Sanhedrin — Blatt 49b

1VIER TODESARTEN SIND DEM GERICHTE ÜBERGEBEN WORDEN: STEINIGUNG, VERBRENNUNG, ENTHAUPTUNG UND ERDROSSELUNG; R. ŠIMO͑N SAGT: VERBRENNUNG, STEINIGUNG, ERDROSSELUNG UND ENTHAUPTUNG. JENES IST DAS VERFAHREN BEI DER STEINIGUNG.

2GEMARA. Raba sagte im Namen R. Seḥoras im Namen R. Honas: Wo auch die Weisen etwas in einer Reihenfolge lehren, ist dies nicht genau zu nehmen, außer bei [der Lehre von den] sieben Prüfungsmitteln,

3denn wir haben gelernt: Sieben Prüfungsmittel bringe man über den Fleck: nüchternen Speichel, Graupensuppe, Urin, Natron, Laugsalz, Kimolia-Kreide und Ašlag.

4Hierzu wird im Schlußsatze gelehrt, daß es, wenn man sie in anderer Reihenfolge oder alle zusammen angewendet hat, erfolglos sei.

5R. Papa der Greis sagte im Namen Rahhs: Dies gilt auch von den vier Todesarten; da R. Šimo͑n sie anders [aufzählt], so ist zu schließen, daß [die Reihenfolge] genau zu nehmen sei. — Und jener!? — Von Fällen, worüber ein Streit besteht, spricht er nicht.

6R. Papa sagte: Dies gilt auch von der Reihenfolge [der Dienstverrichtungen] am Versöhnungstage. Wir haben nämlich gelernt: Wenn er von all den Verrichtungen, die am Versöhnungstage der Reihe nach zu erfolgen haben, eine spätere früher verrichtet hat, so ist es ungültig. —

7Und jener!? — Da ist dies nur eine besondere Erschwerung.

8R. Hona, Sohn des R. Jehošua͑, sagte: Dies gilt auch von der Reihenfolge [der Dienstverrichtungen] beim beständigen Opfer, denn von dieser lehrte er: dies ist die Reihenfolge beim beständigen Opfer. — Und jener!? — Hierbei ist dies nur eine Vorschrift.

9Jener wollte nur sagen, daß dies beim Gesetze von der Ḥaliça nicht der Fall sei, denn wir haben gelernt: Die Zeremonie der Ḥaliça erfolgt also: Er und seine Schwägerin erscheinen vor dem Gerichte, und [die Richter] erteilen ihm einen für ihn passenden Rat, wie es heißt: die Ältesten seiner Stadt sollen ihn laden und mit ihm sprechen.

10Sie spricht dann: Mein Schwager weigert sich &c. Hierauf spricht er: Ich will sie nicht nehmen. Sie sprechen in der Heiligensprache:

11So soll seine Schwägerin in Gegenwart der Ältesten an ihn herantreten, ihm den Schuh abziehen und ihm ins Angesicht spucken; Speichel, den die Richter sehen. Und anheben und sprechen: So geschehe es dem Manne &c. und er soll in Jisraél genannt werden &c.

12Hierzu sagte R. Jehuda, das Verfahren bei der Ḥaliça erfolge also. Sie spreche, er spreche, sie ziehe ihm den Schuh ab, spucke aus und spreche.

13Und auf unseren Einwand, was er da lehre, dies lehre ja bereits unsere Mišna, [wurde erwidert], er lehre, daß dies Vorschrift sei, jedoch ist nichts dabei, wenn [die Reihenfolge] nicht eingehalten wird. Ebenso wird auch gelehrt: Einerlei ob die Entschuhung vor dem Ausspucken oder das Ausspucken vor der Entschuhung erfolgt ist, ist die Handlung gültig.

14Ferner schließt dies folgende Lehre aus. Der Hochpriester verrichtet den Dienst in acht Gewändern, der gemeine [Priester] in vier: Leibrock, Beinkleider, Kopftuch und Gürtel; beim Hochpriester kommen noch hinzu: Brustschild, Schulterkleid, Obergewand und Stirnblatt.

15Hierzu wird gelehrt: Woher, daß er nichts vor den Beinkleidern anziehen darf? Es heißt: Beinkleider aus Linnen soll er über seinen Leib ziehen. —

16Weshalb nennt jener Autor den Leibrock zuerst? — Weil die Schrift ihn zuerst nennt. — Weshalb nennt die Schrift ihn zuerst? — Weil das, was den ganzen Körper bedeckt, wichtiger ist.

17STEINIGUNG, VERBRENNUNG &C. Die Steinigung ist eine schwerere [Todesart] als die Verbrennung, denn diese wurde für den Gotteslästerer und den Götzendiener bestimmt, deren [Verbrechen] sehr schwer ist, denn sie recken ihre Hand gegen Gott. —

18Im Gegenteil, die Verbrennung ist ja schwerer, denn diese wurde für die hurende Priesterstochter bestimmt, deren [Verbrechen] sehr schwer ist, denn sie entweiht ihren Vater!? —

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.