Sanhedrin — Blatt 89b

1der Gefährte des Mikha, wie es heißt: einer von den Prophetenjüngern aber sprach auf Befehl des Herrn zu seinem Gefährten: Erschlage mich doch! Jener aber weigerte sich, ihn zu erschlagen. Darauf folgt: da sprach er zu ihm: Weil du nicht gehorcht hast &c.

2DER PROPHET, DER SEINE EIGENEN WORTE ÜBERTRITT. Beispielsweise der Prophet I͑do, denn es heißt: denn so ist mir befohlen worden; ferner: da sprach er zu ihm: Auch ich bin ein Prophet wie du; ferner: da kehrte er mit ihm um; und darauf heißt es: und als er wegging, traf unterwegs ein Löwe auf ihn.

3Ein Jünger rezitierte vor R. Ḥisda: Wer seine Prophezeiung zurückhält, ist zu geißeln. Dieser sprach zu ihm: Wer Datteln aus einem Siebe gegessen hat, sollte gegeißelt werden: wer hat ihn denn gewarnt!? Abajje erwiderte: Seine Kollegen, die Propheten. –

4Woher wissen es diese? Abajje erwiderte: Es heißt: denn Gott der Herr tut nichts, ohne daß er seinen Entschluß geoffenbart hat. – Vielleicht ist er davon abgekommen!? – Wäre er davon abgekommen, so würde er dies allen Propheten mitgeteilt haben. –

5Aber beim [Propheten] Jona war er ja davon abgekommen, dennoch war es ihm nicht mitgeteilt worden!? – Zu Jona sagte er von vornherein, Ninve werde umgekehrt werden, er wußte jedoch nicht, ob zum Guten oder zum Bösen.

6«Wer die Worte der Propheten mißachtet.» Woher wußte er es denn, daß er bestraft werden sollte!? – Wenn jener ein Zeichen gegeben hat. – Aber Mikha hatte ja kein Zeichen gegeben, dennoch wurde [sein Gefährte] bestraft!? – Anders ist es, wenn [der Prophet] bewährt ist.

7Wäre dem nicht so, wieso gehorchte Jiçḥaq dem Abraham am Berge Morija, und wieso verließen sie sich am Berge Karmel auf Elijahu und brachten außerhalb [des Tempels] Opfer dar!? Vielmehr ist es bei einem bewährten [Propheten] anders.

8Nach diesen Begebenheiten, da versuchte Gott Abraham. Nach welchen?

9R. Joḥanan erwiderte im Namen des R. Jose b. Zimra: Nach den Worten des Satans. Es heißt nämlich: und der Knabe wuchs heran und wurde entwöhnt &c. Der Satan sprach nämlich vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, du hast ihm mit hundert Jahren eine Leibesfrucht geschenkt; von seinem ganzen Festmahle aber hatte er nicht eine Turteltaube und nicht eine junge Taube, um sie dir zu opfern! Er erwiderte ihm: Dies alles tat er ja nur wegen seines Sohnes, und wenn ich zu ihm sagen würde, daß er seinen Sohn für mich schlachte, so tut er es sofort. Hierauf: da versuchte Gott Abraham.

10Und er sprach: Nimm doch deinen Sohn. R. Šimo͑n b. Abba sagte: ‘Doch’ ist nichts anderes als eine Art Bitte. Ein Gleichnis: Ein König aus Fleisch und Blut war in viele Kriege verwickelt, der hatte einen Helden, der immer siegte; als ihm nach Tagen wieder ein schwerer Krieg bevorstand, sprach er zu ihm: Ich bitte dich, halte Stand in diesem Kriege, damit man nicht sage, die früheren seien bedeutungslos. Ebenso sprach der Heilige, gepriesen sei er, zu Abraham: Ich habe dich durch viele Versuchungen geprüft, und du hast sie immer bestanden, halte Stand auch bei dieser Versuchung, damit man nicht sage, die früheren seien bedeutungslos.

