Sanhedrin — Blatt 49a
1Lieber lasse dich verfluchen als andere zu verfluchen.
2Als man Joab vor das Gericht führte, fragte man ihn: Weshalb hast du Abner getötet? Er erwiderte: Ich war der Bluträcher des A͑saél. – A͑saél war ja Verfolger. Er erwiderte: Er sollte sich durch [das Zielen auf] eines seiner Glieder retten.
3Man entgegnete ihm: Er konnte dies nicht. Er erwiderte: Wenn er sogar genau auf die fünfte Rippe zielen konnte, – es heißt nämlich: da stieß ihm Abner rückwärts den Spieß in den Wanst , und hierzu sagte R. Joḥanan, in die fünfte Rippe, wo die Galle und die Leber sich befinden, – wie sollte er nicht auf eines seiner Glieder gezielt haben können!?
4Darauf sprachen sie zu ihm: Lassen wir [das Ereignis mit] Abner; weshalb aber hast du A͑masa getötet? Er erwiderte: A͑masa widersetzte sich gegen den König. Es heißt nämlich: Da sprach der König zu A͑masa: Biete mir die Judäer in drei Tagen auf &c. Da machte sich A͑masa auf den Weg, die Judäer aufzubieten, er verzögerte &c.
5Man entgegnete ihm: A͑masa deutete [die Partikeln] aber und nur . Er traf sie nämlich,
6als sie gerade einen Traktat begonnen hatten; da sprach er: Es heißt: wer deinem Befehle zuwiderhandelt und deinen Anweisungen nicht gehorcht, soll getötet werden; man könnte glauben, auch gegen die Worte der Tora, so heißt es: nur sei stark und fest.
7Vielmehr, du selber hast dich gegen den König widersetzt. Es heißt nämlich: als aber das Gerücht bis zu Joab gedrungen war, denn Joab hatte sich an Adonija angeschlossen während er sich an Abšalom nicht angeschlossen hatte,
8und das ‘nicht angeschlossen’ erklärte R. Jehuda, er wollte sich anschließen, tat es aber nicht. – Weshalb schloß er sich ihm nicht an? R. Elea͑zar erwiderte: Noch bestand der Saft Davids.
9R. Jose b. Ḥanina erklärte: Noch bestanden die Schicksalsleiter Davids. R. Jehuda sagte nämlich im Namen Rabhs: Vierhundert Kinder hatte David, es waren Kinder von den schönen Frauen; alle trugen sie Locken und gingen an der Spitze von Raubtruppen; diese waren die Faustmänner des Davidischen Hauses.
10Er streitet somit gegen R. Abba b. Kahana, denn R. Abba b. Kahana sagte: Wenn nicht [das Verdienst] Davids, würde Joab keinen Krieg [mit Erfolg] geführt haben, und wenn nicht Joab, würde David sich nicht mit der Tora befaßt haben, denn es heißt: und David übte Recht und Gerechtigkeit an seinem ganzen Volke; und Joab, der Sohn der Çeruia, war über das Heer gesetzt: weshalb übte David Recht und Gerechtigkeit an seinem ganzen Volke? Weil Joab über das Heer gesetzt war, und weshalb war Joab über das Heer gesetzt? Weil David Recht und Gerechtigkeit an seinem ganzen Volke übte.
11Und als Joab David verlassen hatte, schickte er Abner Boten nach, und diese holten ihn von Borhasira. Welche [Bedeutung hat der Name] Bor-hasira? R. Abba b. Kahana erwiderte: Krug [bor] und Dorn [sira] veranlaßten, daß Abner getötet wurde.
12Und Joab führte ihn mitten unter das Tor, um vertraulich mit ihm zu reden. R. Joḥanan sagte: Er richtete ihn nach dem Rechte des Synedriums. Er sprach nämlich zu ihm: Weshalb hast du A͑saél getötet? – A͑saél war ein Verfolger. – Du solltest dich durch [das Zielen auf] eines seiner Glieder retten. – Dies konnte ich nicht. – Wenn du sogar genau auf die fünfte Rippe zielen konntest; wieso solltest du auf eines seiner Glieder nicht gezielt haben können!?
13Um mit ihm vertraulich zu reden. R. Jehuda erklärte im Namen Rabhs: In der Angelegenheit des Schuhabziehens. Da stieß er ihn in den Wanst. R. Joḥanan sagte: In die fünfte Rippe, wo die Galle und die Leber sich befinden.
14Und der Herr wird sein Blut auf sein Haupt zurückkommen lassen, weil er zwei Männer niedergestoßen hat, die frömmer und besser waren als er; besser, denn sie deuteten [die Partikeln] aber und nur, er aber nicht; frömmer, denn sie hatten einen mündlichen Auftrag und befolgten ihn nicht, er aber hatte nur einen schriftlichen und befolgte ihn wohl.
15A͑masa aber hatte das Schwert nicht beachtet, das Joab in der Hand hielt. Rabh sagte, er hatte ihn nicht in Verdacht.
16und er wurde in seinem Hause in der Wüste begraben. War denn sein Haus eine Wüste? R. Jehuda erklärte im Namen Rabhs: Es glich einer Wüste: wie eine Wüste jedem offen steht, ebenso stand das Haus Joabs jedem offen. Eine andere Erklärung: Gleich einer Wüste: wie eine Wüste rein ist von Raub und Unzucht, ebenso war das Haus Joabs rein von Raub und Unzucht. Und Joáb ernährte die übrige Stadt. R. Jehuda sagte: Selbst Fischtunke und kleine Fische, die er nur kostete, teilte er mit ihnen.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.