiderte: Ich las nur einen Schriftvers vor; die Tora ist nicht bei dem zu finden, der sich beim [Studium] derselben gemächlich macht.
6Es wird gelehrt: R. Simaj sagte: Es heißt: ich werde mir euch zum Volke nehmen, und es heißt: ich werde euch bringen; man vergleiche also ihren Auszug aus Miçrajim mit ihrem Einzüge in das Land: wie bei ihrem Einzüge in das Land nur zwei von sechzig Myriaden zurückgeblieben waren, ebenso waren bei ihrem Auszuge aus Miçrajim nur je zwei von je sechzig Myriaden zurückgeblieben. Raba sagte: Ebenso wird es auch in den messianischen Tagen geschehen, denn es heißt: und sie wird da singen, wie zur Zeit ihrer Jugend, wie am Tage, als sie aus Miçrajim heraufzog.
7Es wird gelehrt: R. Elea͑zar b. Jose erzählte: Einst kam ich nach Alexandrien in Ägypten und traf da einen Greis, der zu mir sprach: Komm, ich will dir zeigen, was meine Vorfahren mit deinen Vorfahren gemacht haben. Manche von ihnen ertränkten sie im Meere, manche von ihnen erschlugen sie mit dem Schwerte und manche von ihnen mauerten sie in die Bauwerke ein. Dieser Sache wegen wurde unser Meister Moše bestraft, denn es heißt: denn seitdem ich zum Pareo͑ gegangen bin, um in deinem Namen zu reden, behandelt er dieses Volk noch schlechter.
8Der Heilige, gepriesen sei er, erwiderte ihm: Wehe, daß die Verlorengegangenen nicht mehr da sind! Gar oft offenbarte ich mich Abraham, Jiçḥaq und Ja͑qob als ‘allmächtiger Gott’, sie aber haben sich über meine Handlungsweise keine Gedanken gemacht, noch fragten sie mich nach meinem Namen. Ich sprach zu Abraham: Mache dich auf und durchziehe das Land nach seiner Länge und Breite, denn dir will ich es zu eigen geben; später wollte er Sara bestatten, und fand keinen Platz, bis er einen für vierhundert Silberšeqel kaufen mußte; dennoch machte er sich keine Gedanken über meine Handlungsweise.
9Ich sprach zu Jiçḥaq: Weile in diesem Lande, so will ich mit dir sein und dich segnen; später wollten seine Knechte Wasser zum Trinken, und fanden keines, bis sie darüber herumstreiten mußten, wie es heißt: die Hirten von Gerar aber gerieten in Streit mit den Hirten Jiçḥaqs und sprachen: Uns gehört das Wasser; dennoch machte er sich keine Gedanken über meine Handlungsweise.
10Ich sprach zu Ja͑qob: Das Land, auf dem du liegst, das werde ich dir verleihen; später wollte er sein Zelt aufschlagen und fand keinen [Platz], bis er welchen für hundert Qešiṭa kaufen mußte; dennoch machte er sich keine Gedanken über meine Handlungsweise. Diese fragten mich nicht nach meinem Namen, und du fragtest mich zuerst nach meinem Namen, und nun sagst du zu mir: Und du hast dein Volk keineswegs errettet. Nun sollst du sehen, was ich dem Pareo͑ antun werde; du sollst den Krieg mit dem Pareo͑ sehen, nicht aber sollst du den Krieg mit den einunddreißig [kenaa͑nitischen] Königen sehen.
11Da neigte sich Moše eilends bis an den Boden und warf sich nieder. Was sah Moše?
12R. Ḥanina b. Gamia sagte, er sah [das Attribut] Langmut; die Weisen sagten, er sah [das Attribut] Wahrheit. Es gibt eine Lehre übereinstimmend mit dem, welcher sagt, er sah [das Attribut] Langmut: Als Moše in die Höhe stieg, traf er den Heiligen, gepriesen sei er, dasitzen und ‘Langmut’ schreiben. Da sprach er zu ihm: Herr der Welt, langmütig für die Frommen! Er erwiderte ihm: Auch für die Frevler. Jener entgegnete: Mögen die Frevler untergehen! Da erwiderte er ihm: Du sollst nun sehen, was du verlangt hast.
13Als darauf die Jisraéliten sündigten, sprach er zu ihm: Hast du etwa nicht zu mir gesagt: langmütig nur für die Frommen!?
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.