Sanhedrin — Blatt 81a

1sprich nicht so zu deinem Vater, denn es wird gelehrt: Wenn sein Vater Worte der Tora übertreten hat, so sage er nicht zu ihm: Vater, du hast Worte der Tora übertreten, vielmehr sage er zu ihm: Vater, in der Tora aber heißt es so. – Schließlich ist es ja dasselbe!? – Vielmehr, er sage zu ihm: In der Tora befindet sich folgender Schriftvers.

2WER SICH ZWEI TODESSTRAFEN ZUGEZOGEN HAT, WIRD DURCH DIE SCHWERERE [TODESART] HINGERICHTET. WER EINE SÜNDE BEGANGEN HAT, AUF DIE ZWEI TODESSTRAFEN GESETZT SIND, WIRD DURCH DIE STRENGERE HINGERICHTET; R. JOSE SAGT, ER WERDE WEGEN DER ZUERST ANHAFTENDEN SÜNDE BESTRAFT.

3GEMARA. Selbstverständlich, sollte er denn im Vorteil sein!?

4Raba erwiderte: Hier handelt es sich um den Fall, wenn er, nachdem er eine leichtere Sünde begangen und deswegen abgeurteilt worden ist, eine schwerere begangen hat; man könnte nämlich glauben, er gelte, da er bereits wegen der leichteren Sünde abgeurteilt worden ist, als toter Mann, so lehrt er uns.

5Der Vater des R. Joseph b. Ḥama fragte Rabba b. Nathan: Woher das, was die Rabbanan sagten, wer sich zwei Todesstrafen zugezogen hat, werde durch die strengere hingerichtet? – Es heißt:er erzeugt einen gewalttätigen Sohn, der Blut vergießt &c. auf den Bergen ißt und die Frau seines Nächsten verunreinigt &c. und zu den Götzen seine Augen erhebt.

6Er erzeugt einen gewalttätigen Sohn, der Blut vergießt, [dieser wird hingerichtet] durch das Schwert; die Frau seines Nächsten verunreinigt, also ein Ehebruch, durch Erdrosselung; zu den Götzen seine Augen erhebt, also Götzendienst, durch Steinigung; und darauf heißt es: er soll sterben, sein Blut komme über ihn, durch Steinigung.

7R. Naḥman b. Jiçḥaq wandte ein: Vielleicht werden all diese Verbrechen durch Steinigung bestraft!? Er erzeugt einen gewalttätigen Sohn, der Blut vergießt, das ist ein mißratener und widerspenstiger Sohn, der durch Steinigung hingerichtet wird; die Frau seines Nächsten verunreinigt, nämlich ein verlobtes Mädchen, worauf die Steinigung gesetzt ist; und zu den Götzen seine Augen erhebt, das ist der Götzendienst, worauf die Steinigung gesetzt ist. –

8Was würde uns demnach Jeḥezqel gelehrt haben. – Vielleicht wiederholte er nur das Gesetz!? – So müßte er es auf dieselbe Weise wiederholt haben, wie uns unser Meister Moše es gelehrt hat.

9R. Aḥa b. Ḥanina trug vor: Es heißt: auf den Bergen aß er nicht, er aß nicht wegen des Verdienstes seiner Vorfahren: seine Augen erhob er nicht zu den Götzen des Hauses Jisraél, er ging nicht mit erhobener Statur;

10und die Frau seines Nächsten verunreinigte er nicht, er griff nicht ins Handwerk seines Genossen; und einer menstruierenden Frau nahte er nicht, er genoß nicht von der Almosenkasse. Hierüber heißt es: er ist fromm und soll leben bleiben. Wenn R. Gamliél an diesen Vers herankam, weinte er, indem er sprach: Nur wer dies alles befolgt, wird leben, nicht aber, wer eines von diesen [befolgt].

11R. A͑qiba sprach zu ihm: Es heißt ja auch: ihr sollt euch nicht mit all diesem verunreinigen; da ist ja nicht mit allen zu erklären, sondern mit einem von diesen, ebenso auch hierbei: eines von diesen.

12HAT JEMAND EINE SÜNDE BEGANGEN. Es wird gelehrt: Von welchem Falle sagte R. Jose, er werde wegen der ersten Sünde bestraft? Wenn sie vorher seine Schwiegermutter war und nachher Ehefrau geworden ist, so wird er wegen [Beschlafens einer] Schwiegermutter bestraft; wenn sie vorher Ehefrau war und nachher seine Schwiegermutter geworden ist, so wird er wegen [Beschlafens einer] Ehefrau bestraft.

13R. Ada b. Ahaba sprach zu Raba: Weshalb wird er, wenn sie vorher seine Schwiegermutter war und nachher Ehefrau geworden ist, nur wegen [Beschlafens einer] Schwiegermutter bestraft,

14er sollte doch auch wegen des Verbotes einer Ehefrau bestraft werden, denn R. Abahu sagte ja, R. Jose pflichte bei einer Erweiterung des Verbotes bei!?

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.