11Deinen Sohn. – Ich habe zwei Söhne. – Deinen einzigen. – Der eine ist ein einziger seiner Mutter und der andere ist ein einziger seiner Mutter. – Den du lieb hast. – Beide sind mir lieb. – Den Jiçḥaq. – Wozu dies alles? – Um nicht sein Sinnen [durch die Überraschung] zu verwirren.

12Auf dem Wege begegnete ihm der Satan und sprach zu ihm: Wird es dich verdrießen, wenn wir es versuchten, an dich ein Wort zu richten &c. Du hast selbst viele ermahnt und schlaffe Hände neu gestärkt, den Strauchelnden hielten deine Worte aufrecht &c. Nun trifft es dich, und du verzagst. Jener erwiderte ihm: Ich aber will in meiner Unschuld wandeln.

13Dieser sprach: Ist deine Gottesfurcht nicht dein Vertrauen !? Jener erwiderte: Bedenke doch, wer kam je schuldlos um. Als er sah, daß er auf ihn nicht hörte, sprach er zu ihm: Zu mir drang ein verstohlenes Wort; ich hörte (von) hinter dem [himmlischen] Vorhange, daß ein Schaf und nicht Jiçḥaq zum Brandopfer bestimmt sei. Jener erwiderte ihm: Das ist die Strafe des Lügners, selbst wenn er die Wahrheit spricht, glaubt man ihm nicht.

14R. Levi erklärte: Nach den Worten, die Jišma͑él an Jiçḥaq gerichtet hatte. Jišma͑él sprach nämlich zu Jiçḥaq: Ich bin inbetreff der gottgefälligen Handlungen bedeutender als du; du bist mit acht Tagen beschnitten worden, ich aber mit dreizehn Jahren. Er erwiderte ihm: Du neckst mich wegen des einen Gliedes, ich aber würde, wenn der Heilige, gepriesen sei er, mich auffordern sollte, mich für ihn schlachten zu lassen, auch dies tun. Hierauf: da versuchte Gott Abraham.

15Die Rabbanan lehrten: Ein Prophet, der [zum Götzendienste] verleitet, wird durch Steinigung hingerichtet; R. Šimo͑n sagt, durch Erdrosselung.

16Die Verleiter einer abtrünnigen Stadt werden durch Steinigung hingerichtet; R. Šimo͑n sagt, durch Erdrosselung. «Ein Prophet, der verleitet, wird durch Steinigung hingerichtet.» Was ist der Grund der Rabbanan? – Sie folgern es durch [das Wort] verleiten, das auch beim Verführer [zum Götzendienste] gebraucht wird, wie dieser durch Steinigung, ebenso auch jener durch Steinigung. –

17Und R. Šimo͑n!? – Bei jenem heißt es, daß er getötet werde, und überall, wo in der Tora vom Tode ohne nähere Angabe gesprochen wird, ist es die Erdrosselung. –

18«Die Verleiter einer abtrünnigen Stadt werden durch Erdrosselung hingerichtet.» Was ist der Grund der Rabbanan? – Sie folgern es durch [das Wort] verleiten , das auch beim Verführer, oder auch beim verleitenden Propheten gebraucht wird. –

19Und R. Šimo͑n!? – Er folgert es durch [das Wort] verleiten, das auch beim Propheten gebraucht wird. –

20Sollte er es doch vom Verführer folgern!? – Man folgere hinsichtlich des Verführers einer Menge vom Verführer einer Menge, nicht aber hinsichtlich des Verführers einer Menge vom Verführer eines einzelnen. – Im Gegenteil, man folgere doch hinsichtlich eines Gemeinen von einem Gemeinen, nicht aber hinsichtlich eines Gemeinen von einem Propheten!? –

21R. Šimo͑n [erklärt:] da er Verleiter geworden ist, so gibt es keinen größeren Gemeinen als ihn.

22R. Ḥisda sagte:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.